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| From | Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> |
|---|---|
| Newsgroups | ger.ct |
| Subject | Re: Heute vor 50 Jahren |
| Date | 2023-09-15 16:17 +0200 |
| Organization | A noiseless patient Spider |
| Message-ID | <ue1p14$39bjk$1@dont-email.me> (permalink) |
| References | (8 earlier) <5t65031f32i376996n3e8%sfroehli@Froehlich.Priv.at> <udv9si$2lnkb$2@dont-email.me> <1t65032be3i378648n3e8%sfroehli@Froehlich.Priv.at> <kmisidFnueaU2@mid.individual.net> <3t65044854i39b834n3e8%sfroehli@Froehlich.Priv.at> |
Salve allerseits, Stefan Froehlich schrieb: > On Fri, 15 Sep 2023 13:13:17 Hartmut Ott wrote: >> Am 14.09.23 um 17:54 schrieb Stefan Froehlich: >> >>> Du darfst gerne auch russische Völkerrechtler mit einbeziehen; >>> vielleicht halt nicht aktuelle Aussagen (als Angehöriger einer >>> Konfliktpartei wäre das doch arg unethisch), aber die Materie hat >>> sich seit +/- den 50ern und 60ern nicht gar so gravierend >>> verändert. >> >> Womit man dann zur spannenden Frage kommt, ob die Konfliktparteien >> nur die sind die Soldaten etc. kämpfen lassen oder ab man die >> "Unterstützer" nicht auch dazu zählen müsste. Vor allem, wenn >> diese Unterstützer teilweise vorgeben was zu tun ist. > > Möchtest Du mit Deiner ziemlich kryptischen Formulierung andeuten, > dass andere Staaten der Ukraine vorgeben "was zu tun ist"? Das stimmt > zwar indirekt, indem durch Nichtlieferung mancher Waffen vorgegeben > wird, was *nicht* zu tun ist, aber dadurch wird niemand zur Konfliktpartei. > Im übrigen auch nicht durch Waffenlieferungen, egal wie man dazu steht > (auch der Iran wird durch die Lieferung von Kamikazedrohnen nicht zur > Konfliktpartei). Darüber haben sich - wenig überraschend - auch schon > vor langer Zeit kluge Leute den Kopf zerbrochen, man kann den eigenen > also schonen. > +--- <hier abknabbern> --- | Mit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine steht auch ein | Teil der Wirtschaftswelt Kopf. Europa ordnet seinen Energiemarkt neu, | Russland muss mit beispiellosen Sanktionen umgehen. Die Ukraine beklagt | nicht nur viele Opfer, sondern auch eine beispiellose Zerstörung der | Wirtschaft des Landes. | | *STANDARD*: Sie haben zu Beginn des Krieges gesagt, der wirtschaftliche | Ablösungsprozess Europas von Russland werde für beide Seiten | schmerzlich. Fast ein Jahr später ist die Ablösung weit | vorangeschritten. Gibt es für Sie dabei große Überraschungen? | | *Tooze*: Der Erfolg, mit dem Europa auf dem Markt für flüssiges Erdgas | (LNG) vorgeprescht ist. Europa hatte natürlich ein Riesenglück, weil | China als großer LNG-Importeur durch die Zero-Covid-Politik 2022 | ausgefallen ist und das Wetter mild war. Aber in einer sehr kurzen Zeit | ist es insbesondere Deutschland gelungen, den Gaskonsum zu drosseln und | neue Importquellen zu finden. Das ist in gewisser Weise eine Bestätigung | der Grundthese, dass Preisänderungen etwas bewirken können. Die Krise | ist aber nicht vorbei. Das zu denken wäre sehr gefährlich. | | *STANDARD*: Warum? | | *Tooze*: Die Turbulenzen an den Energiemärkten haben nicht mit dem Krieg | angefangen. Die Energiepreise sind inzwischen wieder auf das Niveau von | 2021 gesunken, aber schon damals lagen sie zwei- bis dreifach über dem | Niveau der vergangenen zehn Jahre. Das heißt, wir sind immer noch in | einer Ausnahmesituation. Dass die Preise schon 2021 hochgeschossen sind, | hatte primär nichts mit irgendeiner russischen Strategie zu tun. | | *STANDARD*: Sondern? | | *Tooze*: Es lag am Gasmarkt. Die Nachfrage war hoch, China hat viel | aufgekauft, während die Mengen am LNG-Markt gering waren. 2022 hat | Europa vor allem die Schwellenländer Asiens vom Markt vertrieben, die | gar nicht mehr zu ihren LNG-Lieferungen kamen. Wenn aber in den | kommenden Monaten nicht Bangladesch, Pakistan und Indien mit Europa um | das vorhandene LNG konkurrieren, also Länder, die finanziell nicht | mithalten können, sondern China, Japan und Südkorea, dann kann es mit | der Entspannung schnell vorbei sein. Man muss sich immer wieder | vergegenwärtigen: Der LNG-Markt ist ein asiatischer Markt, für | ostasiatische Kunden geschaffen. | | *STANDARD*: Ist neben Europa nicht auch Russland überraschend gut durch | die Krise gekommen? Obwohl der Westen gewaltige russische Vermögenswerte | eingefroren und umfassende Sanktionen beschlossen hat. | | *Tooze*: Dass der Westen zu diesen scharfen Sanktionen gegriffen hat, | war die größere Überraschung. Dass Russland weiterhin funktionieren | kann, solange es Öl in großen Mengen und sogar zu höheren Preisen als | vor der Krise ins Ausland verkauft, ist nicht weiter erstaunlich. Ziel | der Finanzsanktionen war es, eine Krise auszulösen. Das ist auch | gelungen, die Finanzmärkte in Russland waren zunächst stark unter Druck. | Aber bei kompetentem Management – und die Russen sind da äußerst | kompetent – waren diese Probleme bewältigbar. Russlands Finanzsystem | musste von jenem des Westens abgekoppelt werden. Und das haben sie | hinbekommen. | | *STANDARD*: Sie argumentieren in Ihrem Buch* über den Zweiten Weltkrieg, | dass das NS-Regime deshalb unterlegen war, weil Deutschland ökonomisch | nicht mit den Alliierten mithalten konnte. Spielt dieser Faktor auch | eine Rolle im aktuellen Konflikt? Russlands Wirtschaft ist winzig im | Vergleich zu jener des Westens. | | *Tooze*: Vergleiche der Kapazitäten einzelner Länder machen dann Sinn, | wenn die Staaten einen totalen Krieg gegeneinander führen. Dann hängt | tatsächlich alles davon ab, wer die größeren Kapazitäten hat. Das | einzige Land, das aktuell eine totale Kriegswirtschaft betreibt, weil es | gar keine Alternative hat, ist die Ukraine. Sie leidet unter der | Situation, die Lage ist wirtschaftlich und gesellschaftlich bedrängend. | Ohne westliche Hilfe wäre das Land nicht lebensfähig. Die übrigen | Staaten unternehmen keine totalen Kriegsanstrengungen, selbst Russland | nicht. | | *STANDARD*: Was bereitet Ihnen bezüglich der Ukraine die meisten Sorgen? | | *Tooze*: Die Inflationsrate ist beängstigend, die Finanzierung des | Krieges ist nicht stabil gesichert. Die Europäer und Amerikaner haben | sich zwar zur finanziellen Unterstützung verpflichtet. Die Ukrainer | müssen aber von Monat zu Monat bangen, was sie bekommen. Wenn man | wirklich an der Fortführung dieses Krieges von der ukrainischen Seite | her interessiert ist, dann sollte man sich über die Frage "Panzer | liefern: ja oder nein?" hinaus intensiver damit beschäftigen, wie sich | die ukrainische Heimatfront stabilisieren lässt. Das beginnt bei | Stromlieferungen, geht aber weiter. Das Problem dabei ist, dass hier die | Schwachstelle der Ukraine liegt. Wenn es um die langfristige | Finanzierung des Staates geht, stellen sich schnell Fragen nach der | Rolle der Oligarchen in Kiew und nach der Korruption dort. | | *STANDARD*: Aktuell wird das nicht diskutiert. | | *Tooze*: All das ist ja durch den heroischen Widerstand der Ukrainer | verdrängt worden. Aber noch vor zwölf Monaten war die weitläufige | Ansicht in den Hauptstädten Europas und in Amerika, dass die Ukraine im | Grunde ein gescheitertes politisches Projekt ist, jedenfalls von | wirtschaftlicher Seite. Wenn man sich Medienberichte Ende 2021 zum | Besuch von Präsident Wolodymyr Selenskyj in Washington beim | Internationalen Währungsfonds ansieht, wirkt der kritische Ton von | damals heute fast anstößig. | | *STANDARD*: Gibt es dazu in der Ukraine selbst eine kritische Debatte? | | *Tooze*: Ja. Es gibt eine ukrainische Linke, die wenig beachtet wird im | Westen. Sie warnt vor der Richtung, in der sich die aktuelle | Wirtschafts- und die Gesellschaftspolitik in der Ukraine entwickeln. | | *STANDARD*: Was wird befürchtet? | | *Tooze*: Die Befürchtung ist, dass die Armut in der Bevölkerung | bedrohlich wird. Dass die Zustände der ukrainischen Familien | unerträglich werden und dass in dieser Situation der Saat | entgegensteuert und im Versuch, die Wirtschaft zu retten, wesentliche | Teile des Wohlfahrtsstaates opfert und den Arbeitsmarkt komplett | dereguliert, im Namen der Flexibilität. Und unter anderem wird diese | Politik auch von westlichen Experten befürwortet, die viele | Berührungsängste haben mit dem ukrainischen Staat. | | *STANDARD*: Die USA engagieren sich stark für die Ukraine. Sind die | Ziele Europas und der USA ident? | | *Tooze*: Die USA engagieren sich nicht deshalb so stark, um Demokratie | gegen Autokratie zu verteidigen. Das ist nicht das Thema hier. Ich sage | das nicht aus Zynismus heraus, sondern weil es einfach unrealistisch | ist, sich vorzustellen, dass es darum geht. Das Ziel Washingtons ist | eine strategische Schwächung Russlands als möglicher Partner Chinas. Das | war nicht die beabsichtigte Politik von Präsident Joe Biden. Die Absicht | im Weißen Haus war eigentlich, Russland abzuspalten von China. Biden | wollte eine Wiederherstellung der Beziehungen mit Moskau versuchen. Dann | hat Putin seine wahnsinnige Fehlentscheidung getroffen und den Krieg | begonnen. Als sich herausgestellt hat, dass der ukrainische Widerstand | funktioniert und die Russen nicht ohne weiteres siegen können, haben die | Entscheidungsträger in Washington die Möglichkeit ergriffen und nützen | seither den Krieg, um Russland strategisch zu schwächen. | | *STANDARD*: Welche Konsequenzen hat das für die EU? | | *Tooze*: Das Problem ist, dass die EU extrem gespalten ist zwischen der | klassischen Achse Paris–Berlin und den neuen EU-Mitgliedern in | Osteuropa. Dass Berlin und Paris möglichst schnell auf einen | Verhandlungsfrieden drängen, war schon immer klar. Niemand wird es | richtig aussprechen, weil es peinlich ist angesichts des tapferen | Widerstands der Ukrainer und der kriminellen Aggressivität Russlands. | Aber es dient den eigenen Interessen Deutschlands und Frankreichs, zumal | aus ihrer Sicht der wichtige Punkt schon erreicht ist: Russland hat | nicht gewonnen. Das Problem ist nur, dass Amerikas Interesse ein anderes | ist. Aber vor allem sieht man es in Polen und im Baltikum anders, wo mit | Nachdruck darauf gedrängt wird, dass Russland nicht nur nicht siegt, | sondern eine echte Niederlage erleidet. +--- </hier abknabbern> --- ©<https://www.derstandard.at/story/2000142490537/wirtschaftshistoriker-tooze-ohne-westliche-hilfe-waere-die-ukraine-nicht-lebensfaehig> M.f.G. -- Diese E-Mail-Adresse wird nur aus nostalgischen Gründen verwendet. Sie wird praktisch nie gelesen. Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur etwas komisch... ;-)
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Re: Heute vor 50 Jahren Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2023-09-10 22:07 +0200
Re: Heute vor 50 Jahren Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2023-09-11 16:38 +0200
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Re: Heute vor 50 Jahren Stefan+Usenet@Froehlich.Priv.at (Stefan Froehlich) - 2023-09-14 23:17 +0000
Re: Heute vor 50 Jahren Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2023-09-15 00:00 -0700
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Re: Heute vor 50 Jahren Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2023-09-14 19:19 +0200
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