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| From | Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> |
|---|---|
| Newsgroups | ger.ct |
| Subject | Re: Heute vor 50 Jahren |
| Date | 2023-09-10 14:45 +0200 |
| Organization | A noiseless patient Spider |
| Message-ID | <udkdop$ir58$1@dont-email.me> (permalink) |
| References | <Chile-20230910132534@ram.dialup.fu-berlin.de> |
Salve allerseits, Stefan Ram schrieb: > > Heute (2023-09-11) vor 50 Jahren (1973-09-11) Der chilenische > Präsident Salvador Allende wird durch einen Militärputsch unter > General Augusto Pinochet gestürzt. > +--- <hier abknabbern> --- | Der Militärputsch in Chile wird vielfach mit der amerikanischen | Machtpolitik im Kalten Krieg erklärt. Doch die Ursachen sind | vielschichtiger und waren im Wesentlichen hausgemacht. Die Rolle der USA | beim Staatsstreich war bedeutsam, aber nicht entscheidend. | | *Eine schicksalshafte Wahl* | | Im September 1970 fanden in Chile Präsidentschaftswahlen statt, welche | die politische und wirtschaftliche Entwicklung in dem Andenland für | Jahrzehnte prägen sollten. Dem populären bisherigen | christlichdemokratischen Präsidenten Eduardo Frei Montalva war laut | Verfassung eine zweite Amtszeit verwehrt. Er war für Washington eine | wichtige politische Stütze gegen die erstarkenden Sozialisten und | Kommunisten gewesen, welche in der Unidad Popular (Volksfront) vereinigt | waren. | | Bei der Volkswahl am 5. September erreichte keiner der Kandidaten das | notwendige absolute Mehr. Salvador Allende machte als Kandidat der | Unidad Popular mit 36,3 Prozent der Stimmen das beste Resultat. Hinter | ihm folgten der Rechtspolitiker Jorge Alessandri (34,9 Prozent) und der | linke Christlichdemokrat Radimiro Tomic (27,8 Prozent). | | Die chilenische Verfassung sah für einen solchen Fall keine Stichwahl | durch das Volk vor, sondern überliess die Entscheidung dem Kongress. | Damit wurde eine Wahl Allendes plötzlich wahrscheinlich, denn die | reformorientierten Christlichdemokraten lehnten eine Unterstützung des | Kandidaten der Rechten ab. | | In Washington war Präsident Nixon aufgebracht. Seit Jahren hatte er die | Demokraten in den USA dafür verantwortlich gemacht, dass sich in Kuba | ein kommunistisches Regime festsetzen konnte. Jetzt drohte während | seiner Präsidentschaft dasselbe in Chile zu geschehen. | | Auch sein Sicherheitsberater Henry Kissinger stufte die Lage als | dramatisch ein. Er sah den politischen Zusammenhalt in der westlichen | Hemisphäre gefährdet. Die USA würden mit einer Wahl von Allende einen | schweren Rückschlag erleiden, während die Sowjetunion im Kalten Krieg | entsprechend Auftrieb bekäme. | | *Geheimoperation der CIA schlägt fehl* | | In Washington wurde in der Folge eine Geheimoperation beschlossen, um | eine Präsidentschaft von Allende zu verhindern. Der Plan sah vor, die | Machtübernahme des Militärs zu provozieren und danach neue Wahlen | anzusetzen, bei denen Eduardo Frei wieder kandidieren würde. Das weitere | Vorgehen ist gut dokumentiert. Das National Security Archive in | Washington hat das Geschehen mit zahlreichen mittlerweile zugänglichen | Dokumenten nachgezeichnet. | | Das Haupthindernis für die Geheimoperation war niemand Geringerer als | der Chef der chilenischen Armee, General René Schneider, der vor den | Wahlen klargemacht hatte, dass sich die Streitkräfte nicht in die | Politik einmischen würden. Mithilfe ausgewählter Offiziere sollte | Schneider entführt und das Verbrechen der Linken angelastet werden. Im | darauf zu erwartenden Aufruhr würde das Militär die Macht übernehmen. | Doch der Plan schlug fehl. Beim Entführungsversuch wehrte sich Schneider | mit seiner Dienstpistole und wurde erschossen. | | Die aufgeflogene Operation der CIA hatte nun den gegenteiligen Effekt. | Die Sympathien flogen erst recht Allende zu. Im Kongress wurde er mit | Unterstützung der Christlichdemokraten gewählt. Sie hatten von ihm zuvor | schriftliche Garantien erhalten, dass er die Verfassung und das | Gewaltmonopol von Polizei und Armee achten werde. | | *Zwei Wege zum Sozialismus* | | Allende hatte versprochen, dass er den Sozialismus in Chile auf | demokratischem Weg einführen werde. Man mag ihm zugutehalten, dass dies | auch tatsächlich sein ehrlicher Wille war. Doch zwei Faktoren standen | dem entgegen. Erstens erreichte er bei keiner nationalen Wahl auch nur | annähernd die Unterstützung einer klaren Mehrheit der Chilenen. Seine | Koalition kontrollierte nur ein Drittel d | | Zweitens teilten einflussreiche Kreise aus Allendes Koalition seine | Strategie des demokratischen Wandels zum Sozialismus nicht. Dieser war | ihnen zu zögerlich. Dieser grundsätzliche Widerspruch innerhalb der | Unidad Popular wird auch in der durchaus wohlwollenden Allende-Biografie | des Historikers Victor Figueroa Clark von der London School of Economics | bestätigt. | | Die Führung von Allendes Sozialistischer Partei war bedeutend radikaler | als der Präsident. Sie erklärte bereits 1971, dass revolutionäre Gewalt | unvermeidlich und legitim sei – der einzige Weg, um die politische und | wirtschaftliche Macht zu erobern. Mit gesetzeswidrigen Land- und | Fabrikbesetzungen wurden vollendete Tatsachen für eine Verstaatlichung | geschaffen. Bereits 1965 hatte sich zudem der Movimiento de Izquierda | Revolucionaria (MIR) von der Sozialistischen Partei abgespalten. Er rief | offen zum bewaffneten Kampf gegen den Kapitalismus auf. | | *Interventionismus zerstört die Produktionsgrundlage* | | In der von grosser wirtschaftlicher Ungleichheit geprägten chilenischen | Gesellschaft war die Umverteilung des Reichtums das oberste Ziel von | Allende. Er erhöhte die Sozialausgaben stark und schuf zahlreiche neue | staatliche Arbeitsplätze. Als eine seiner ersten Massnahmen | verstaatlichte er die Kupferbergwerke, welche für mehr als 70 Prozent | der Exporterlöse verantwortlich waren – eine populäre Massnahme, die von | allen Parteien unterstützt wurde. | | Er verteilte 6,4 Millionen Hektaren Landwirtschaftsland an Kooperativen | und neue Staatsfarmen und verstaatlichte die wichtigsten Unternehmen. | Bei seinem Sturz 1973 waren 80 Prozent der Industrieproduktion unter | staatlicher Kontrolle. | | Diese Massnahmen führten kurzfristig zu einem wirtschaftlichen Boom, | mittelfristig aber zu einer schweren Wirtschaftskrise. Die Landreform | bewirkte einen drastischen Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion, | so dass Chile bald den Grossteil seiner Exporterlöse für den Import von | Lebensmitteln aufwenden musste. | | Die Unternehmer, welche Verstaatlichung ihrer Betriebe befürchteten, | hörten auf zu investieren und begannen ihre Erträge ins Ausland zu | transferieren. Das Handelsbilanzdefizit vervielfachte sich. | | *Extreme politische Polarisierung* | | Ein Teil der Christlichdemokraten hatte anfangs durchaus Sympathien für | Allendes Programm. Diese Partei setzte sich für einen dritten Weg neben | Kapitalismus und Sozialismus ein. Auch Eduardo Frei hatte eine | Landreform eingeführt, gewisse Industriebetriebe verstaatlicht und die | Steuern für die Reichen erhöht. Doch nachdem im Juni 1971 | Linksaktivisten, die von Allende begnadigt worden waren, Freis früheren | Innenminister ermordet hatten, gingen die Christlichdemokraten zunehmend | auf Distanz und näherten sich der Rechten an. | | Die Tolerierung von illegalen Fabrikbesetzungen und von bewaffneten | paramilitärischen Gruppen durch die Regierung und die fortgesetzten | Enteignungen – oft ohne rechtliche Grundlage – lösten zunehmend | Widerstand bei der Opposition aus. Im Oktober 1972 begann ein | mehrwöchiger Proteststreik der Lastwagenfahrer, dem sich auch Bauern und | Selbständigerwerbende aus den Städten anschlossen. Auf dem Höhepunkt des | Protests legten mehr als 600 000 Personen das öffentliche Leben in Chile | lahm. | | Gleichzeitig nahm die Gewalt von linken und rechten bewaffneten Gruppen | zu. Als Gegenstück zum linken MIR war Anfang 1971 von der extremen | Rechten die terroristische paramilitärische Organisation Patria y | Libertad gegründet worden, welche sich zum Ziel setzte, die Regierung | Allende mit Waffengewalt zu bekämpfen. Chile drohte in einen Bürgerkrieg | abzugleiten. | | Dies rief 1973 die Streitkräfte auf den Plan, die sich bisher hinter den | verfassungsmässig gewählten Präsidenten gestellt hatten. Als führende | Vertreter der Unidad Popular eine Meuterei von Soldaten unterstützten | und verlangten, dass die Armee durch Arbeitermilizen ersetzt werden | solle, war der Bruch der Armee mit der Regierung nicht mehr aufzuhalten. | | Angesichts der wachsenden Konfrontation im Lande hätte wohl nur noch | eine Zusammenarbeit zwischen der Unidad Popular und den | Christlichdemokraten eine Militärintervention verhindern können. Doch | entsprechende Verhandlungen scheiterten. | | *Brutale Repression nach dem Militärputsch* | | Am frühen Morgen des 11. September 1973 schlug das chilenische Militär | zu. Die Marine übernahm die Kontrolle in der Stadt Valparaíso, dem Sitz | des Kongresses. Die Landstreitkräfte besetzten Schlüsselstellen in der | Hauptstadt Santiago. Salvador Allende verschanzte sich im | Präsidentenpalast und schlug das Angebot, ins Exil zu gehen, aus. | Nachdem die Luftwaffe seinen Amtssitz bombardiert hatte, nahm er sich | das Leben. | | Eine Junta unter dem Chef der Streitkräfte, General Augusto Pinochet, | übernahm die Regierungsgeschäfte und begann sofort eine brutale Jagd auf | linke Politiker, Gewerkschafter und Studenten. Allein im Nationalstadion | von Santiago wurden rund 7000 Menschen zusammengetrieben und festgehalten. | | Laut der Rettig- und der Valech-Kommission, welche die Verbrechen der | Diktatur nach der Rückkehr zur Demokratie 1990 aufarbeiteten, wurden | mehr als 2100 Personen vom Pinochet-Regime ermordet und über 27 000 | gefoltert. Fast 1200 Menschen bleiben bis heute verschwunden. Rund 200 | 000 von gut 10 Millionen Einwohnern flüchteten ins Ausland. | | Pinochet liess eine neue Verfassung schreiben und installierte ein | ultraliberales Wirtschaftssystem, das die Bevölkerung bis heute spaltet. | Zurzeit wird an einem neuen Grundgesetz gearbeitet, über das die Wähler | Ende Jahr abstimmen sollen. | | *Welche Rolle spielten die USA*? | | Die CIA hatte auch nach ihrer gescheiterten Operation vom Herbst 1970 | mit geheimen Operationen und der Unterstützung der Opposition die | Regierung von Allende zu destabilisieren versucht. Ihre Rolle wurde | später vom Church Committee, einem Sonderkomitee des US-Senats, | untersucht. | | Der Geheimdienst und amerikanische multinationale Firmen setzten | Millionenbeträge ein, um die Opposition und Propaganda gegen Allende zu | finanzieren – auch während des landesweiten Streiks vom Herbst 1972. Es | wäre aber unzulässig, zu behaupten, dass Hunderttausende von streikenden | Chilenen damals einfach auf amerikanische Propaganda hereingefallen | seien und nicht ihre eigenen Interessen vertreten hätten. | | Washington stand auch im Kontakt mit der chilenischen Armee und dürfte | dieser signalisiert haben, dass die Putschisten mit Unterstützung | rechnen konnten. Im Gegensatz aber zu dem von den USA orchestrierten | Coup gegen Präsident Arbenz in Guatemala 1954 wurde der Staatsstreich in | Chile von den einheimischen Streitkräften selber organisiert. | | Viele Linke machten später die Feindseligkeit der USA und der | chilenischen Mittel- und Oberschicht verantwortlich für das Debakel von | Allendes Wirtschaftspolitik. Aber es war nicht die Opposition, sondern | die Regierung, welche die fatalen wirtschaftlichen Entscheidungen | getroffen hatte, wie die Historiker Simon Collier und William Sater | darlegen. | | Eine amerikanische Kreditblockade erschwerte zwar vorübergehend Allendes | Wirtschaftspolitik, doch die fehlenden Mittel wurden darauf durch | Kredite von China, der Sowjetunion und aus Lateinamerika ausgeglichen. | | Letztlich waren es in erster Linie die Chilenen selbst, die Allendes | Projekt zum Scheitern brachten. +--- </hier abknabbern> --- ©<https://www.nzz.ch/international/putsch-gegen-allende-in-chile-welche-rolle-spielten-die-usa-ld.1754181> M.f.G. -- Diese E-Mail-Adresse wird nur aus nostalgischen Gründen verwendet. Sie wird praktisch nie gelesen. Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur etwas komisch... ;-)
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Re: Heute vor 50 Jahren Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2023-09-10 21:58 +0200
Re: Heute vor 50 Jahren Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2023-09-10 22:07 +0200
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Re: Heute vor 50 Jahren Martin Ebert <mx300@gmx.net> - 2023-09-10 22:59 +0200
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Re: Heute vor 50 Jahren Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2023-09-15 00:00 -0700
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Re: Heute vor 50 Jahren Peter Veith <veith@snafu.de> - 2023-09-14 11:54 +0200
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Re: Heute vor 50 Jahren Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2023-09-14 19:19 +0200
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