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Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown

From Lars Gebauer <lgebauer@live.de>
Newsgroups ger.ct
Subject Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown
Date 2020-11-05 13:48 +0100
Organization A noiseless patient Spider
Message-ID <ro0sb7$uv6$1@dont-email.me> (permalink)

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https://www.tagesspiegel.de/politik/innovationsfeindliches-deutschland-im-lockdown-mit-faxgeraet-und-kugelschreiber-gewinnen-wir-nicht-gegen-corona/26579220.html

| Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown: Mit Faxgerät und
| Kugelschreiber gewinnen wir nicht gegen Corona
|
| Die Pandemie zeigt erneut, wie bräsig und innovationsfeindlich
| Deutschland ist, wenn es um Technik geht. Wo ist der Mut zum
| Experiment? Ein Zwischenruf.  Benjamin Reuter
|
| Was kommt nach dem November-Lockdown? Eine konkrete Antwort auf die
| Frage ist die Regierung bisher schuldig geblieben.
|
| Und sie ist auch eine weitere Antwort schuldig geblieben: Was ist,
| wenn am 1. Dezember der Lockdown endet, weil die Neuinfektionen wieder
| im grünen Bereich liegen - die Neuinfektionen aber Ende Dezember
| wieder so hoch wie aktuell sind? Die Frage ist keineswegs nur
| theoretisch.
|
| Israel hat gerade gezeigt, wie man mit einem kurzen Lockdown die
| Neuinfektionen drastisch senkt, fast um den Faktor zehn. Nun öffnet
| das Land wieder. Klar ist aber auch, wie der Oktober in Deutschland
| gezeigt hat: Innerhalb nur eines Monats können die täglich
| registrierten Neuinfektionen auch um den Faktor zehn steigen.
|
| Folgt am 1. Januar neben dem Silvesterkater also das böse Lockdown-
| Erwachen? Wieder einen Monat alles dicht? Und im Februar dann wieder
| offen und im März wieder zu? Sind wir in der Lockdown-Schleife
| gefangen, bis uns irgendwann Ende 2021 die Impfung erlöst?
|
| Ein Drittel der Deutschen sind Maßnahmen-müde
|
| Theoretisch wäre das Virus wohl so unter Kontrolle zu halten. Nur hat
| dieses Szenario zwei große Haken: Die Wirtschaft würde das kaum
| aushalten - allein rund 20 Milliarden Euro wird laut DIW-Schätzungen
| der aktuelle November-Lockdown die Wirtschaft kosten - und die
| gesellschaftlichen Verwerfungen würden gefährlich zunehmen. Schon
| jetzt sagen ein Drittel der Deutschen, dass ihnen der geplante Teil-
| Lockdown zu weit geht.
|
|| Zwei Dinge werden in diesen Tagen schmerzlich klar. Erstens: Den
|| Regierenden fehlt eine Mittelfrist-Strategie im Kampf gegen das
|| Virus. Zweitens: Die Regierenden haben den Sommer verschlafen, um das
|| Land auf den Corona-Herbststurm vorzubereiten.
|
| Beides könnte auch mit einem Problem zu tun haben, das in den
| vergangenen Jahren oft angesprochen und beklagt, aber nie richtig
| angegangen wurde: Deutschland ist bräsig bis hin zu
| innovationsfeindlich, wenn es um technische Neuerungen geht. Aber
| gerade in einer Pandemie, mit einer völlig neuen Situation, sind gute
| Ideen, Kreativität und schnelle, unbürokratische Reaktion gefragt.
|
| Träge Mittel gegen ein blitzschnelles Virus
|
| Dass Mitarbeiter in den Gesundheitsämtern bei der Corona-
| Kontaktverfolgung und Übermittlung von Fallzahlen teilweise immer noch
| mit Kugelschreiber, Excel-Listen und Faxgerät arbeiten, statt digital,
| ist eines der kurioseren Beispiele dafür, was in der Pandemie schief
| läuft. Es sind träge Mittel des 20. Jahrhunderts gegen eine
| blitzschnelle Pandemie des 21. Jahrhunderts.
|
| Einige nicht minder verwunderliche Beispiele lassen sich leicht finden
| und als Ansätze dafür nehmen, was zu verbessern wäre.
|
|| Erstens: Warum ist immer noch unklar, wo wie viele Infektionen
|| stattfinden?
|
| Noch immer kann das RKI nicht genau sagen, an welchen Orten welches
| Infektionsrisiko besteht. Seit Mitte Mai sind die Gesundheitsämter
| eigentlich verpflichtet, Informationen zum wahrscheinlichen
| Infektionsweg innerhalb von zwei Arbeitstagen dem RKI zu übertragen.
| Nur passierte das lange nicht. Auch weil es bis Ende September die
| RKI-Software gar nicht erlaubte, Angaben zum Infektionsort zu melden.
|
| Und so kommt es, dass Experten bis heute im Dunkeln tappen, wo
| Ansteckungen eigentlich stattfinden. Zielgerichtete Maßnahmen jenseits
| eines Rasenmäher-Lockdowns sind so kaum möglich.
|
|| Zweitens: Wie sichert man Orte am besten, an denen Infektionen
|| stattfinden?
|
| Nach mehr als sechs Monaten Pandemie ist es verwunderlich, wie
| schlecht diese Frage beantwortet ist. Wie sieht ein coronafestes
| Klassenzimmer aus? Wie ein Restaurant, ein Kino? Fröhliches
| Herumprobieren im Kleinen ist die Lösung. Aber wo bleiben die
| großangelegten Studien, warum sind sie nicht längst fertig?
|
| Ein gutes Vorbild gibt es und das zeigt auch, was möglich ist: Im
| August fanden in Leipzig drei Popkonzerte von Tim Bendzko unter
| wissenschaftlicher Begleitung statt. Dabei waren bis zu 8700 Zuschauer
| zugelassen. Die Leitfrage: Wie verlaufen Infektionsketten in so einem
| Rahmen und wie würde eine weitgehend sichere Veranstaltung aussehen?
|
|
| Die Antwort: Allein schon eine Halbierung der Zuschauermenge,
| kombiniert mit Maskenpflicht, festen Sitzplätzen und einem
| Einlasskonzept, das die Schlangen kurz hält, kann sogar bei
| Inzidenzwerten um die 50 dazu führen, dass der Beitrag einer solchen
| Veranstaltungen zur Ausbreitung des Virus in einer Stadt wie Leipzig
| sehr gering wäre. Es gibt also keinen Grund, solche Veranstaltungen
| grundsätzlich zu verbieten.
|
| So etwas für ein viel kleineres Restaurant-, Kino oder Schulsetting zu
| wiederholen sollte ein Leichtes sein. Getan wurde es nicht.
|
| Das Ziel dabei wäre klar: Jeder Aufenthaltsort in Innenräumen
| außerhalb der eigenen Wohnung müsste „coronaoptimiert“ werden, um
| möglichst wenig Ansteckungen zu provozieren und gleichzeitig möglichst
| viel Alltag zu garantieren.
|
| Drittens: Wo bleibt die Antiviren-Technik?
|
| Ja, sie kommt langsam, aber man wundert sich, wie langsam. So gibt es
| schon länger Lüftungssysteme, die bis zu 90 Prozent der Viren aus der
| Luft zum Beispiel eines Klassenzimmers filtern können. Die Frage:
| Warum steht nicht in jedem Klassenzimmer in Deutschland schon eines,
| um das händische Lüften zu unterstützen?
|
| Teuer muss das nicht unbedingt sein. Das Max-Planck-Institut für
| Chemie hat eine Filteranlage entwickelt, die man sogar selbst
| nachbauen kann und die rund 200 Euro kosten soll. Ein guter Deal,
| bedenkt man, dass Olaf Scholz als Lockdown-Hilfe für Unternehmen
| allein im November bis zu zehn Milliarden Euro auf den Tisch legt.
| Immerhin ein erster Schritt: Alle Berliner Schulen bekommen
| Luftmessgeräte, die anzeigen, wenn gelüftet werden muss.
|
|| Viertens: Warum experimentieren wir nicht mehr?
|
| Ein Beispiel aus Hamburg, von dem die “Zeit” berichtet, ist hier
| bezeichnend. Die Kurzfassung: Ein Unternehmer und ein Softwareexperte
| entwickeln eine Möglichkeit für einen „Freipass“. Der erlaubt mit
| schnellen PCR-Tests für eine bestimmte Zeit eine gewisse Sicherheit,
| dass man nicht ansteckend ist. In der Zeit kann man ein Konzert, eine
| Bar oder einen Club besuchen und fast wie in alten Zeiten Spaß haben.
|
| In diesem Zuge wollen die beiden sogar eine innovative PCR-Testtechnik
| nutzen, die deutlich billiger und schneller ist, als die herkömmliche.
| Es wäre ein Projekt, das einen Versuch verdient hätte, weil es zu mehr
| Alltag und weniger Ansteckungen führen könnte. Die beiden Hamburger
| bekamen von den Behörden in Hamburg die kalte Schulter gezeigt.
|
| Warum veranstalten die Gesundheitsbehörden nicht im ganzen Land
| Corona-Hackatons - Vorbild könnte eine Aktion der WHO aus dem April
| sein - um kreative Ideen wie die aus Hamburg zu entwickeln und
| anschließend zu testen?
|
|| Fünftens: Warum ist man so defensiv bei der Corona-App?
|
| Eine Pandemie des 21. Jahrhunderts lässt sich wahrscheinlich am besten
| mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts bekämpfen: Einer App. Nun gibt es
| die schon. Allerdings bleibt sie fast sträflich unter ihren
| Möglichkeiten.
|
| Die Mitteilungen für die grünen Risikobegegnungen beispielsweise -
| eine Stufe unter der roten, bei der man sich testen lassen oder in
| Quarantäne begeben sollte - sind weitgehend wertlos. Man weiß nicht,
| wo sie stattgefunden haben und was man in seinem Alltag ändern sollte,
| jenseits der Aha-Regeln, die man ohnehin befolgt.
|
| Mehr bringen würde es, wenn man den jeweiligen Ort der Begegnung
| wüsste. Dann könnte man diesen Ort künftig meiden oder sich dort
| anders verhalten.
|
| Ein weiteres Beispiel: Immer noch werden pro Tag nur rund zehn Prozent
| der Infiziertenfälle in die App gemeldet, obwohl das Tool bisher mehr
| als 20 Millionen Downloads hatte; es also rund ein Viertel der
| Deutschen auf dem Handy hat.
|
| Ja, der Datenschutz hört man immer wieder, wenn es um die App geht.
| Was verwundert.
|
| Denn fast jeder Deutsche überlässt US-Techkonzernen privateste Daten
| täglich für lau. Und niemanden stört es. Wie wäre es, wenn die App
| eine Einstellung hätte, die erlaubt mehr Informationen zu teilen, die
| der Pandemiebekämpfung dienlich sind? Wenn das hilft, weitere
| Lockdowns zu verhindern, wäre das kein schlechter Deal.
|
| Und vielleicht lässt sich die App sogar noch weiter denken: Als
| Kontaktzähler.
|
| Jeder App-Nutzer könnte Informationen darüber bekommen, mit wie vielen
| Menschen er in den vergangenen Tagen in Kontakt war. Die App könnte
| einschätzen, ob das zu viele sind und ob eine „Kontaktdiät“ für ein
| paar Tage angebracht wäre. Smartphone-Nutzer lassen inzwischen fast
| alles von ihren Geräten zählen und überwachen - warum also nicht so
| etwas Pandemie-entscheidendes wie Kontakte?
|
| Sicher, jede einzelne der Maßnahmen wird die Pandemie nicht stoppen.
| Aber sie würden wahrscheinlich dazu beitragen, sie beherrschbar zu
| halten, schneller Infektionsketten nachverfolgen zu können und zu
| verhindern, dass sie sich an Orten des Alltags erst bilden. Es gar
| nicht erst zu versuchen, wäre die schlechteste Lösung. Denn dann
| drohen nur weitere Lockdowns.

(Da das Virus schon im Januar gensequenziert wurde, hält Joachim ja alle 
Fragen für geklärt. Vielleicht mag er sie trotzdem beantworten.)
-- 
"Nachdem wir das Ziel endgültig aus den Augen verloren hatten, 
verdoppelten wir unsere Anstrengungen."
                  --Mark Twain

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Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2020-11-05 13:48 +0100
  Re: Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown Andreas Bockelmann <xotzil@gmx.de> - 2020-11-05 14:00 +0100
    Re: Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2020-11-05 14:24 +0100
  Re: Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown Thomas Atinger <thomasat@arcor.de> - 2020-11-05 17:13 +0100
  Re: Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2020-11-05 17:24 +0100
    Re: Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2020-11-05 17:33 +0100
      Re: Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2020-11-05 19:59 +0100
  Re: Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown Martin Ebert <mx300@gmx.net> - 2020-11-09 03:57 +0100
    Re: Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown Carlo XYZ <carloxyz@invalid.invalid> - 2020-11-09 09:15 +0100
      Re: Innovationsfeindliches Deutschland im Lockdown Ulf.Kutzner@web.de - 2020-11-09 01:50 -0800

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