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US Konsensus Report zu Alkoholkonsum

From Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org>
Newsgroups ger.ct
Subject US Konsensus Report zu Alkoholkonsum
Date 2025-10-26 13:27 +0000
Message-ID <10dl7j6$k0ur$1@solani.org> (permalink)

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Werner Bartens in der SZ. Wer sein Abo gerade nicht zur Hand hat:
========

Das Trinken von Alkohol wird zunehmend pauschal verdammt. Zu Unrecht, zeigt
nun eine umfangreiche Analyse. Zumindest bei moderatem Konsum gibt es sogar
günstige Effekte.
Von Werner Bartens
Wer die vergangenen zwei Jahre abgeschottet in einem Erdloch oder,
passender zum Thema, in einem Weinkeller verbracht hat und sich nun wieder
dem Talk of the Town aussetzt, muss das Gefühl haben, eine grundstürzende
Neuigkeit verpasst zu haben. Alkohol gilt mittlerweile als schlimmstes Gift
überhaupt. Dutzende Bücher über die Gefahren des Trinkens sind jüngst
erschienen, bekehrte Ex-Trinker schwärmen von den Wonnen der Abstinenz, und
Karl Lauterbach, die Älteren werden sich erinnern, orakelt als
fleischgewordene Warnampel, dass „schon mit dem ersten Glas“ das
Krebsrisiko steige.

Die Erkenntnis, dass Alkohol die Gesundheit gefährden kann, hat einen
ähnlich langen Bart wie die Markteinführung von Asbach Uralt, doch
Tugendterror und Verzichtsfuror treiben weiterhin ihre Blüten. Erfrischend
gegen den Trend muss daher festgehalten werden, zu welchen Ergebnissen der
Konsensus-Report der Nationalen Akademie für Wissenschaft, Ingenieurswesen
und Medizin der USA (Nasem) gekommen ist. In dem 253 Seiten langen Bericht
über den gesicherten Zusammenhang zwischen Alkohol und Gesundheit („Review
of Evidence on Alcohol and Health“) kommen die Experten zu dem Schluss,
dass die Bilanz zumindest bei moderatem Alkoholkonsum keineswegs eindeutig
negativ ausfällt. Die meisten Menschen in den westlichen Ländern würden
sich selbst wohl einen allenfalls moderaten Alkoholkonsum attestieren.

In dem Nasem-Bericht, der eine wichtige Basis für die 2025 aktualisierten
Ernährungsempfehlungen in den USA bildet, halten die Fachleute „mit
moderater Sicherheit“ nach Auswertung Hunderter Studien und diverser
Expertenrunden fest, dass moderater Alkoholkonsum im Vergleich zu gar
keinem Konsum a) mit einer geringeren Gesamtsterblichkeit einhergeht, b)
die Sterblichkeit an Herzkreislauferkrankungen senkt, aber auch c) das
Risiko für Brustkrebs erhöht.

Moderat trinken, das bedeutet maximal ein oder zwei Drinks am Tag

Was „moderat“ bedeutet, liegt nicht etwa im Auge des Gelegenheitstrinkers.
Moderater Alkoholkonsum wird mit 14 Gramm Alkohol pro Tag für Frauen und 28
Gramm für Männer angegeben, das entspricht einem Drink pro Tag für Frauen
und zwei Drinks täglich für Männer. Auf sieben Tage umgerechnet, sollten
sieben Drinks pro Woche von Frauen und 14 von Männern nicht überschritten
werden. Ein „Drink“, also 14 Gramm, entsprechen ungefähr einem kleinen Glas
Wein (0,15 Liter), einem kleinen Bier (0,33 Liter) oder einem Schnaps (0,04
Liter).

In Deutschland sieht die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen nur zwölf
Gramm täglich für Frauen und 24 Gramm für Männer als Obergrenze für
moderaten Konsum. An mindestens zwei Tagen in der Woche sollte man keinen
Alkohol trinken. Die Menge an Bier, Wein, Schnaps und Co., die dieser
Gramm-Angabe entspricht, fällt demnach noch etwas geringer aus.

Trotz der statistisch belegbaren günstigen Auswirkungen auf die Gesundheit
betonen die Hauptautoren des Berichts in einem Beitrag für das Fachmagazin
Jama, dass sich daraus „keine Empfehlung ableitet, Alkohol in irgendeiner
Dosis zu trinken, um die Gesundheit zu verbessern“. Auch das unabhängige
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
betont, zwei Dinge seien unbestritten: „Gesundheitliche Vorteile hat
Alkohol nicht“, und „je mehr Alkohol man trinkt, desto schädlicher ist er.“
Für gelegentliche Konsumenten mag es dennoch beruhigend sein, dass sie sich
mit moderatem Konsum vermutlich kaum schaden.

Das Ausmaß des Risikos wird in dem Nasem-Bericht ebenfalls anhand
hochwertiger Studien beziffert. Die Gesamtsterblichkeit lag demnach bei
moderatem Alkoholkonsum zwischen 16 und 23 Prozent niedriger als ohne jede
Alkoholaufnahme. Das Risiko für Herzinfarkt sank unter moderatem
Alkoholkonsum um etwa 22 Prozent; das Risiko für Schlaganfall um elf
Prozent, was sich insgesamt zu einer um 18 bis 23 Prozent verringerten
Sterblichkeit an kardiovaskulären Leiden summierte. Das Risiko für
Brustkrebs war hingegen erhöht, wenn Frauen Alkohol in moderater Form
konsumierten, und zwar um fünf bis zehn Prozent.

Die Risiken für andere Krebsarten waren bei moderatem Konsum nicht erhöht.
Allerdings steigt bei starkem Alkoholkonsum von mehr als 50 Gramm pro Tag
die Wahrscheinlichkeit, an einem der sieben Tumore zu erkranken, die den
Kehlkopf, Mundhöhle und Rachen, die Speiseröhre, die weibliche Brust, den
Enddarm und die Leber betreffen. Weltweit gehen Schätzungen zufolge 740 000
Krebsfälle und damit 4,1 Prozent aller Tumore auf Alkohol zurück; drei
Viertel davon betreffen Männer. Nach Nikotinkonsum und ausgeprägter
Fettleibigkeit gilt Alkohol demnach als dritthäufigster Grund für einen
Krebs, der sich durch den Lebensstil beeinflussen lässt.

Die Wissenschaftler betonen, dass die Erforschung des Zusammenhangs
zwischen Alkohol und Gesundheit einige Herausforderungen bietet. Zum einen
beruhen viele Studien auf Selbstangaben. Bei dieser Form der Erhebung
neigen die Teilnehmer dazu, ihren Konsum zu unterschätzen oder – sozial
erwünscht – absichtlich niedriger anzugeben. Zum anderen wurde in früheren
Studien beim Vergleich zwischen Trinkern und Nichttrinkern oft
unterschlagen, dass manche Menschen aus gesundheitlichen Gründen keinen
Alkohol trinken oder deswegen ihren Konsum vor einiger Zeit beendet haben.
In der Nichttrinker-Gruppe traten durch diese Verzerrung mehr
gesundheitliche Probleme auf, was dazu führte, dass beim Vergleich beider
Gruppen die Gefahren des Trinkens systematisch unterschätzt wurden. In der
aktuellen Studie wurden Studien mit ehemaligen Alkoholikern oder
Vieltrinkern daher rigoros ausgeschlossen. Die Aussagekraft des aktuellen
Reports ist daher umso größer. Es besteht also kein Grund, gemäßigten
Trinkern ihren guten Tropfen madig zu machen.

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US Konsensus Report zu Alkoholkonsum Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2025-10-26 13:27 +0000
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