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Groups > ger.ct > #507103

Re: Vodafone-Werbung

From Bernd <very.strange.matter@inboxclean.com>
Newsgroups ger.ct
Subject Re: Vodafone-Werbung
Date 2021-06-29 16:39 +0200
Organization /dev/null
Message-ID <877dicag5r.fsf@inboxclean.com> (permalink)
References (3 earlier) <sbekr8$a4h$1@solani.org> <ik041iFa5aoU1@mid.individual.net> <936rqh-a5a7.ln1@hergen.spdns.de> <875yxwamaj.fsf@inboxclean.com> <mtirqh-rlb7.ln1@hergen.spdns.de>

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Hergen Lehmann <hlehmann.expires.5-11@snafu.de> writes:

> Am 29.06.21 um 14:27 schrieb Bernd:
>
>> Hergen Lehmann <hlehmann.expires.5-11@snafu.de> writes:
>>> Der geneigte Bürger wird künftig mindestens ein Dutzend Abos
>>> brauchen und >>100Eur pro Monat investieren müssen, um ein ähnlich
>>> vielfältiges Programmangebot zur Verfügung zu haben, wie es das
>>> klassische Broadcast-Fernsehen einst bot.
>> Ich denke, "einst" ist das Stichwort.  Denn von Vielfalt kann man
>> schon seit vielen Jahren nicht mehr reden, höchstens von Einfalt.
>> Reality TV war das Requiem des Mediums.  Was das nicht kaputt
>> gekriegt hat wurde durch die Ausdünnung auf unzählige sinnlose Kanäle
>> erledigt.
>
> Ja, der Trend zur Zersplitterung fand auch im TV statt und wird beim
> Streaming nur auf die Spitze getrieben.
Sehe ich auch so.

> Es gibt allerdings einen wesentlichen Unterschied: Zumindest hier in
> Europa ist der Löwenanteil des Angebots dennoch frei zugänglich, 
> spätestens mit einer SAT-Schüssel hast du Zugang zu >100
> Programmanbietern aus dem In- und Ausland.
Ich habe persönlich sehr wenig Erfahrung mit den Schüsseln.  Wir hatten
damals ein paar Jahre Premiere, was sich auch nicht wirklich gelohnt
hat.  In meiner Familie hatte nie wer Lust sich damit
auseinanderzusetzen, und ähnliches kenne ich von anderen auch.  Das du
Europa ansprichst ist recht treffend, in mancherlei Hinsicht sehen wir
eine Bewegung in Richtung des US-Geschäftsmodells.  Ist wohl das
einzige, was sich Fernsehen von drüben nicht abgekupfert hatte.

> Beim Streaming hingegen machen Paywalls und Geoblocking den Zugang zu
> einem Hindernislauf. Die meisten Nutzer beschränken sich notgedrungen 
> auf 2-3 Anbieter und somit auf das, was diese zufällig gerade
> anbieten. In der Summe ist das eher weniger als mehr...
Das ist das aktuelle Problem, ja.  Habe selber schon lange kein
angeschlossenes Fernsehgerät, sehe das Elend nur bei Familienbesuchen.
Es wirkt aber auf mich so, als wäre das TV-Angebot massiv stagniert.
Würdest du da zustimmen?

>> Geiselnahme.  Das zur Zeit jeder Pimpf denkt, er könne eine
>> Streaming-Plattform hoch ziehen ist auch nicht sonderlich überraschend.
>> Solche Goldrausch-Aktionen sind nur nicht gerade bekannt für ihre
>> Langlebigkeit.
>
> Wir werden sehen. Im Gegensatz zu einem TV-Sender benötigt eine
> Streaming-Plattform nur wenig Betriebskapital und keinerlei eigenes 
> Know-How. Man kann das für wenig Geld komplett outsourcen.
Das ist ja der Witz: dann wird da gespart weil das augenscheinlich so
einfach ist, und dann ist die Verwunderung groß wenn sie auf einmal nen
Datenreichtum haben, oder Beschwerden rein kommen das die Webseite nicht
auf Browser XYZ funktioniert.  Dann war's ein "Technisches Problem, kann
man leider nichts machen".  Manche können sich dann auch sowas leisten,
andere eher nicht.  Aber ja, ist (noch) reine Spekulation.

>> Das gleiche Spiel kann ich auch mit TV spielen: Welche Sachen laufen
>> gerade (ewiges Geblätter in der Fernsehzeitschrift), welche Angebote
>> sind Pay-TV, was muss ich JETZT anschauen, weil es morgen nicht läuft.
>
> Dafür gibt es im Computer-Zeitalter Apps.
Guter Punkt.

> Sobald diese sagt "dein Lieblingsfilm läuft mal wieder!", kann ich ihn
> im TV mit hoher Wahrscheinlichkeit auch sehen. Beim Streaming stehen
> erst mal noch Paywall und Geoblocking im Weg.
Das ist genauso Glücksfrage wie ob der Film läuft, würde ich sagen.
Aber was Streaming Diensten fehlt, ist was du hier so hervorragend
beschreibst:

> Und ein weiterer Effekt: Seit alles (scheinbar) immer und jederzeit
> verfügbar ist, schaue ich viel weniger Filme als früher. Heute bin ich 
> gerade etwas müde, morgen ist auch noch ein Tag, und übermorgen
> auch. Oh verdammt, ist der Backlog-Folder inzwischen voll, ich mach
> doch lieber ganz was Anderes. Scheiße, jetzt wo ich mich endlich
> aufgerafft habe, isser nicht mehr Angebot

Es fehlt die Berieselung.  Und das ist nicht einmal abwertend gemeint.
Menschen haben einen Hang zur /analysis paralysis/ [1] bzw. fällt es
schwer, zwischen vielen ähnlich guten Optionen zu wählen [2].  Das ist
eine Marktwirtschaftliche (und psychologische) Nische, die modernen
Streaming-Diensten völlig abhanden kommt.

> oder kostet Extra...
Das klingt nach Disney+, eine absolute Unart.  Aber Disney kann es sich
leisten.  Ist eigentlich witzig, das Disney jetzt Streaming macht.
Onkel Walt hatte einen regelrechten Kontrollfetisch, und träumte
regelrecht von der Abschaffung von Privatbesitz (siehe sein
Sterbebett-Projekt, EPCOT).  Das wäre jetzt OT, aber als Einblick
in die Vergangenheit der Medienriesens lesenswert.

>> Alternativ: Welche Zeiträume muss ich aufnehmen [1] und wie schneide ich
>> die Werbeblöcke raus. 
>
> Ist beim Streaming eh illegal, taugt also nicht als Vergleich.
Das habe ich ja auch in der Fußnote bemängelt.  Streaming und Fernsehen
wird da mit zweierlei Maß gemessen.

>> Wenn ich mich im Bekanntenkreis umhöre ist Fernsehen weitestgehend zum
>> Hintergrundrauschen degradiert, 
>
> Ja. Streaming allerdings auch.
Das kenne ich wiederum gar nicht.  Streaming geht oft mit dem Zwang
einer bewussten Entscheidung einher (s.o.).  Berieselung durch Streams
kenne ich nur von Musik-Streams.  Wohlgemerkt ist das aber nur mein
Bekanntenkreis, muss ja nicht repräsentativ sein.

[1]  https://en.wikipedia.org/wiki/Analysis_paralysis
[2]  https://de.wikipedia.org/wiki/Buridans_Esel

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