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| From | Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> |
|---|---|
| Newsgroups | ger.ct |
| Subject | Re: Wie RAND die Szenarien sieht |
| Date | 2024-02-23 12:11 +0100 |
| Organization | A noiseless patient Spider |
| Message-ID | <ur9ugk$ghmc$1@dont-email.me> (permalink) |
| References | (2 earlier) <uqq9q5$8942$1@solani.org> <uqqeaf$ecum$1@dont-email.me> <uqqfd5$8bk6$1@solani.org> <uqqg5e$em5l$1@dont-email.me> <uqqj7r$8j0l$1@solani.org> |
Salve allerseits, Dr. Joachim Neudert schrieb: > Lars Gebauer <lgebauer@live.de> wrote: >> Am 17.02.24 um 15:21 schrieb Dr. Joachim Neudert: >>> Am 17.02.24 um 15:02 schrieb Lars Gebauer: >>> >>>> Zuguterletzt gehört dazu auch die unbedingte Entschlossenheit, die >>>> Waffen ggf. auch einzusetzen. >>> >>> Aber ja. Genau deswegen brauchen wir sie ja, weil den Amerikanern >>> diese Entschlossenheit abhanden zu kommen scheint, >> >> Mag ja sein, daß "wir" sie brauchen. Die entscheidende Frage ist aber, >> wo "wir" sie finden. >> >>> Was glaubst Du warum die bislang nicht als Kriegstreiber aufgefallenen >>> Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen jetzt darüber laut nachdenken? >> >> Irrlichter, die noch nie einen geraden Gedanken verfolgt haben sollen >> das ausgerechnet jetzt tun? > > Äussere Zwänge haben diese Ampelregierung schon zu erstaunlichen Aktionen > befähigt. Die so nicht im Parteiprogramm standen. > +--- <hier abknabbern> --- | Donald Trump hat die amerikanischen Sicherheitsgarantien für die | Nato-Verbündeten infrage gestellt. Seither diskutieren Politiker und | Experten hierzulande darüber, ob die EU eine eigene Nuklearbewaffnung | braucht oder Deutschland selbst eine Atombombe bauen sollte. Es geht | dabei vor allem um politische, rechtliche und technische Probleme. | | Die entscheidenden Fragen werden nicht gestellt: Wie viel Sicherheit | bieten Atomwaffen? Welche Art von Bedrohung könnten deutsche oder | europäische Atomwaffen abschrecken? Und welche Kosten und Risiken bringt | eine nukleare Option mit sich? | | Die Hürden für eine nukleare Abschreckung unter deutscher oder | EU-Kontrolle sind hoch. Es würde immense politische Kosten mit sich | bringen, sie zu überwinden. Der nukleare Nichtverbreitungsvertrag | verbietet deutsche oder europäische Atomwaffen. Nur ein Staat, nämlich | Nordkorea, ist bisher aus dem Vertrag ausgetreten. Ein Austritt aus dem | Zwei-plus-Vier-Vertrag über die deutsche Einheit, der deutsche | Atomwaffen ebenfalls dauerhaft untersagt, ist rechtlich nicht möglich . | Um Atomwaffen zu besitzen, müsste Berlin daher das Abkommen brechen und | würde damit auch die abschließende Regelung der Ostgrenzen wieder | infrage stellen. Das würde Europa nicht sicherer machen. | | Deutschland verfügt momentan nicht über die Infrastruktur und Expertise, | um eigene Atomwaffen zu bauen oder zu stationieren. Und Europa ist | politisch weit von jener politischen Einigkeit entfernt, die notwendig | wäre, um ein Atomwaffenarsenal zu befehligen. Aber selbst in einer Welt, | in der all diese Hindernisse überwunden würden, erhöhten deutsche und | europäische Atomwaffen unsere Sicherheit nicht maßgeblich. Gegen viele | Bedrohungen bieten Kernwaffen keinen Schutz. Gleichzeitig machen sie | bereits jetzt Europa und die Welt unsicherer. Mehr Atomwaffen und mehr | Atomwaffenbesitzer potenzieren diese Risiken. | | Eine Diskussion der sicherheitspolitischen Vorteile des | Atomwaffenbesitzes muss mit dem Bild des nuklearen »Schutzschirms« | anfangen. In den Fünfzigerjahren bezeichneten die USA ihre in Europa | stationierten Atomwaffen zunächst treffenderweise als Blitzableiter . | Washington erhoffte sich, dass die Sowjetunion ihre (damals knappen) | Atomwaffen vor allem einsetzen würde, um europäische Ziele fern des | eigenen Territoriums zu zerstören. Dann aber setzte sich das eine | falsche Sicherheit suggerierende Bild des atomaren Schutzschirms durch. | | Nuklearwaffen schützen aber weder vor Angriffen nichtstaatlicher noch | staatlicher Akteure. Huthis greifen Schiffe der Nuklearmacht USA an. Die | Hamas ermordete Hunderte Israelis, obwohl Israel Atomwaffen hat. Irans | hat jüngst Ziele im nuklear bewaffneten Pakistan bombardiert. | Atomwaffenstaaten haben auch gegeneinander Krieg geführt, etwa Pakistan | und Indien oder China und Indien. | | Atomwaffen erfüllen allenfalls eine Funktion: Bei einem Angriff auf die | vitalen Interessen eines Staates, wie etwa bei einer Annexion des | gesamten Territoriums, muss der Angreifer die Möglichkeit nuklearer | Vergeltung einbeziehen. Diese Funktion wird in Europa aber von | Frankreich und Großbritannien abgedeckt. Nicht nur die USA haben | nukleare Sicherheitsgarantien für Europa abgegeben. Paris ist über EU | und Nato, und London über die Nato der Sicherheit europäischer Partner | verpflichtet. | | Weil die abschreckende Wirkung von Atomwaffen so begrenzt ist, greifen | deren Befürworter auf ein anderes Argument zurück: Nur wer über | Atomwaffen verfüge, könne den Verlauf eines Konflikts mit einem | Atomwaffenstaat zu seinen Gunsten beeinflussen. Ohne Atomwaffen könne | man nuklearer erpresst werden. | | Diese Befürchtung ist übertrieben. Versuche, die immense | Zerstörungskraft von Atomwaffen in politisches Erpressungskapital | umzumünzen, sind erstaunlich erfolglos geblieben. Lediglich in rund | einem Fünftel aller Krisen haben Atomwaffenstaaten ihre Kernwaffen | erfolgreich als Druckmittel einsetzen können, hat eine vor wenigen | Jahren veröffentlichte Studie aller solcher Fälle ergeben. Nukleare | Drohungen sind weniger erfolgreich als Erpressungsversuche von | Nichtatomwaffenstaaten. | | Dieser zunächst erstaunliche Befund lässt sich erklären: Im Krieg mit | Atomwaffen zu drohen, ist meist unglaubwürdig, wenn Ziele auch mit | konventionellen Waffen erreicht werden können oder ein Einsatz | unverhältnismäßig wäre. Auch Russlands Versuche, mit nuklearen Drohungen | die westliche Militärhilfe für die Ukraine zu verhindern, sind verpufft. | Kiew hat trotzdem immer wirkungsvollere Waffen geliefert bekommen. | | Der nukleare »Schutzschirm« schützt also allenfalls in wenigen | Situationen. Die mit einem Atomwaffenbesitz verbundenen Kosten und | Risiken sind dagegen hoch. | | Auch wenn es nichts bringt, mit dem Einsatz von Nuklearwaffen zu drohen, | können solche Drohungen gefährlich sein. Das wurde Verlauf des | russischen Krieges gegen die Ukraine deutlich. Im September und Oktober | 2022, als die russische Front in der Ukraine zusammenzubrechen drohte, | kamen US-Geheimdienste aufgrund konkreter Hinweise zu dem Schluss, dass | die Wahrscheinlichkeit für den Einsatz russischer Atomwaffen bei rund 50 | Prozent lag. Offenbar hatte Putin die Absicht, Atomwaffen einzusetzen, | um die ukrainischen Streitkräfte zurückzuschlagen. Er betonte, dass die | Drohung »kein Bluff« sei. | | Bemerkenswert ist, dass dies nicht dazu führte, dass die US-Regierung | die Ukraine weniger unterstützte. Die Krise wurde vor allem durch | konzertierte US-Diplomatie und nicht durch die Drohung mit nuklearer | Vergeltung entschärft, wie wir heute unter anderem von dem damaligen | Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium, Colin Kahl, wissen . | | Mehr als ein Dutzend Mal ist die Welt durch Glück und den Mut einzelner | Entscheidungsträger an einem Atomwaffeneinsatz vorbeigeschlittert . | Immer noch bestimmt in der Regel ein einzelner Staats- oder | Regierungschef über den Einsatz von Atomwaffen. Autokraten in Staaten | wie China, Nordkorea, Russland oder Pakistan entscheiden damit über die | Zukunft der Menschheit. Aber auch in Demokratien wie in Indien oder auch | in mit Deutschland verbündeten Staaten könnten Populisten an die Macht | kommen, siehe Marine Le Pen in Frankreich oder Donald Trump in den USA. | Populisten aber agieren kaum nach der Rationalität etablierter | Abschreckungsmodelle . | | Je mehr Akteure auf Kernwaffen zur Abschreckung setzen und je größer die | Rolle von Atomwaffen in Sicherheitsdoktrinen ist, desto größer sind | nukleare Risiken. Und: Die Doktrin der nuklearen Abschreckung ist | ansteckend, wie der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon einmal | treffend argumentierte . Je mehr die Europäer den Mythos von Atomwaffen | als sichere und einfache Rückversicherung in einer komplizierter | gewordenen Welt propagieren, desto attraktiver dürften diese Waffen auch | in den Augen anderer Länder wie Iran erscheinen. Nicht zuletzt | unterminiert man so den nuklearen Nichtverbreitungsvertrag, der auf dem | Versprechen der Atomwaffenbesitzer beruht, die Bedeutung dieser Waffen | zu reduzieren. Der nukleare Schutzschirm zieht Unwetter geradezu an. | | *Atomkraft verformt Demokratien* | | Andere Kosten kommen hinzu: Atomwaffen sind teuer. Und die mit diesen | Waffen einhergehende Geheimhaltung verformt Demokratien . Der »nukleare | Schutzschirm« macht seine Besitzer also auch ärmer und weniger | demokratisch. | | Kurzum: In der Debatte über deutsche und europäische Atomwaffen wird der | sicherheitspolitische Nutzen von Atomwaffen überschätzt, während die | Kosten und Risiken unterschätzt werden. | | Politisch sollte es daher vor allem darum gehen, das seit mehr als 75 | Jahren bestehende nukleare Tabu zu untermauern. Das geschieht vor allem, | indem man die sicherheitspolitische Rolle von Nuklearwaffen auf die | Abschreckung von Atomwaffenangriffen beschränkt. | | Tatsächlich hat die Weltgemeinschaft nach den verantwortungslosen | russischen Nukleardrohungen wichtige Schritte dahin unternommen, | Atomwaffen zu ächten. Im November 2022, am Ende der wohl gefährlichsten | Nuklearkrise seit Ende des Kalten Krieges, haben alle G-20-Staaten | gemeinsam erklärt , dass »der Einsatz oder die Androhung des Einsatzes | von Kernwaffen unzulässig« ist. +--- </hier abknabbern> --- ©<https://www.spiegel.de/politik/deutschland/deutsche-atombombe-hoher-preis-wenig-sicherheit-meinung-a-c437768b-e388-4c96-80e6-d182f700a02b> M.f.G. -- Diese E-Mail-Adresse wird nur aus nostalgischen Gründen verwendet. Sie wird praktisch nie gelesen. Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur etwas komisch... ;-)
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