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Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art

From Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de>
Newsgroups ger.ct
Subject Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art
Date 2023-06-25 11:45 +0200
Organization A noiseless patient Spider
Message-ID <u792at$ep40$1@dont-email.me> (permalink)
References <u77ptv$1o2cb$1@solani.org> <u77unc$7ugs$1@dont-email.me> <kfpt4nFn7cfU2@mid.individual.net>

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Salve allerseits,

Hermann Riemann schrieb:
> Am 25.06.23 um 01:37 schrieb Mike Grantz:
> 
>> Ruhig bleiben und Tee trinken. Ah, lieber doch nicht.
> 
>> Ich bin gespannt, ob wir je erfahren werden, womit sie ihn an den
>> Eiern gepackt haben. Man startet nicht einfach mal so einen
>> Putschversuch, schiesst Helikopter und Flugzeuge ab, marschiert
>> über 800 Kilometer gen Hauptstadt, nur um dann kurz vorm Ziel alles
>> abzublasen. Er hat ja zwei Töchter. https://www.thetimes.co.uk/imageserver/image/%2Fmethode%2Ftimes%2Fprod%2Fweb%2Fbin%2F1fe6889e-96e0-11eb-b066-4357071f66d7.jpg?crop=1500%2C1000%2C0%2C0&resize=618
> 
> Für mich sieht es so aus, als wären bei wichtiger Unterstützer die Angst
> vor Putins Macht größer als die Hoffnung auf eine Besserung gewesen.
> 
+--- <hier abknabbern> ---
| Nach langen, zehrenden Schlachten schart der berüchtigte Warlord seine
| Truppen um sich. Diese sind ihm nicht nur loyal ergeben, ihnen eilt auch
| ein Ruf übermäßiger Brutalität voraus. Dem fernen Herrscher, der sich
| die Dienste des Söldnerführers gesichert hatte, wird das langsam zu
| unheimlich, er sieht seine eigene Macht gefährdet. Deshalb soll der
| Einfluss des freidrehenden Kriegsunternehmers beschnitten werden.
| Letzterer fühlt sich nun verraten und denkt seinerseits über eine
| Rebellion gegen den Herrscher nach.
|
| Das ist die Grundkonstellation eines der wichtigsten Geschichtsdramen
| der deutschen Klassik: Friedrich Schillers Wallenstein-Trilogie. Es
| wirkt zugleich wie ein fiktionales Vorbild für die reale aktuelle
| Situation in Russland. Mit einem gewichtigen Unterschied: Während
| Wallenstein den Verrat zwar in Betracht zieht, bleibt er ein Zauderer,
| der sich am Ende nicht vollends für die Meuterei gegen den Kaiser
| entscheiden kann (wohl aber für einen Verrat: den Versuch, hinter dem
| Rücken des Herrschers mit dessen Kriegsgegner zu verhandeln).
|
| Putins Wallenstein Jewgeni Prigoschin, Chef der eigentlich in Russlands
| Diensten gegen die Ukraine kämpfenden Wagner-Gruppe, ist hingegen nun
| offen zur Tat geschritten – auch wenn dessen ausgerufener "Marsch auf
| Moskau" einstweilen durch die Vermittlung des belarussischen Präsidenten
| Alexander Lukaschenko gestoppt scheint. Nachdem der einst so treue
| Verbündete des russischen Präsidenten schon lange rhetorisch gegen
| dessen Armeeführung geschossen schoss, hat er seine Soldaten nicht nur
| zum Kampf im eigenen Land mobilisiert, sondern auch Putin öffentlich die
| Gefolgschaft aufgekündigt.
|
| Am Anfang dieses realen Dramas um Macht, Verrat und Gewalt, das Russland
| mindestens für den Moment ins innenpolitische Chaos stürzt, stand
| ironischerweise die Frage nach Macht, Verrat und Gewalt. Denn Prigoschin
| ist auch und vor allem deshalb vom Catering-Unternehmer zum
| einflussreichen Söldnerchef aufgestiegen, weil Putin innenpolitisch ein
| starkes Gegengewicht zu seiner eigenen Armeeführung schaffen wollte. Wie
| die Politologen Andreij Soldatow und Irina Borogan jüngst in Foreign
| Affairs argumentierten, sah der russische Präsident im Militär stets
| eine potenzielle Gefahr für seine Macht. Denn der ehemalige KGB-Agent
| Putin ist auch biografisch vornehmlich ein Mann der Geheimdienste, die
| im polyzentrischen Machtgefüge Russlands nicht immer ein konfliktfreies
| Verhältnis zum Militär pflegten. Putin folgte somit einer "Teile und
| herrsche"-Logik, nach der er verschiedene Teile des Machtsystems
| miteinander konkurrieren lässt, teilweise bis an die Grenze des offenen
| Streits, um sich dann als einende Führerfigur zu präsentieren. Der
| Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat diese Strategie jüngst
| treffend "domestizierte Anarchie" genannt.
|
| Prigoschins Privatarmee diente deshalb nicht nur als so grausame wie
| effiziente Kampftruppe für Putins Schattenkriege im Sudan, in Syrien
| oder im Donbass, sondern auch zu Hause in Russland zur Einhegung der
| Machtansprüche des offiziellen Militärs. Die Bedeutung von Wagner stieg
| mit der Invasion der Ukraine dann rasant weiter. Einerseits, weil Putin
| mit dem Einsatz von Prigoschins Truppen in der Ukraine eine noch größere
| Form der Mobilmachung und Zwangsrekrutierung russischer Männer zum
| Kriegsdienst verhindern konnte. Andererseits, weil jegliches Militär
| (und also nicht nur das offizielle russische, sondern auch die
| Wagner-Gruppe) in Zeiten des Krieges traditionell an Macht und Einfluss
| gewinnt. Das zeigt sich aktuell auch auf der Gegenseite, wo Walerij
| Saluschnyj, der Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, in der
| Bevölkerung derart populär ist, dass das laut dem Economist im Umfeld
| von Präsident Selenskyj bereits für Nervosität sorgt.
|
| Umso ironischer ist es natürlich, dass Putin mit seiner Strategie das
| Gegenteil dessen erreicht hat, was er wollte: Während die russische
| Armeeführung um Verteidigungsminister Schoigu in der eigenen Bevölkerung
| extrem unpopulär ist und für den schlechten Kriegsverlauf und die hohen
| Verluste auf dem Schlachtfeld verantwortlich gemacht wird, gewann
| Prigoschin sukzessive an Beliebtheit und baute sich ein eigenes
| Machtzentrum auf – inklusive reichweitenstarker Telegram-Kanäle.
| Gleichwohl konnte man dessen immer heftiger werdende Tiraden gegen die
| russische Militärführung bis vor wenigen Tagen noch als Teil von Putins
| Spiel verstehen, als Ausdruck der "domestizierten Anarchie". Ähnlich wie
| der General Alexander Menschikow unter Peter dem Großen erschien
| Prigoschin als eine Art bewaffneter Hofnarr, der das Establishment
| kalkuliert erschrecken sollte.
|
| *Fluch der bösen Tat*
|
| Doch mit Prigoschins offener Meuterei zeigt sich nun: Putin hat seinen
| Kriegsfürsten nicht mehr unter Kontrolle. Und das ist für den russischen
| Präsidenten umso dramatischer, weil Prigoschin vor Kurzem auch ganz
| offiziell aus dem Schatten getreten ist. So präsent der Söldnerführer in
| den vergangenen Jahren auch wurde, hatte er lange kein formales Placet
| des Kreml. Bis zum Beginn des Ukraine-Krieges stritt Prigoschin etwa ab,
| Chef der Wagner-Truppe zu sein, ja er leugnete gar deren gesamte
| Existenz; auch Putin erwähnte Wagner lange nicht im Zusammenhang mit dem
| Krieg in der Ukraine. Und obwohl Privatarmeen in Russland nach wie vor
| formal verboten sind, ist Prigoschin in den vergangenen Monaten vollends
| ins politische Rampenlicht gerückt. Wagner eröffnete nicht nur in St.
| Petersburg sein nagelneues Hauptquartier, Putin dankte der Privatarmee
| auch dezidiert für die Einnahme von Bachmut. Mehr noch: Der russische
| Präsident hat Prigoschin erst vor Kurzem den Orden Held Russlands
| verliehen.
|
| Das führt für Putin zu einer eigentümlichen Paradoxie. Weil Putin kurz
| vor der Invasion der Ukraine die führenden Kräfte der russischen
| Sicherheitsorgane im Kreml noch wie eine Schulklasse antreten ließ und
| jedem Einzelnen ein Bekenntnis zum Krieg abforderte, wurden die Chefs
| von Militär und Geheimdiensten unausweichlich zu Komplizen des Angriffs
| gemacht. Ab da konnte sich keiner mehr glaubhaft darauf berufen,
| eigentlich gegen die Invasion gewesen zu sein. Nun ist es umgekehrt:
| Prigoschin hat Putin gewissermaßen zu seinem Komplizen gemacht. Denn
| selbst wenn der Putschversuch von Wagner niedergeschlagen werden sollte,
| bleibt Putin derjenige, der den Warlord nicht nur geschaffen, sondern
| ihn jüngst erst mit einem Orden ausgezeichnet hat. Auch wenn Putin sich
| in seiner TV-Ansprache am heutigen Samstag klar von Prigoschin absetzte:
| Dessen Rebellion ist auch eine Folge von Putins Fehleinschätzung. Und
| diese ist derart groß, dass Putins Autorität im Kreis der russischen
| Sicherheitsorgane für immer beschädigt sein dürfte.
|
| Zumal Prigoschins versuchter "Marsch auf Moskau" auch noch ein
| grundsätzlicheres Muster vom Scheitern imperialer Kriege offenbart. Um
| das Zentrum zu stabilisieren, wird zunächst die Gewalt in die Peripherie
| getragen. Sprich: Der Herrscher will sich mit den territorialen
| Eroberungen schmücken, die etwa weit von Moskau entfernt in der Ukraine
| gemacht werden sollten. Doch kann in einer Art Schubumkehr die Gewalt
| aus der Peripherie dann eben auch ins Zentrum wandern. Man denke nur an
| Napoleons Russland-Feldzug oder die beiden Weltkriege, die nach
| gescheiterten Feldzügen dort endeten, wo von wo aus sie befehligt worden
| waren.
|
| So weit ist es im Falle Russlands freilich noch nicht. Es wird sich erst
| zeigen, ob Prigoschins Putschversuch tatsächliche Aussicht auf Erfolg
| hat – oder nach der Vermittlung Lukaschenkos womöglich auch schon wieder
| vorbei ist. So oder so sind die Risse im russischen Machtgefüge für die
| Ukraine jedoch eine gute Nachricht. Schließlich ist davon auszugehen,
| dass sie dem Land absehbar psychologische und militärische Vorteile an
| den Fronten in der Ukraine bringen.
|
| Dennoch ist die Aussicht auf einen gleichermaßen chaotischen wie
| gewaltsamen Machtkampf im russischen Herrschaftsapparat auch hochgradig
| bedrohlich. Denn ganz gleich, wie dieser ausgeht, ist zumindest
| kurzfristig nicht viel Gutes von ihm zu erwarten.
+--- </hier abknabbern> ---

©<https://www.zeit.de/kultur/2023-06/wladimir-putin-jewgeni-prigoschin-macht-russland>

	M.f.G.

-- 
Diese E-Mail-Adresse wird nur aus nostalgischen Gründen verwendet. Sie
wird praktisch nie gelesen.  Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur
etwas komisch... ;-)

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Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Martin Pochert <pochert.no.spam@gmx.de> - 2023-06-25 00:15 +0200
  Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Mike Grantz <invalid@invalid.invalid> - 2023-06-25 01:37 +0200
    Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Hermann Riemann <nospam.ng@hermann-riemann.de> - 2023-06-25 06:12 +0200
      Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2023-06-25 11:45 +0200
        Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Peter Veith <veith@snafu.de> - 2023-06-25 11:58 +0200
          Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Hermann Riemann <nospam.ng@hermann-riemann.de> - 2023-06-25 12:41 +0200
            Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2023-06-25 13:04 +0200
              Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2023-06-25 04:50 -0700
                Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Peter Veith <veith@snafu.de> - 2023-06-25 14:49 +0200
                Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Goetz Schultz <ng.expire1225@goetz.co.uk> - 2023-06-25 15:25 +0100
                Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2023-06-25 23:43 -0700
          Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Hartmut Ott <hartmut@arcor.de> - 2023-06-25 14:35 +0200
    Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Dietz Proepper <dietz.usenet@rotfl.franken.de> - 2023-06-25 11:11 +0200
      Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Hermann Riemann <nospam.ng@hermann-riemann.de> - 2023-06-25 11:39 +0200
        Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Dietz Proepper <dietz.usenet@rotfl.franken.de> - 2023-06-25 11:44 +0200
          Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Hermann Riemann <nospam.ng@hermann-riemann.de> - 2023-06-25 11:47 +0200
            Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2023-06-25 12:48 +0200
      Re: Nostalgischer Warnhinweis fuer Soeldner aller Art Mike Grantz <invalid@invalid.invalid> - 2023-06-26 07:17 +0200

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