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| From | Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> |
|---|---|
| Newsgroups | ger.ct |
| Subject | Re: Auf Empfehlung Russlands |
| Date | 2022-04-12 12:47 -0400 |
| Organization | A noiseless patient Spider |
| Message-ID | <t34afm$4lb$1@dont-email.me> (permalink) |
| References | (5 earlier) <jbil3kF582tU1@mid.individual.net> <09195dc7-1239-4d5e-9377-89f83046711dn@googlegroups.com> <jbiumdF71lgU1@mid.individual.net> <t320vp$2sa$1@dont-email.me> <jbkfc8FfribU1@mid.individual.net> |
Salve allerseits,
Hermann Riemann schrieb:
> Am 11.04.22 um 21:53 schrieb Fidel Sebastián Hunrichse-Lara:
>> Hermann Riemann schrieb:
>>>
>>> Bei der Auseinandersetzung USA China ist die USA IMHO bald nicht mehr
>>> ohne Europa in der Lage gegen China mitzuhalten.
>>>
>> Chlor! Und das Eurokorps bildet den Kern eines stehenden Heeres... ヽ(´▽`)/
>
> Es geht nicht um das Heer, sondern um die industrielle und technische
> Kapazität.
>
+--- <hier abknabbern> ---
| Vor ein paar Jahren hat einmal jemand untersucht, wo eigentlich ein
| Porsche Cayenne herkommt, das ist eines dieser Straßenmonster, die in
| deutschen Städten immer beliebter werden. Aber es soll hier nicht um
| Ästhetik gehen. Woher kommt der Cayenne? Aus Stuttgart – wie zu vermuten
| wäre, dem Stammsitz von Porsche? Aber nein. Zusammengeschraubt wird der
| Wagen in der Slowakei, genauer gesagt in Bratislava. Die Sitze etwa
| liefert die Firma Adient, die unter anderem Fasern aus Sri Lanka
| verarbeitet. Die Spiegel stammen von einer amerikanischen Firma, die
| wiederum Rohstoffe aus anderen Ländern importiert. So kommen schnell
| mehr als 30 Zulieferer zusammen, die ihrerseits Material von Lieferanten
| beziehen, die wiederum Werkstoffe von weiteren Herstellern verarbeiten.
| Globalisierung nennt man das, und lange fanden das alle gut.
|
| Heute ist das nicht mehr unbedingt so. Außenministerin Annalena Baerbock
| sagt, das Land müsse sich seinen "wirtschaftlichen Abhängigkeiten
| intensiv stellen". Finanzminister Christian Lindner rät den hiesigen
| Unternehmen, bevorzugt mit den Nationen ins Geschäft zu kommen, "die
| nicht nur Handelspartner sind, sondern auch Wertepartner sein wollen".
| Wirtschaftsminister Robert Habeck sagt, wer sich von fossilen Energien
| und damit deren Lieferländern unabhängig mache, der kämpfe für die
| Freiheit. Selbst für Oppositionsführer Friedrich Merz – vor seinem
| Wiedereinstieg in die Politik Mitglied im Aufsichtsrat des
| internationalen Finanzkonzerns BlackRock und damals unbedingt für die
| weitere Liberalisierung aller Märkte – sieht in China auf einmal nicht
| mehr in erster Linie einen unverzichtbaren Lieferanten und wichtigen
| Absatzmarkt für deutsche Produkte, nein, Merz fürchtet heute eine
| "Bedrohung von Frieden und Freiheit".
|
| Der russische Einmarsch in die Ukraine macht so ein neues
| wirtschaftspolitisches Leitbild attraktiv: die Abkoppelung. Deutschland
| soll unabhängiger werden: vom russischen Gas, vom saudischen Öl, von den
| chinesischen Rohstoffen. Stellvertretend für die gesamte Regierung
| kündigte Baerbock eine neue Sicherheitsstrategie an. Ein Ziel: die
| Vernetzung mit dem Rest der Welt auf Sicherheitslücken hin zu überprüfen
| und gegebenenfalls zurückzufahren.
|
| Aber geht das denn? Und wäre es überhaupt wünschenswert?
|
| Es wäre jedenfalls für kaum ein Land so herausfordernd wie für
| Deutschland. Etwa 36 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung stammen
| aus dem Export, in Frankreich sind es 18 Prozent, in Großbritannien 15
| Prozent. Diese Abhängigkeit ist nicht zufällig entstanden, sondern sie
| ist Ergebnis eines politischen Projekts, das bis in die Nachkriegsjahre
| zurückreicht und dem besiegten Deutschland die Rückkehr zu Wohlstand und
| Einfluss sicherte.
|
| *Die guten Geschäfte wurden ideologisch untermauert*
|
| Schon in den Fünfzigerjahren wurden unter dem damaligen
| Wirtschaftsminister Ludwig Erhard die aufstrebenden Wachstumsmärkte in
| Asien und Lateinamerika systematisch ins Visier genommen, um
| Absatzchancen für die deutsche Industrie zu erschließen, wie der
| Bielefelder Historiker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk
| Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945 ausführlich beschrieben hat. In
| den Jahrzehnten darauf waren die deutschen Bundesregierungen immer ganz
| vorn mit dabei, wenn es darum ging, die Investitionen heimischer
| Unternehmen in fernen Märkten rechtlich abzusichern und zu ihrem Wohle
| die Liberalisierung des Welthandels voranzutreiben. Das erste
| Investitionsschutzabkommen der Welt schloss Deutschland 1959 mit
| Pakistan, und es kamen immer mehr. Die kriegsgeschädigte deutsche
| Wirtschaft verwandelte sich so in eine hocheffiziente Exportmaschine,
| die Rohstoffe aus dem Ausland aufsaugte, fertige Produkte in die ganze
| Welt verkaufte und zu Hause den Wohlstand mehrte.
|
| Mit wem man da Handel trieb, war in dieser Zeit nicht so wichtig. In
| Pakistan herrschte in den Fünfzigerjahren ein Militärregime, was die
| damalige Bundesregierung nicht daran hinderte, Verträge zu schließen.
| Geschäfte mit anderen Diktaturen folgten. Noch Jahrzehnte später waren
| deutsche Banken im Iran aktiv – da hatten sich Institute anderer Länder
| wegen des Atomprogramms des Regimes längst zurückgezogen.
|
| Die guten Geschäfte wurden ideologisch untermauert. Die
| außenwirtschaftliche Integration der jungen Bundesrepublik galt
| Wirtschaftsminister Ludwig Erhard auch als ein Akt der politischen
| Emanzipation – der uns, aber auch den Handelspartnern nutzte. Ein
| entspanntes Verhältnis mit autoritären Staaten, so die herrschende
| Meinung, war nicht nur gut für das Geschäft, sondern auch für den
| Weltfrieden. Weil ein Land, das sich für westliche Güter öffne, über
| kurz oder lang auch westlichen Ideen nicht widerstehen könne. Am Ende
| trägt ein Mercedes – so glaubte man – auch Demokratie und
| Marktwirtschaft in die Welt hinaus. "Wandel durch Annäherung" hieß das
| dann in den Siebzigerjahren, als Willy Brandt die Grundsätze seiner
| Ostpolitik entwickelte. Durch wirtschaftliche Öffnung sollte die
| Sowjetunion dazu bewegt werden, Menschenrechte anzuerkennen und sich
| politisch gen Westen zu orientieren.
|
| *Es geht nicht nur um russisches Gas*
|
| Deutschland ist damit zumindest aus einer ökonomischen Perspektive gut
| gefahren. Während die Globalisierung in den Vereinigten Staaten,
| Frankreich und anderen westlichen Ländern gut bezahlte Arbeitsplätze in
| der Industrie vernichtete und populistischen Kräften Auftrieb verlieh,
| hat die deutsche Exportindustrie von der internationalen Arbeitsteilung
| enorm profitiert. Auch hierzulande sind durch die Billigkonkurrenz aus
| China oder Indien Jobs verloren gegangen, in der Textilindustrie etwa
| oder in der Elektronikbranche. Aber unterm Strich sind viel mehr neue
| Stellen entstanden, denn die Exportindustrie stellte weiter ein, und das
| oft zu überdurchschnittlich guten Löhnen. Vor allem die
| Industrialisierung der chinesischen Volkswirtschaft war aus deutscher
| Sicht ein Milliardengeschäft, an dem über steigende Steuereinnahmen auch
| der Staat profitierte. Es ist kein Zufall, dass die Bundesrepublik aus
| den Großkrisen der vergangenen Jahrzehnte – Finanzkrise, Euro-Krise,
| Corona-Krise – relativ unbeschadet hervorgegangen ist. Sie konnte sich
| die großzügigen Stützungsprogramme eben leisten.
|
| Nun aber treten so deutlich wie nie zuvor die Schattenseiten dieser
| Strategie zutage. Denn wenn alle miteinander verbunden sind, dann macht
| diese Verbundenheit verletzbar. Es geht nicht nur um russisches Gas.
| Ohne Rohstoffe aus dem Ausland rollt kein Auto vom Fließband, kann kein
| Haus modernisiert werden, kein Windrad sich drehen.
|
| Beispiel Russland: Ein Fünftel des deutschen Aluminiums kommt aus Putins
| Reich, ein Fünftel des Kupfers und des Eisenerzes. Bei Nickel sind es
| sogar 40 Prozent. Ohne Eisenerz keine Stahlproduktion. Ohne Kupfer keine
| Windenergie.
|
| Beispiel China: Die amerikanische Regierung hat eine Liste mit 50
| mineralischen Rohstoffen erstellt, die für ihre ökonomische und
| nationale Sicherheit als "kritisch" eingestuft wurden – 19 davon werden
| vor allem in China abgebaut. In Europa ist die Lage ähnlich: Magnesium
| kommt zu 93 Prozent aus China, Wismut zu 93 Prozent, bei den seltenen
| Erden sind es 98 Prozent.
|
| Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Und vieles davon wird für die
| ökologische Transformation dringend benötigt. Denn die erneuerbaren
| Energien befreien zwar vom Zwang, Öl und Gas zu kaufen, aber auch sie
| brauchen Rohstoffe. Ohne Silizium keine Solarpanels, ohne Lithium keine
| Batterien. So könnten die Fabriken, die derzeit in Brandenburg zur
| Herstellung von Batteriezellen gebaut werden, vielleicht bald schon nur
| mit Kurzarbeit laufen – wenn China den Export von Rohstoffen wie Lithium
| und seltenen Erden beschränkt. Oder wenn sich in den Häfen die Container
| stapeln, weil wieder einmal eine chinesische Stadt wie derzeit Shanghai
| im Lockdown ist.
|
| Das alles sind keine pessimistischen Prognosen. Schon heute fehlt es in
| den E-Auto-Werken von VW und BMW an Nickel. Und der Chiphersteller
| Infineon könnte wegen eines Mangels an Neon, einem Edelgas, Probleme
| bekommen, Chips herzustellen.
|
| Die ökonomische Abhängigkeit hat politische Folgen. In seinem Buch The
| Weaponisation of Everything ("Wie alles zur Waffe werden kann")
| prophezeit der britische Politikwissenschaftler und Russland-Experte
| Mark Galeotti genau das. Die zunehmende kulturelle und wirtschaftliche
| Vernetzung der Welt habe zwar "klassische" Kriege wie jenen, der jetzt
| in der Ukraine stattfindet, weniger werden lassen, so seine Beobachtung.
| Konflikte zwischen Staaten würden dafür immer häufiger auf anderen
| Feldern ausgetragen, die vielschichtigen Verbindungen untereinander
| würden von den Regierungen für strategische Zwecke missbraucht. Je
| stärker die Nationen im globalen Handel aufeinander angewiesen sind,
| desto größer sei der Anreiz, diese Abhängigkeiten zu
| instrumentalisieren, so Galeotti.
|
| *Die politische Zweiteilung der Welt*
|
| "Auch Demokratien haben überhaupt kein Problem damit, Abhängigkeiten und
| Handelsverbindungen zu anderen Staaten für politische Zwecke zu nutzen",
| sagt Galeotti der ZEIT. "Teilweise wird das als ›normal‹, als üblicher
| Teil des wirtschaftlichen Wettbewerbs verbucht – denken Sie nur an die
| harten Sanktionen gegen den Iran." Galeotti prognostiziert "eine Welt
| dauerhafter niedrigschwelliger Konflikte". Die Energieabhängigkeit
| Europas von Russland ist für ihn dabei zwar ein wichtiger, aber doch nur
| kleiner Ausschnitt der vielfältigen weltweiten Dependenzen. So kann etwa
| auch ein Boykott der Tourismusindustrie eines Landes eine starke Waffe
| sein. Als der Inselstaat Palau sich 2017 weigerte, wie von China
| verlangt seine Beziehungen zu Taiwan einzustellen, zwang die chinesische
| Führung Anbieter von Pauschalreisen, den Inselstaat aus dem Programm zu
| nehmen – und halbierte so auf einen Schlag die palauische
| Tourismusindustrie.
|
| *Es ist utopisch, dass Deutschland alle seine Rohstoffe aus Demokratien*
| *bezieht*
|
| Die Bundesregierung will diesem Dilemma mit zwei strategischen
| Weichenstellungen begegnen: Diversifizierung und Regionalisierung.
| Lieferungen und Kunden sollen nicht mehr nur in einigen wenigen Staaten,
| sondern überall auf der Welt ausfindig gemacht werden – idealerweise
| dort, wo westliche Werte geachtet werden. Seltene Erden beispielsweise
| sind gar nicht so selten. Diese chemischen Verbindungen finden sich in
| vielen Mineralien, sie sind nur schwer abzubauen, auch ist ihre
| Gewinnung schlecht für die Umwelt. Doch um die chinesisch-russische
| Übermacht zu brechen, entsteht derzeit eine Anlage in Kalifornien, eine
| weitere ist in der kanadischen Provinz Saskatchewan im Bau.
|
| Ähnliches könnte bei den Energielieferanten passieren: Wenn nicht mehr
| Gas und Öl die Energieträger der Zukunft sind, sondern Wasserstoff –
| dann könnten neue Anbieter den Weltmarkt betreten. Länder nämlich, die
| über viel Sonne verfügen und deshalb günstig Wasserstoff herstellen
| können. Viele afrikanische Staaten könnten so zu neuen Handelspartnern
| werden. Vorausgesetzt, sie bauen bald eine eigene Wasserstoffindustrie
| auf.
|
| Beim Gas ist eine wichtige Entscheidung schon gefallen. Es soll künftig
| verstärkt aus den USA kommen, Joe Biden und EU-Kommissionspräsidentin
| Ursula von der Leyen verkündeten Ende März ein entsprechendes Abkommen.
| Dass das amerikanische Fracking-Gas besonders schlecht für das Klima
| ist, spielt angesichts der russischen Bedrohung gerade keine Rolle mehr.
|
| Wenn es nach Christian Lindner geht, wird dies nicht das letzte Abkommen
| zwischen der EU und den USA gewesen sein. Er will gezielt
| Handelsverträge mit befreundeten Nationen abschließen. Ihm schwebt eine
| "League of Democracies" vor, die untereinander die Grenzen öffnet und
| nach außen hin unabhängiger agieren kann. Die politische Zweiteilung der
| Welt wäre dann auch eine ökonomische: Dem autokratischen Block um China
| und Russland würde ein demokratischer Block mit den Vereinigten Staaten
| und der EU im Zentrum entgegengesetzt.
|
| Das Problem dabei: Es ist utopisch, dass Deutschland alle seine
| Rohstoffe aus funktionierenden Demokratien bezieht. Denn dafür gibt es
| auf der Welt eben nicht genug funktionierende Demokratien. Ebenso wenig
| gibt es die Garantie, dass die Länder, die heute demokratisch sind, es
| auch morgen noch bleiben. In den USA wird 2024 gewählt – möglicherweise
| tritt Donald Trump wieder an. Wie viel von der amerikanischen
| Gewaltenteilung nach dem Ende einer zweiten Amtszeit Trumps übrig wäre,
| lässt sich nicht sagen. Und selbst wenn es nicht so schlimm kommt: Trump
| hat gezeigt, dass er keinerlei Skrupel hat, die wirtschaftliche Stärke
| seines Landes für politische Zwecke einzusetzen. Im Jahr 2018 erließ er
| Zölle auf Aluminium und Stahl aus Europa. Damals gab es in Europa
| übrigens eine Reihe von Experten, die vor einer zu großen Abhängigkeit
| von amerikanischem Gas warnten. So ändern sich die Zeiten.
|
| Deshalb wird in vielen Konzernzentralen längst über eine dritte
| Alternative nachgedacht: selber machen. Wenn seltene Erden, Silizium,
| Gallium und Mangan künftig nicht mehr so leicht zu beschaffen sein
| werden, dann müssen sie – wo eben möglich – recycelt werden. Jedes
| Produkt, so eine der vielen Ideen, die in Brüssel und mittlerweile auch
| in Berlin kursieren, könnte auf diese Weise bald schon einen
| Materialpass bekommen.
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©<https://www.zeit.de/2022/16/wirtschaft-beziehungen-abhaengigkeit-rohstoffe/komplettansicht>
M.f.G.
--
Diese E-Mail-Adresse wird nur aus nostalgischen Gründen verwendet. Sie
wird praktisch nie gelesen. Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur
etwas komisch... ;-)
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Re: Auf Empfehlung Russlands spamfalle2@arcor.de (Marc Stibane) - 2022-04-21 08:17 +0200
Re: Auf Empfehlung Russlands Martin Ebert <mx300@gmx.net> - 2022-04-11 09:08 +0200
Re: Auf Empfehlung Russlands Michael Bode <m.g.bode@web.de> - 2022-04-11 12:25 +0200
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