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Vitamin-D Hype

From "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org>
Newsgroups ger.ct
Subject Vitamin-D Hype
Date 2022-03-28 17:49 +0200
Message-ID <t1sldg$28ta$1@solani.org> (permalink)

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Ich habe hier ja schon öfter kritisch zur Vitamin D-"Industrie" 
berichtet, zu den unkritisch gemessenen Spiegeln aus denen dann fast 
immer gleich eine Behandlungsindikation folgt. Ohne Evidenz.

Hier ist eine Kritik dazu:


https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4911006?uac=181545HT&faf=1&sso=true&impID=4120608&src=WNL_mdplsfeat_220328_mscpedit_de

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Entzaubert: Was wirklich hinter dem Vitamin-D-Hype steckt – und wie man 
die Studien bewerten sollte
John M. Mandrola, MD

28. März 2022

Die Geschichte zu Vitamin D ist für Ärzte äußerst lehrreich. Sie ist ein 
exzellentes Lehrstück zur kritischen Beurteilung von Veröffentlichungen, 
indem sie Konzepte der biologischen Plausibilität, fehlerhafte 
Surrogat-Marker, verzerrte Beobachtungsstudien und zahlreiche 
randomisierte kontrollierte Studien (RCTs), die keinen Nutzen für die 
Gesundheit zeigen, miteinander verbindet.

Doch trotz des völligen Fehlens eines Nutzens, was sich anhand von 
Studien gezeigt hat, geht der Hype weiter. Und die COVID-19-Pandemie hat 
diesen Hype nur noch verstärkt, da eine Flut von Veröffentlichungen den 
Zusammenhang zwischen niedrigen Vitamin-D-Spiegeln und 
COVID-19-Erkrankungen zum Thema hat.

Meine Fragen sind einfach: Warum überzeugen die vorliegenden Beweise 
Menschen nicht? Wie viele nicht signifikante Studien brauchen wir noch, 
bevor Forscher aufhören, Vitamin D zu untersuchen, Ärzte aufhören, den 
Vitamin-D-Spiegel (routinemäßig) zu messen, und Patienten aufhören, Geld 
für das wenig hilfreiche Ergänzungsmittel zu verschwenden? Was sind die 
Folgen der fehlenden Überzeugungskraft von Studien?

Bevor ich diesen Fragen nachgehe, möchte ich betonen, dass 
symptomatische Vitaminmängel jeglicher Art behandelt werden sollten.

Biologische Plausibilität und die Wirkung von Beobachtungsstudien
Es ist seit langem bekannt, dass Vitamin D für die Knochengesundheit von 
entscheidender Bedeutung ist und dass es durch Sonneneinstrahlung in der 
Haut gebildet wird.

In den letzten 10 Jahren haben Experten aber festgestellt, dass fast 
jedes Gewebe und jede Zelle in unserem Körper einen Vitamin-D-Rezeptor 
besitzt. Daraus folgt, dass Vitamin D, wenn es von so vielen Zellen im 
Körper aktiviert werden kann, lebenswichtig für die kardiovaskuläre 
Gesundheit, die Immunfunktion und die Krebsvorbeugung sein muss: im 
Grunde für alle Vorgänge, die mit unserer Gesundheit zu tun haben.

Unzählige Beobachtungsstudien haben ergeben, dass niedrige 
Vitamin-D-Serumspiegel mit einer höheren Gesamtmortalität sowie einer 
höhere Mortalität durch Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und jetzt 
auch bei COVID-19 assoziiert sind. Trotz aller statistischen Anpassungen 
in diesen Studien können wir jedoch nicht wissen, ob diese Zusammenhänge 
tatsächlich kausal sind.


Das Hauptproblem sind Störfaktoren (Confounding): Menschen mit niedrigem 
Vitamin-D-Spiegel haben andere Erkrankungen, was zu einer höheren 
Morbidität führt. Dr. John M. Mandrola

Nehmen wir Patienten mit Adipositas, Arthritis und kognitivem Verfall 
als Beispiel. Sie werden sich wahrscheinlich nicht viel in der Sonne 
bewegen und damit einen niedrigen Vitamin-D-Spiegel haben. Dieser 
Laborwert ist lediglich ein Indikator für den insgesamt schlechten 
Gesundheitszustand.

Randomisiert-kontrollierte Studien sprechen eine deutliche Sprache
Es gibt Hunderte von Vitamin-D-RCTs. Die Ergebnisse lassen sich in einem 
Satz zusammenfassen: Vitamin-D-Ergänzungen verbessern die Gesundheit 
hinsichtlich diverser Endpunkte nicht.

Hier ist eine kurze Zusammenfassung einiger aktueller Studien:

VITAL, eine groß angelegte RCT (n>25.000) mit einer Nachbeobachtungszeit 
von 5 Jahren, verglich Vitamin-D-Präparate mit Placebo. Die Autoren 
fanden keine Unterschiede bei den primären Endpunkten Krebs oder 
kardiale Ereignisse. Die Raten für Todesfälle jeglicher Ursache waren 
nahezu identisch. Entscheidend ist, dass in Subgruppenanalysen Effekte 
nicht von den Vitamin-D-Werten bei Studienbeginn abhingen.

Forscher der D-Health-Studie wiesen mehr als 21.000 Erwachsenen nach dem 
Zufallsprinzip Vitamin D oder Placebo zu. Sie berichteten nach einer 
Nachbeobachtungszeit von 5,7 Jahren über keine Unterschiede beim 
primären Endpunkt der Gesamtsterblichkeit. Auch bei der Sterblichkeit 
durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen gab es keine Unterschiede.


Vitamin-D-Ergänzungen verbessern die Gesundheit hinsichtlich diverser 
Endpunkte nicht. Dr. John M. Mandrola

Dann gibt es noch die Mendelschen Randomisierungsstudien, die manche als 
RCT der Natur bezeichnen. Diese Studien machen sich die Tatsache 
zunutze, dass manche Menschen mit Genvariationen geboren werden, die zu 
einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel prädisponieren. In mehr als 60 
Mendelschen Randomisierungsstudien wurden die Auswirkungen eines 
lebenslangen genetisch bedingten niedrigen Vitamin-D-Spiegels auf 
verschiedene Ergebnisse untersucht; in den meisten dieser Studien wurden 
keine Auswirkungen festgestellt.

Erkenntnisse aus Metaanalysen und systematischen Übersichtsarbeiten 
kommen mit hinzu. Mir gefiel die Schlussfolgerung dieser Übersicht über 
systematische Übersichten aus dem BMJ (Hervorhebungen des Autors):

„Trotz einiger hundert systematischer Übersichten und Metaanalysen gibt 
es keine überzeugenden Beweise für eine eindeutige Rolle von Vitamin D 
für irgendein Ergebnis, aber Assoziationen mit einer Auswahl von 
Ergebnissen sind wahrscheinlich.“

Gute Daten – schlechte Wirkung
Ursprünglich wollte ich die Aussagekraft von RCTs herausarbeiten. Trotz 
der starken Assoziation von niedrigen Vitamin-D-Spiegeln mit schlechten 
Behandlungsergebnissen zeigen die Studien keinen Nutzen. Dies deutet 
stark darauf hin (oder beweist fast), dass niedrige Vitamin-D-Werte mit 
ventrikulären Extrasystolen nach einem Herzinfarkt vergleichbar sind. 
Sie sind ein Marker für das Risiko, aber kein Ziel für eine Therapie.

Aber ich sehe jetzt das wichtigere Problem darin, warum Wissenschaftler, 
Geldgeber, Ärzte und Patienten nicht durch eindeutige Beweise überzeugt 
werden können. Jeden Tag sehe ich in der Klinik Patienten, die 
Vitamin-D-Präparate erhalten. Und Fachzeitschriften veröffentlichen 
immer wieder Vitamin-D-Studien.

Befürworter von Vitamin D bleiben optimistisch. Auch kam es in letzter 
Zeit zu viel Aufmerksamkeit – durch die Hoffnung, dass Vitamin D die 
SARS-CoV2-Infektion abmildern wird. Das geschah nur auf der Grundlage 
von Beobachtungsdaten.

Warum der Vitamin D-Hype gefährlich ist
Man könnte dagegen einwenden, dass Vitamin D natürlich und relativ 
harmlos ist, also wen kümmert die Debatte? Ich biete 3 Gegenargumente an:

Opportunitätskosten,

Ablenkung und

die heimtückische Gefahr mangelnder kritischer Beurteilungskompetenz.

Wenn man Geld für die Vitamin-D-Forschung verbrennt, steht weniger Geld 
für die Untersuchung anderer wichtiger Themen zur Verfügung.

Wenn Patienten durch einen niedrigen Vitamin-D-Spiegel abgelenkt sind, 
schenken sie ihrem hohen Body-Mass-Index oder ihrem Bluthochdruck 
möglicherweise weniger Aufmerksamkeit.

Und was die kritische Beurteilung angeht, so setzt das Vertrauen in die 
Medizin voraus, dass die Kliniker in der kritischen Beurteilung 
kompetent sind. Und was könnte heutzutage wichtiger sein als das 
Vertrauen in medizinische Fachkräfte?

Ablenkung vom primären Endpunkt
Ein Hauptgrund für das Scheitern der Überzeugungskraft von Beweisen ist 
Spin – oder eine Sprache, die von dem primären Endpunkt ablenkt. Hier 
sind 2 (von vielen) Beispielen:


Jeder weiß, wie gefährlich es ist, Daten mit einem anderen Endpunkt neu 
zu analysieren, nachdem man die Daten bereits gesehen hat. Dr. John M. 
Mandrola

In einer Metaanalyse von 50 Vitamin-D-Studien wurde die Sterblichkeit 
untersucht. Die Autoren fanden keinen signifikanten Unterschied bei 
diesem primären Endpunkt. Der 2. Satz ihrer Schlussfolgerung lautete 
jedoch, dass die Einnahme von Vitamin-D-Präparaten das Risiko von 
Krebstodesfällen um 15% verringere. Das ist ein sekundärer Endpunkt in 
einer Studie, deren primärer Endpunkt nicht signifikant ist. Das ist Unsinn.

Diese Metaanalyse wurde abgeschlossen, bevor die australische 
D-Health-Studie ergab, dass die Zahl der Krebstoten in der 
Vitamin-D-Gruppe um 15% höher war: ein Unterschied, der keine 
statistische Signifikanz erreichte.

Das folgende Beispiel ist noch schlimmer: Autoren der VITAL-Studie, die 
zuvor festgestellt hatten, dass Vitamin-D-Ergänzungen keinen Einfluss 
auf den primären Endpunkt invasiver Krebs oder 
Herz-Kreislauf-Erkrankungen hatten, veröffentlichten eine sekundäre 
Analyse der Studie, die einen anderen Endpunkt untersuchte: eine 
zusammengesetzte Inzidenz von metastasierendem und tödlichem invasivem 
Krebs unabhängig von der Art der malignen Erkrankung. Sie berichteten 
über eine um 0,4% niedrigere Rate in der Vitamin-D-Gruppe, ein 
Unterschied, der mit einem P-Wert von 0,04 kaum statistische Signifikanz 
erreichte.

Aber jeder weiß, wie gefährlich es ist, Daten mit einem anderen Endpunkt 
neu zu analysieren, nachdem man die Daten bereits gesehen hat. Und 
selbst wenn dies eine vernünftige Post-hoc-Analyse wäre, sind die 
Ergebnisse weder klinisch aussagekräftig noch statistisch belastbar. 
Dennoch wurde die fatal fehlerhafte Studie 60.000-mal aufgerufen und von 
48 Nachrichtenagenturen aufgegriffen.

Eine weitere Möglichkeit, von nicht signifikanten primären Ergebnissen 
abzulenken, besteht darin, kleinteilige Kritik zu üben. Die 
Vitamin-D-Dosis war z.B. nicht hoch genug. Das würde mich vielleicht 
überzeugen, wenn es nur 1 oder 2 Vitamin-D-Studien gäbe, aber es gibt 
Hunderte von Studien und Metaanalysen, und die Ergebnisse sind durchweg 
null.

Schlussfolgerung: Nein, es ist nicht hoffnungslos
Bleibt als Fazit: Ein Nihilist würde argumentieren, dass der Kampf gegen 
solche Trends ohnehin aussichtslos ist, etwa, weil man Anreize und 
Geschäftsmodelle nicht bekämpfen kann. Anreize für Veröffentlichungen 
sind groß, und Fachzeitschriften und Medien wissen, dass 
Vitamin-D-Studien Aufmerksamkeit erregen. Genau das ist ihre Währung.


Ich bin kein Nihilist und glaube fest daran, dass wir weiterhin 
kritische Beurteilung und Zahlenverständnis lehren müssen. Dr. John M. 
Mandrola

Ich bin kein Nihilist und glaube fest daran, dass wir weiterhin 
kritische Beurteilung und Zahlenverständnis lehren müssen.

Ich würde sogar vermuten, dass die jahrzehntelange unzureichende 
kritische Beurteilung durch die Ärzteschaft überzogene Hoffnungen 
genährt und falsche Normen geschaffen hat.

Stellen Sie sich hypothetisch eine Welt vor, in der Ärzte der 
Gesellschaft beigebracht haben, dass der menschliche Körper nicht mit 
einem Motor vergleichbar ist. Sprich: Durch die Reparatur eines Teils 
(z. B. des Vitamin-D-Spiegels) wird kein anderes System, etwa die 
„magischen Kugeln“ (Insulin) plötzlich wieder intakt. In einer solchen 
Welt wäre allen klar, dass man sich auf Assoziationsstudien zum Nachweis 
der Wirksamkeit eben nicht verlassen kann.

In dieser Welt wären die Menschen immun gegen Spin und Hype. Die Norm 
wäre, dass Pillen, Nahrungsergänzungsmittel und Verfahren nicht das 
sind, was zu guter Gesundheit führt. Gesundheit ist eine Mischung aus 
Glück, gesunden Gewohnheiten und viel Zeit, die man draußen in der Sonne 
verbringt.


Gesundheit ist eine Mischung aus Glück, gesunden Gewohnheiten und viel 
Zeit, die man draußen in der Sonne verbringt. Dr. John M. Mandrola

John Mandrola praktiziert als Kardiologe mit dem Schwerpunkt 
Elektrophysiologie des Herzens in Louisville, Kentucky. Er ist Autor und 
Podcaster für Medscape. Er vertritt einen konservativen Ansatz in der 
medizinischen Praxis, beteiligt sich an der klinischen Forschung und 
schreibt häufig über den Stand der medizinischen Erkenntnisse.

Der Artikel wurde von Michael van den Heuvel aus www.medscape.com 
übersetzt und adaptiert.



Medscape Nachrichten © 2022

Diesen Artikel so zitieren: Entzaubert: Was wirklich hinter dem 
Vitamin-D-Hype steckt – und wie man die Studien bewerten sollte - 
Medscape - 28. Mär 2022.
-- 
Bitt um Vrzihung, di Tast " " klmmt manchmal...

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Vitamin-D Hype "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2022-03-28 17:49 +0200
  Re: Vitamin-D Hype Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2022-03-28 18:28 +0200
    Re: Vitamin-D Hype Gerrit Heitsch <gerrit@laosinh.s.bawue.de> - 2022-03-28 18:37 +0200
      Re: Vitamin-D Hype Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2022-03-29 17:12 +0200
        Re: Vitamin-D Hype Gerrit Heitsch <gerrit@laosinh.s.bawue.de> - 2022-03-29 17:33 +0200
          Re: Vitamin-D Hype Bernd Ohm <invalid@invalid.invalid> - 2022-03-30 12:13 +0200
            Re: Vitamin-D Hype Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2022-03-30 18:55 +0200
              Re: Vitamin-D Hype Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2022-03-30 11:14 -0700
        Re: Vitamin-D Hype Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2022-03-29 17:58 +0200
          Re: Vitamin-D Hype "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2022-03-29 18:11 +0200
        Re: Vitamin-D Hype Stephan Bumberger <bumberger@gmail.com> - 2022-03-30 12:05 +0200
          Re: Vitamin-D Hype Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2022-03-30 18:21 +0200
        Re: Vitamin-D Hype Bonita Montero <Bonita.Montero@gmail.com> - 2022-03-30 18:53 +0200
          Re: Vitamin-D Hype Bonita Montero <Bonita.Montero@gmail.com> - 2022-03-30 19:07 +0200

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