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Re: Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein

From Martin Ebert <mx300@gmx.net>
Newsgroups ger.ct
Subject Re: Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein
Date 2022-01-29 07:03 +0100
Organization A noiseless patient Spider
Message-ID <st2laq$h99$1@dont-email.me> (permalink)
References <j5b60iFfoteU1@mid.individual.net>

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Damit nicht das kleinste Missverständnis aufkommt: ICH RECHTFERTIGE NICHTS!

Am 25.01.22 um 21:48 schrieb Johannes Leckebusch:

> Später habe ich mich oft gefragt: Was hätte ich getan, wie hätte ich
> gehandelt, wenn ich damals gelebt hätte.

Mir ist im Rahmen der Diskussion aufgefallen, dass das Problem
darin besteht, dass hier alte, teils verkalkte Männer diskutieren,
die eigentlich gar nicht wissen wollen, was damals wirklich geschah.

Es ist so einfach, in einer Diskussion etwas zu lesen und schnell
einen Satz hinzurotzen. Die meisten hier vorgetragenen Meinungen
sind von einer geradezu erschreckenden Ahnungslosigkeit geprägt.

Möglicherweise lag mein Vorteil darin, dass man in einer Diktatur,
der der DDR, erstmal gar nichts glaubt. Spätestens als ein Freund
ein deutschsprachiges Buch eines polnischen Gefangenen aus Auschwitz
mitbrachte, wurde mir klar, dass das alles viel vielschichtiger,
viel komplexer war - die DDR hatte sich das sehr holzschnittartig
zurechtgebogen.

In der derzeitigen Diskussion (die passenderweise schnell abge-
schlossen wurde) fiel mir auf, dass westlich sozialisierte, also
so 95% der Anwesenden auch Kinder ihrer Zeit sind, da aber aus
anderem Grund: Es ist viel leichter zu ertragen, wenn Gut und
Böse ganz klar sortiert sind. Und nicht die Eltern und Verwandten
in Frage gestellt werden.

So nimmt es nicht wunder, dass vielen selbst die simpelsten
Fakten fehlen - das war nicht von heute auf morgen, das waren
damals Prozesse, verschiedene zeitliche Etappen.

Fangen wir mit den KZ an, die offiziell KL hießen: Die ersten
waren wilde KZ. Das wurde dann recht zügig kanalisiert: Diktatoren
mögen es nicht, wenn Untergeordnete auch selbstständig Diktatoren
werden wollen. Dann gab es sog. frühe KZ. Die Lichtenburg gehört
dazu, man muss sich das ansehen, man kann sich das ansehen, es ist
in meiner Nähe: Ein riesiges Schloss. Das wurde dann auch wieder
geschlossen.

Später kamen dann die KZ, die wir heute so kennen, es begann mit
Muster-KZ, Dachau und Oranienburg. Und die konnten Deutsche auch
kennen, die wurden ab und an in Zeitungen und der Wochenschau
vorgestellt. Anders als vorgestellt waren das aber keine Besserungs-
anstalten für Schwerkriminelle, da war Schwerstarbeit, da wurde
gequält, da wurde auch gemordet. (Das war aber noch nicht planvoll.)

Gleichzeitig -und das muss man auch wissen- gab es da teilweise
Kulturveranstaltungen und ein Bordell - für Häftlinge. Und End-
lassungen.

Diese KZ waren keine Einrichtungen für Juden - aber auch für
Juden. Da wurden auch Schwule, Zigeuner, Kriminelle festgehalten.
Und zur Schwerstarbeit gezwungen, gequält, misshandelt, auch
ermordet.

Um den Unterschied zwischen einem KZ und einem Vernichtungslager
zu verstehen, ist nun ein Einschub notwendig:
Auch die Verfolgung und Vernichtung der Juden eskalierte in
Etappen. Zuerst war es "nur" die Einschränkung der Bürgerrechte,
Berufsverbote - ich muss das leider kürzen, damit weitergelesen
wird:

Ab 40/41 begann dann die planvolle Tötung von Menschen, das geschah
ausschließlich "im Osten", also in Polen und Weißrussland. Und das
war streng geheim, selbst in den Akten wird die Tat verschlüsselt.
Das wurde in Stutthof und Kulmhof zunächst an Polen exerziert, erst
danach begann die planvolle Vernichtung der Juden.

Das einigermaßen bekannte Beispiel Auschwitz lässt immer noch den
Raum für ein nicht ganz so schlechtes Gefühl: Da wurde ja gearbeitet.
Ja, weil es drei Lager waren: Das Stammlager (heute das bekannte
Museum), Monowitz (Arbeitslager chemische Industrie) und vor allem
Birkenau, ein reines Vernichtungslager. Aber selbst dort gab es
bei der Selektion die Chance, zur Arbeit zu kommen - das macht das
Gefühl nicht ganz so schlecht.

Es gab aber auch reine Vernichtungslager im Sinne einer reinen
Tötungsfabrik: Vorn Menschen rein, hinten tot raus. Einen Tag
überleben nur dann, wenn die Tötungsmaschine es nicht schaffte.
Ein Beispiel ist Kulmhof in Polen, ich war vor wenigen Jahren dort:
Eine freie Fläche, einige Denkmale am Rande. Es war heiß an dem
Tag, ich habe angefangen zu frieren - ich hätte im Boden versinken
wollen bei der Vorstellung, was Deutsche getan haben.

Die Existenz dieser KZ, der Vernichtungslager war der ganz über-
wiegenden Masse der Deutschen unbekannt, sollte ihnen nicht be-
kannt werden.

Es ist aber noch viel komplexer, derzeit ist eine Doku in der
Mediathek [¹], es geht vordergründig um das Frauen-KZ Ravensbrück
und die dortige Oberaufseherin: Ehemalige Häftlinge befreiten sie
nach dem Krieg aus einem polnischen Gefängnis. Besonders inter-
essant sollte die Doku (es sind nur 90 Minuten) sein, weil sie
nicht nur die Vielschichtigkeit, sondern quasi nebenbei das
Grauen berichtet, von Zeitzeuginnen.

Ich werde nur mit Menschen diskutieren, die sich diese Doku an-
sehen (wer nicht mindestens einmal weint, den will ich sehen!).

[¹] <https://rodlzdf-a.akamaihd.net/dach/3sat/22/01/220126_die_aufseherin_dokfilm/1/220126_die_aufseherin_dokfilm_2360k_p35v15.mp4>

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Re: Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein Martin Ebert <mx300@gmx.net> - 2022-01-29 07:03 +0100
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