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| From | Lars Gebauer <lgebauer@live.de> |
|---|---|
| Newsgroups | ger.ct |
| Subject | Re: Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein |
| Date | 2022-01-26 11:14 +0100 |
| Organization | A noiseless patient Spider |
| Message-ID | <ssr6pd$pep$1@dont-email.me> (permalink) |
| References | <j5b60iFfoteU1@mid.individual.net> |
Am 25.01.2022 um 21:48 schrieb Johannes Leckebusch: > Als Kind wusste ich nichts von der deutschen Geschichte (geboren 1953). Meine Eltern waren nicht im Krieg (zu jung), meine Großeltern auch nicht (zu alt). Insbesondere sind meine Großeltern Zeit ihres Lebens kaum aus ihrem Dorf herausgekommen. Die Dörfer in jener Gegend blieben, zum Glück, vom Krieg verschont. Hätte mir mein Großvater erzählt, daß er "nichts gewußt" habe, ich würde es ihm heute noch glauben. Denn was hätte er auch wissen können? Daß es im Dorf auch Ost-/Fremdarbeiter gab? - Natürlich. Aber die wurden nicht überall gleichermaßen schlecht behandelt. Daß hin und wieder ein Fronturlauber da war, der scheußliche Dinge berichtete? - Durchaus. Aber dieser Fronturlauber posaunte das gewiß nicht in der Dorfschenke herum. Sowas waren und blieben "Gerüchte". Genauso wie weitere "Gerüchte/Gerede". Denn als vielmehr wurde das damals nicht betrachtet. Insbesondere nicht von jenen Leuten, die damit "nichts" zu tun hatten. > Irgendwann hörte ich im Radio - wann, weiß ich nicht, vielleicht als ich > zwischen 6 oder 8 Jahren alt war - etwas darüber, dass die Deutschen so > schlimme Dinge gemacht hätten. Das brachte mich zum Weinen. Ich verstand > es nicht und wusste auch nicht, worum es ging. Ich war neun oder zehn Jahre alt, als im Bücherregal ein Buch fand, welches mich vom Stand weg faszinierte. Es war "Die Stunde der toten Augen" von Harry Thürk. Einem wahrhaft genialem Autoren, der "im Westen" schwer verrufen ist und als eine Art "Nestbeschmutzer" galt. Ein überaus realistisch wirkender Roman. Kalt. Klar. Deutlich. Schonungslos. Brutal. Ehrlich. Glashart. Ich fieberte mit den Protagonisten mit. Jede einzelne Szene konnte ich mir aus Sicht des jeweiligen Akteurs bildlich-plastisch vorstellen. Binding, der Bibliothekar, was es mit ihm machte, wenn er mit Messer und Pistole Russen tötete. Töten mußte. Timm, die gnadenlos kalte Mordmaschine. Alf, der eigentlich nur ein Feigling war. Aber "Karriere" machen wollte. Usw. Faszinierend. Und gleichzeitig total schockierend. Es blieb mir gar nichts weiter übrig, als eine gewisse Distanz zu entwickeln. Zu den Protagonisten und vor allem auch zu jenen, die diese überhaupt erst in diese Situationen gebracht hatten, die sie zu denen gemacht hatten, die sie nun waren. > In der Schule hörte der Geschichtsunterricht immer vor dem 2. Weltkrieg > auf, fing dann in der nächsten Stufe wieder mit der Antike an ... Das muß ein seltsamer Lehrplan gewesen sein. > Als ich um 1980 herum beim Fernsehen als Filmvorführer arbeitete (und > natürlich schon ein gewisses Grundwissen über die Geschehnisse hatte, > auch einmal in einem Urlaub eine Gedenkstätte mit einer Freundin > besuchte, ich glaube, in Frankreich), bekam ich eines Tages ohne > "Vorwarnung" einige Filmrollen zur Vorführung für Redakteure (nehme ich > an). Es handelte sich um solche Dokumentationsaufnahmen (denke, der > Amerikaner) aus den Konzentrationslagern, die von den Siegermächten > damals gemacht wurden. War sehr schockiert ... In Vorbereitung auf die Jugendweihe (mit 14 Jahren) war es obligatorisch, das KZ Buchenwald zu besuchen. Jener Film wurde dort gezeigt. > Später habe ich mich oft gefragt: Was hätte ich getan, wie hätte ich > gehandelt, wenn ich damals gelebt hätte. Es gibt auf diese Fage nur eine (1) ehrliche Antwort. > Heute oder gestern war ein Beitrag über den Gerichtsprozess gegen die > heute 96jährige ehemalige Sekretärin im KZ Stutthof. Sie war damals, > wimre, 17 Jahre alt. Hat sie sich dazu geäußert, was sie damals wußte > und gedacht hat? Warum sie sich nicht verweigert oder aus ihrer > Tätigkeit entfernt hat? Gegenfrage: Warum hätte sie das tun sollen? Sie war ein Kind ihrer Zeit. > Mich beschäftigt immer wieder der fehlende Widerstand der Bevölkerung > gegen das Geschehen - und die Ermordnung derjenigen, die damals > Widerstand leisteten, aber in einer machtlosen Minderheit waren. Oh, das ist einfach: Ein recht großer Teil profitierte genau davon. Nicht nur ein paar Großkopferte. Auch viele der sog. "kleinen Leute". Und wenn man von etwas profitiert, dann will sich über so manches lieber keine Gedanken machen. > Und die Kirchen? Was haben die damals getan? Ihre Priester geschützt, > die was anderes zu tun hatten ... Die haben ihre Kirche geschützt. Die Katholiken sowieso. Aber auch die Deutschen Christen. > Ja, oft schäme ich mich, ein Deutscher zu sein. Und finde es um so > tragischer, wie viele kulturell wichtige und bedeutsame "Deutsche" > Dichter, Filmregisseure, Schauspieler, Musiker ... damals ausgewandert > sind. Das wurde, mehrheitlich, kaum als Verlust empfunden. > Und was an moderner Kultur von den Nazis verpönt wurde. Eine Kultur, mit der "das Volk" kaum was anzufangen wußte. "Ist das Kunst oder kann das weg?" Damals war die Antwort einfach. (Heute immer noch. Jedenfalls wenn man "das Volk" fragt.) > Warum hat ein kulturell so wichtiges und bedeutendes "Volk" das > zugelassen, zulassen können? Weil es ein solches "Volk" gar nicht gibt? > Eine schockierende Erfahrung war es auch, als ich irgendwann erfuhr, > dass das "Haus der Kunst" in München in der Prinzregentenstraße am > Südende des Englischen Gartens ein "Nazibau" ist. Meine erste, bewußte Begegnung mit einem "Nazibau" war, als ich in einem übernachtete. Mit 12 oder 13 Jahren. Im Gauforum Weimar. Das war unspektakulär. Auf dem Gang wohnten außerdem noch ausländische Studenten. Das war spannender. -- هرگز گربه خود را مجبور به معاشرت با انسانها، سگها یا سایر گربهها نکنید
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Re: Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2022-01-26 11:14 +0100
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Re: Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2022-01-26 21:42 +0100
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