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Re: Ueberraschung!

From Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de>
Newsgroups ger.ct
Subject Re: Ueberraschung!
Date 2021-08-16 09:14 -0400
Organization A noiseless patient Spider
Message-ID <sfdobo$8d3$1@dont-email.me> (permalink)
References <ueberraschung-20210815185706@ram.dialup.fu-berlin.de> <sfbmaa$1ha$1@dont-email.me> <sfct3d$qfr$1@solani.org>

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Salve allerseits,

Dr. Joachim Neudert schrieb:
> Lars Gebauer <lgebauer@live.de> wrote:
>> Am 15.08.2021 um 20:04 schrieb Stefan Ram:
>>
>>> Die überraschende Einnahme von Afghanistan, welche nun, im besten
>>> Fall, zu einem sehr überstürzten Abzug Verbliebener führt,
>> 
>> Was ist denn daran "überraschend"? Das einzige, was mich wirklich
>> ein bisschen überrascht hatte, war der vergleichsweise schnelle
>> Erfolg der Taliban im Norden. Denn dieser ist eigentlich kein
>> typisches Taliban-Gebiet.
> 
> Und es läuft doch bestmöglich.
> 
+--- <hier abknabbern> ---
| Auf das Debakel folgt das Desaster. Das ist keine schöne Reihung. Aber
| diese Bewertung ist beim Blick auf Afghanistan unumgänglich. Was die
| Bundesregierung in den letzten Wochen dieses traurig zu Ende gegangenen
| Einsatzes gezeigt hat, ist damit noch harmlos beschrieben. Die
| monatelange Zögerlichkeit beim Umgang mit den sogenannten Ortskräften,
| das absurde Unvorbereitetsein auf den Vormarsch der Taliban und das
| lähmende Warten darauf, dass endlich drei Bundeswehrflieger aufbrechen,
| um Botschaftsangehörige, andere deutsche Staatsbürger und Ortskräfte aus
| dieser lebensgefährlichen Situation herauszuholen - es ist nichts
| anderes als ein kollektives Regierungsversagen.
|
| Absolut alles an diesem Auslandseinsatz war mühsam und schwierig, von
| der ersten Minute an. Aber ihn so zu beenden, bedeutet ein Scheitern auf
| ganzer Linie. Jetzt setzt sich der Eindruck fest, dass hier sehr viele
| nicht das Verantwortungsgefühl mitgebracht haben, um diesen Einsatz
| anständig zu Ende zu bringen. Anständig hätte geheißen, sich früh auf
| alle Eventualitäten vorzubereiten. Anständig hätte geheißen, sich
| rechtzeitig Gedanken zur Rettung und Aufnahme der Ortskräfte zu machen.
| Anständig hätte bedeutet, bei diesen Ortskräften nicht zu unterscheiden
| zwischen denen, deren Arbeitgeber die Bundeswehr war - und all den
| anderen, die für zivile Organisationen gearbeitet haben. Und anständig
| zu sein, hätte verlangt, im Moment der Not wirklich alle bürokratischen
| Hemmnisse hintanzustellen, um die Menschen rechtzeitig herauszuholen.
| Was da alles passiert oder eher alles nicht passiert ist: Es ist zum
| Schämen.
|
| *Die Bundesregierung ist als Kollektiv gescheitert*
|
| Hinzuzufügen ist, dass hier nicht ein Ministerium, ein Minister, eine
| Kanzlerin oder eine Partei besonders versagt haben. Es trifft alle: Die
| Bundesregierung ist als Kollektiv gescheitert. Natürlich hat sie nicht
| isoliert gehandelt, sondern im Bündnis mit zahlreichen EU- und
| Nato-Partnern. Und ja, bis zuletzt haben vor allem die USA
| Rahmenbedingungen gesetzt, die den deutschen Handlungsspielraum massiv
| einschränkten. Aber das darf nicht verhindern oder gar als Ausrede
| gelten, wenn es darum geht, sich angemessen zu wappnen.
|
| Die Folgen dessen, was sich jetzt vor aller Augen abspielt, reicht weit
| über Afghanistan hinaus. Längst stellt sich die Frage, was der Eindruck,
| den Deutschland hier hinterlässt, für andere Einsätze bedeutet. Niemand
| sollte zu hoffen wagen, dass zum Beispiel Menschen in Mali, die derzeit
| den Deutschen dort als Dolmetscher, Fahrer und ortskundige Berater
| helfen, alle Augen und Ohren verschließen, um ja nicht auf die Idee zu
| kommen, dass es mit dieser Bundeswehr zu riskant werden könnte für sie.
| Im Gegenteil werden sie das ganz genau studieren - und sich mit Recht
| ihre Gedanken machen. Wer so mit Gefährten umgeht, darf sich nicht
| wundern, wenn die sich irgendwann zurückziehen.
|
| Besonders traurig an all dem ist, dass sich jetzt wiederholt, was in den
| ersten Tagen, Wochen und Monaten dieses Einsatzes schon angelegt war:
| eine Uneinigkeit in der Regierung, die nicht überbrückt werden konnte.
| Vom ersten Tag an schafften es die drei beteiligten Ministerien nicht,
| sich wirklich auf eine Strategie zu einigen. Stattdessen stritten sich
| Auswärtiges Amt, Verteidigungsministerium und Bundesministerium für
| wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung darum, wer das Sagen
| haben sollte, wer in Afghanistan die Strategie prägen würde - und vor
| allem auch darüber, was wann wo wichtig sein würde. Allen regionalen
| Wiederaufbauteams zum Trotz - in dieser Frage ist man sich nie einig
| geworden. Das Ergebnis: eine hohe Zahl an Toten und Verletzten,
| Milliarden ohne nachhaltige Wirkung und dieses Ende.
|
| *Die Geschichte dieses Einsatzes muss sehr bald nach der Wahl*
| *aufgearbeitet werden*
|
| Wie sich das alles nun auf den deutschen Wahlkampf auswirkt, lässt sich
| angesichts der verschiedenen Schuldzuweisungen längst erahnen. Viel
| wichtiger aber wäre es, die Geschichte dieses Einsatzes sehr bald nach
| der Wahl aufzuarbeiten. Gemeinsam, als gescheitertes Kollektiv, das
| alles unternimmt, um eine Wiederholung dieser Katastrophe zu verhindern.
| Bislang nämlich hatten deutsche Einsätze in anderen Ländern und auf
| anderen Kontinenten einen guten Ruf. Erstens, weil die Deutschen nicht
| als martialische Militärs auftraten, sondern in der Regel helfen
| wollten, Frieden zu sichern. Und zweitens, weil man - eigentlich
| verrückt nach der Nazi-Schreckensherrschaft - ausgerechnet den Deutschen
| Übersicht und ein multilaterales, humanitäres Grundverständnis
| unterstellte. Ganz im Gegensatz zu anderen, die mit ihren Kriegen
| knallhart Eigeninteressen verfolgten.
+--- </hier abknabbern> ---

©<https://www.sueddeutsche.de/meinung/afghanistan-bundesregierung-1.5383644>

	M.f.G.

-- 
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wird praktisch nie gelesen.  Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur
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Re: Ueberraschung! Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2021-08-15 20:27 +0200
  Re: Ueberraschung! Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2021-08-16 05:29 +0000
    Re: Ueberraschung! "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2021-08-16 07:53 +0200
      Re: Ueberraschung! Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2021-08-16 10:05 +0200
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      Re: Ueberraschung! spamfalle2@arcor.de (Marc Stibane) - 2021-08-17 20:26 +0200
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    Re: Ueberraschung! Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2021-08-16 09:52 +0200
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            Re: Ueberraschung! Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2021-08-16 11:20 -0700
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    Re: Ueberraschung! Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2021-08-16 08:02 -0400
    Re: Ueberraschung! Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2021-08-16 09:14 -0400
    Re: Ueberraschung! spamfalle2@arcor.de (Marc Stibane) - 2021-08-17 20:26 +0200
      Re: Ueberraschung! Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2021-08-17 11:53 -0700
      Re: Ueberraschung! Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2021-08-17 20:29 +0000
    Re: Ueberraschung! Hermann Riemann <nospam.ng@hermann-riemann.de> - 2021-08-21 10:51 +0200
      Re: Ueberraschung! Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2021-08-21 02:01 -0700
        Re: Ueberraschung! Hermann Riemann <nospam.ng@hermann-riemann.de> - 2021-08-21 11:31 +0200
          Re: Ueberraschung! Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2021-08-21 03:32 -0700
            Re: Ueberraschung! Hermann Riemann <nospam.ng@hermann-riemann.de> - 2021-08-21 14:30 +0200

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