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Re: Autoindustrie in Nöten

From Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de>
Newsgroups ger.ct
Subject Re: Autoindustrie in Nöten
Date 2021-07-08 07:40 -0400
Organization A noiseless patient Spider
Message-ID <sc6o79$ooo$1@dont-email.me> (permalink)
References (4 earlier) <s6jhsv$hon$1@solani.org> <s6jk6v$j8e$1@solani.org> <if53kcF9m8oU1@mid.individual.net> <s6k00c$v20$1@news.bawue.net> <if7o82Fpa9uU3@mid.individual.net>

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Salve allerseits,

Hartmut Ott schrieb:
> Am 01.05.21 um 18:35 schrieb Gerrit Heitsch:
> 
>> Wenn ich mir ein E-Auto kaufen sollte erwarte ich davon mindestens 400 
>> km Reichweise, egal bei welchem Wetter/Jahreszeit. Wäre immer noch nur 
>> die Hälfte von dem was man aktueller TDI schafft, aber anscheinend muss 
>> man Zugeständnisse machen.
> 
> War da nicht was in China ...
> 
+--- <hier abknabbern> ---
| Eine nahezu 5.000 Jahre alte Kultur, eine rund 3.000 Jahre alte
| (relativ) einheitliche Nation, 9,5 Millionen Quadratkilometer Festland,
| davon aber nur etwa acht Prozent der agrarisch nutzbaren Fläche der Welt
| bei knapp 20 Prozent der Weltbevölkerung, also 1,4 Milliarden Menschen –
| das ist China. Unter anderem.
|
| China hat sich in den letzten Jahrzehnten von einer der ärmsten
| Nationen, als die der europäische, japanische und US-amerikanische
| Kolonialismus das historisch stets reiche Land nach einem "Jahrhundert
| der Demütigung", Auspressung, Zerschlagung, der Paralysierung durch
| Rauschgift, also das englisch-indische Opium, und eines grandiosen
| Wissensdiebstahls hinterlassen hatte, zu einer modernen Industrienation
| und faktisch zur neuen Nummer Eins entwickelt hat. Seit 2016 ist es das
| bereits beim Sozialprodukt (BIP) zu Kaufkraftparitäten (KKP).
|
| Bis zur Jahrhundertmitte wird also die alte historische Normalität,
| wonach China über Jahrtausende stets eines der reichsten Länder der Welt
| war und immer rund 30 bis 40 Prozent des Weltsozialprodukts erstellt
| hat, wieder die neue Normalität sein. Es wäre auch geradezu ein Wunder,
| eine Abnormalität, wenn eine Bevölkerung von 1,4 Milliarden nicht eine
| der größten und leistungsfähigsten Ökonomien der Welt entwickeln würde.
|
| Der Wiederaufstieg Chinas zur neuen alten historischen Normalität, und
| der entsprechende Abstieg der USA zur Nummer zwei und bis 2030 dann
| vermutlich zur Nummer drei (so die Standard Chartered Bank), ist also
| erstens unaufhaltsam, wie schon jede oberflächliche Faktoren-Analyse
| ergibt, und zweitens alles andere als ein Grund für wilde Beißreflexe,
| neuen Kalten Krieg und permanente Militärmanöver des Westens vor Chinas
| Stränden.
|
| Wo sind eigentlich die Heerscharen von Marketingleuten im Westen, die
| Washington, Berlin, Paris, London und Brüssel mal sagen, was man tut,
| wenn sich das eigene "Marktumfeld" nachhaltig verändert: Kreatives
| Anpassen, sich neu erfinden, "Disruption" der eigenen Strategie … das
| weiß schon jeder BWL-Student im vierten Semester. Man zieht eben nicht
| mit der Knarre vor den Hauptsitz des Konkurrenten, um ihm die Scheiben
| einzuschießen. Diese Zeiten sollten im globalen Staatensystem genauso
| vorbei sein wie Al Capone tot ist.
|
| Abgesehen davon wird zur Mitte dieses Jahrhunderts zumindest in China
| das Sozialprodukt durch andere Erfolgsmaße abgelöst sein (den Human
| Development Index der UN, UNDP oder Unep, andere multidimensionale Maße,
| Vertrauens- und Glücksmaße u.ä.) und wird China definitiv in kein
| Wettrennen mehr um das Sozialprodukt pro Kopf mit den führenden Ländern
| des Westens eintreten. Wir werden es vielleicht sogar noch erleben, dass
| auch im Westen das Sozialprodukt pro Kopf, auf das wir so stolz sind,
| weil wir hier die globale Hitliste anführen, als völlig obsolet,
| fehlinformierend und fehlanreizend erkannt wird. In China jedenfalls
| wird auch in offiziellen Dokumenten inzwischen diskutiert, was künftig
| "Erfolg", "Wohlstand" und "Glück" sein können.
|
| *China als Triebkraft einer (Re-)Globalisierung*
|
| China ist übrigens vor allem deshalb die Nummer eins, weil es sein noch
| bescheidenes Sozialprodukt pro Kopf (Weltrangplatz in den hohen
| 50er-Jahren, zu KKP etwas höher gerankt), mit dem es soeben erst in die
| Gruppe der Länder mit höherem mittleren Einkommen (lt.
| Weltbank-Definition) eingetreten ist, in allen technologischen,
| ökologischen, investiven, einkommensmäßigen, infrastrukturellen,
| sozialen, bildungs-, mobilisierungs- und vertrauensbezogenen Bereichen
| in historisch einzigartigem Ausmaß "hebelt".
|
| Wir können hier keinen ausgiebigen Quellenapparat bedienen und verweisen
| nur auf den bekannten "Catch-all"-Indikator, der auf komplexe Weisen mit
| den meisten sozialökonomischen Zuständen verbunden ist, die
| Lebenserwartung, die in China im Rahmen des laufenden 14.
| Fünf-Jahres-Plans die der USA, die im Übrigen sinkt, überholen wird.
|
| Dass China "plötzlich" auch die Triebkraft einer neuen, anderen
| (Re-)Globalisierung ist (nach den vielfältigen ökonomischen und
| politischen Deglobalisierungen seit 2008), dass es nun auch eine "Neue
| Seidenstraße" im Bereich des Gesundheitswesens, mit seinen mehr als 140
| "Belt-and-Road"(BRI)-Partnerländern und mehr als 40 internationalen
| Partnerorganisationen aufgebaut hat (Versorgung mit Schutzgütern im Jahr
| 2020 und mit Impfstoffen im Jahr 2021), dass es "plötzlich" auch als
| Gesundheits-Weltmacht erkannt wird, die sogar den "hoch entwickelten"
| westlichen Führungsländern geholfen hat, konnte nur diejenigen
| überraschen, die sich bisher noch nicht mit China (oder auch nur mit den
| anderen gemeinschaftsorientierten Kulturen Südostasiens) beschäftigt
| hatten - und noch nie selbst einmal in China waren.
|
| Dass die "führenden" westlichen Systeme in Europa in der Pandemie
| zumindest vorübergehend, zum Teil aber auch anhaltend, vor aller Welt
| den Eindruck von Unvorbereitetsein, Unorganisiertheit, Unfähigkeit und
| oft Chaos hinterließen und die EU etliche Monate brauchte, um überhaupt
| wieder Tritt zu fassen, dürfte im Westen allenthalben als peinlich
| empfunden worden sein.
|
| Und der Eindruck hat definitiv auch das allgemeine Bewusstsein in der
| Welt verändert. Aber die überwiegende mediale und politische Reaktion
| des erkennbar verschärften China-Bashings, dominierender Häme,
| systematischer Fehlinformation und Falsch-Interpretationen von
| Vorgängen, die mit China zu tun haben, nützen niemandem.
|
| Im Gegenteil, die Gefahr einer medialen, informatorischen Käseglocke in
| Europa (vom ideologisch überschäumenden Politzirkus in Washington, der
| die gravierenden innere Probleme vernebelt, ganz zu schweigen), die
| unser Publikum zumindest schlecht informiert hinterlässt, ist
| kontraproduktiv für unsere eigene Entwicklung.
|
| Mit einer vor der (eurasischen, afrikanischen oder lateinamerikanischen)
| Weltöffentlichkeit unglaubwürdigen aggressiven Menschenrechtelei kann
| man vielleicht noch die eigenen Reihen der gegebenenfalls 30 Staaten der
| westlichen Welt schließen, man gewinnt damit weltweit aber keinen
| Blumentopf mehr. Denn im eigenen Herrschaftsbereich gäbe es
| menschenrechtlich mehr als genug zu tun.
|
| Unsere westlichen Nationen werden so auch auf eine neue Art gespalten,
| zwischen Managern, Ingenieuren, Technikern, Wissenschaftlern und sogar
| einfachen Touristen, die sich bereits einmal in China aufgehalten haben,
| und dem (weit größeren) "Rest". Wir dürfen uns nicht informatorisch und
| mental von den dynamischsten Regionen der Welt abkoppeln, denn der Rest
| der Welt, namentlich China, entwickelt sich quantitativ hochdynamisch
| und qualitativ hoch spannend und in vieler Hinsicht innovativ weiter.
|
| *China ist sich seiner selbst bewusst. Und der Westen*?
|
| Und Abstiegsängste und Wut (über eigenes Versagen?) sind ein schlechter
| Ratgeber für unsere Strategien, zumindest wenn wir eine kooperierende
| Welt des Wohlergehens für alle anstreben und keinen fragmentierten,
| "entkoppelten" Kalte-Kriegs-Käfig, mit alten statischen
| Umverteilungskämpfen und Ressourcenklau zulasten der Südhalbkugel. Man
| frage die Manager und Ingenieure der Konzerne, die den größten Teil
| ihrer Gewinne in China machen.
|
| Und schließlich kann es uns nicht unberührt lassen, wenn die
| durchschnittliche Chinesin erkennbar besser über Deutschland informiert
| ist als umgekehrt (und die meisten Zuschauer der Online-Produktionen
| eines großen Berliner Theaters in China leben).
|
| Strategische Selbst-Reflexion und die eigene Neuerfindung unter einer
| anderen globalen Struktur würden bedeuten, dass die Länder des Westens
| ernsthaft beginnen, ihre wirtschaftlich-industriellen,
| technologisch-ökologischen und sozialen Ziele für 2035, 2050, 2060 zu
| klären. Wer und was wollen wir dann sein und können?
|
| Nur daraus fließt das "(sich seiner) Selbst-Bewusstsein", das es uns
| erlauben würde, auf Augenhöhe mit China über alles zu verhandeln. China
| erarbeitet sich dieses Selbst-Bewusstsein, und der jüngste 14.
| Fünf-Jahres-Plan ist zu Recht von westlichen Konzernen Wort für Wort
| durchanalysiert worden. Er ist in Vielem schlicht spektakulär.
|
| [...]
|
| Warum greifen wir solche Angebote nicht auf? Etwa aus Angst, dass unsere
| eigenen verknöcherten Strukturen der Finanzialisierung,
| Oligopolisierung, Oligarchisierung und Plutokratie, unsere neoliberal
| ruinierten Staaten und kollektiven Handlungsunfähigkeiten es nicht mehr
| zulassen, dass wir noch irgendwelche disruptiven sozialökonomischen
| Veränderungen (außer vielleicht noch die letzten Privatisierungen)
| überhaupt organisieren können?
|
| [...]
|
| Bleiben wir realistisch und schauen wir genauer hin: China hat die
| Entwicklung von einem armen Entwicklungsland zum führenden
| Industriestaat und zur neuen Nummer eins auf den Grundlagen, die mit der
| sozialistischen Revolution und der Gründung der Volksrepublik 1949
| geschaffen worden sind, erzielt.
|
| Unter der neoliberalen Ägide der Pax Americana seit Ende der 1970er ist
| es außer China keinem größeren Land mehr gelungen (vielleicht noch
| Vietnam und einigen anderen Kleinen), nachhaltig aufzusteigen. Alle, vor
| allem der lateinamerikanische Hinterhof des Hegemons, sind ökonomisch in
| der "Falle des mittleren Einkommens", einer Degeneration
| steckengeblieben, mit erlahmter Produktivitätsentwicklung, mit
| Produktionsrückgängen, Deindustrialisierung, Dequalifizierungen zu
| reinen agrar- und Ressourcenlieferanten, mit oligarchischen
| Deformierungen und einseitigen außenwirtschaftlichen und
| außenpolitischen Abhängigkeiten.
|
| *Als die USA aufwachten, war es zu spät*
|
| Der Hegemon und sein Anhang wollten Chinas Entwicklung lange Zeit gar
| nicht verhindern, konnten doch die umweltbelastenden und
| Billigproduktionen ebenso wie die eigenen Industrie- und Konsum-Abfälle
| elegant nach China und Südostasien ausgelagert und die eigene Ökobilanz
| geschönt werden.
|
| Als Washington nach der großen Finanzkrise 2008 aufwachte, seine
| qualitativ verschlechterte globale Position und die Schwäche seiner
| wenigen verbliebenen Säulen (Wall Street/Dollar, IT-Oligopole und
| Militär) erkannte, es die Hoffnung auf eine neoliberale Einhegung Chinas
| in der WTO aufgeben musste und seine strategische Grundstrategie von
| Einhegung auf Konfrontation umschaltete, war es zu spät.
|
| Dass China heute eine umfassende Reform-und-Öffnung 2.0 vornehmen kann,
| während die EU die enorme Chance des
| China-EU-Investitionsschutzabkommens (CAI) vermutlich verspielen wird,
| deutsche Konzerne, US-amerikanische Banken und weltweite
| Finanzinvestoren inzwischen nach Shanghai und Shenzhen wallfahren, dass
| sie dabei die Fakten würdigen, von sicheren Investitionsbedingungen,
| millionenfachem jungem Unternehmertum, guter Infrastruktur, guten
| Zulieferern und Facharbeitskräften, ökologischem Fortschritt, kluger
| industrieller Clusterpolitik, einem produktiven Experimentalismus, einer
| Leichtigkeit des Wandels bei den Menschen sowie qualifizierter und
| verlässlicher öffentlicher Handlungsfähigkeit, kann nicht anders denn
| als eine Position der Stärke Chinas interpretiert werden.
+--- </hier abknabbern> ---

©<https://www.heise.de/tp/features/Chinas-Rolle-in-einer-neuen-globalen-Ordnung-6131404.html?seite=all>

	M.f.G.

-- 
Diese E-Mail-Adresse wird nur aus nostalgischen Gründen verwendet. Sie
wird praktisch nie gelesen.  Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur
etwas komisch... ;-)

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Re: Autoindustrie in Nöten Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2021-07-08 07:40 -0400
  Re: Autoindustrie in Nöten Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2021-07-08 11:48 +0000
    Re: Autoindustrie in Nöten Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2021-07-08 08:45 -0400
      Re: Autoindustrie in Nöten Andreas Bockelmann <xotzil@gmx.de> - 2021-07-10 17:47 +0200
        Re: Autoindustrie in Nöten Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2021-07-10 18:02 -0400
    Re: Autoindustrie in N�ten Matthias Wendt <wendt2@schumann-ga.de> - 2021-07-08 17:49 +0200
      Re: Autoindustrie in Nöten Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2021-07-08 12:41 -0400
    Re: Autoindustrie in Nöten Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2021-07-10 13:48 +0200

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