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| From | Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> |
|---|---|
| Newsgroups | ger.ct |
| Subject | Re: Arbeitszeiten |
| Date | 2020-11-13 14:49 -0500 |
| Organization | A noiseless patient Spider |
| Message-ID | <romnvt$cs1$1@dont-email.me> (permalink) |
| References | (12 earlier) <roji9t$bj6$1@dont-email.me> <rok1b9$5dd$1@dont-email.me> <rol5gt$25c$1@dont-email.me> <roljos$dv0$1@dont-email.me> <romjot$9os$2@dont-email.me> |
Salve allerseits, Martin Ebert schrieb: > Am 13.11.20 um 10:31 schrieb Lars Gebauer: >> Am 13.11.2020 um 06:27 schrieb Martin Ebert: >> >>> [¹] Luthers Leben vor 500 Jahren ist quasi taggenau dokumentiert, > >> Ach. Ist nun endlich bekannt, wann er eigentlich geboren wurde? Oder >> gilt immer noch die Schätzung von M.? > > Die Zeit nach dem Thesenanschlag, die Zeit in Wittenberg. > Stichwort Tischreden. > +--- <hier abknabbern> --- | Am 31. Oktober 1517 schlägt der Augustinermönch Martin Luther 95 Thesen | gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Zum | 500. Jahrestag des Thesenanschlags soll die Welt das Wirken Luthers | feiern. | | Die offiziöse Sicht auf den Reformator fasst die Luther-Botschafterin | der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Margot Käßmann, in ihrem | Buch „Mehr als Ja und Amen“ so zusammen: „Luthers Freiheitsbegriff hat | große Konsequenzen nach sich gezogen. ‚Freiheit, Gleichheit, | Brüderlichkeit‘ als Parole der Französischen Revolution hat im Gedanken | der Freiheit eines Christenmenschen durchaus Wurzeln. Am Ende ist der | Bogen bis zur Aufklärung zu spannen.“ | | Luther ist sicher der größte Prophet seit Mohammed. Er ist jedoch weder | Freiheitsapostel noch Vorläufer der Aufklärung. Wie sein Biograf Richard | Marius schrieb, bedeutete Luther „eine Katastrophe für die westliche | Zivilisation“. | | 1. *Luther ist kein Aufklärer. Er ist ein religiöser Fundamentalist* | | Ende des 15. Jahrhunderts führen die Wiederentdeckung der Antike, das | Studium des Aristoteles und die Verweltlichung der Kirchenhierarchie | dazu, dass sich in der europäischen Elite ein toleranter Skeptizismus | breitmacht, am besten verkörpert in den Humanisten um Erasmus von | Rotterdam. Dieser Bewegung gegenüber vertritt Luther eine buchgläubige | Intoleranz: „Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese | stinkt noch tot mehr als lebendig!“ | | Die Vernunft bezeichnet Luther als „des Teufels Hure“. Die Astronomie | des Kopernikus lehnt er ab, weil sie der Bibel widerspricht: „Der Narr | will mir die ganze Kunst Astronomia umkehren! Aber wie die Heilige | Schrift zeigt, hieß Josua die Sonne stillstehen und nicht die Erde!“ Wo | Schrift und Verstand einander widersprechen, ist Luther immer für die | Schrift und „will doch meinen Verstand gefangen nehmen unter den | Gehorsam Christi“. Luther verhilft dem Fundamentalismus zum Sieg über | den aufklärerischen Humanismus. | | 2. *Im 16. Jahrhundert gibt es eine breite Bewegung für eine Reform der* | *Kirche* | | Luther jedoch will keine Reformen, sondern eine „Reformation“: eine | Neu-Formierung der Kirche gemäß seiner Lehre. Der Papst ist für ihn der | „Antichrist“ im Dienst des Teufels: „Wenn wir Diebe mit dem Galgen, | Räuber mit dem Schwert und Häretiker mit dem Feuer bestrafen, warum | werfen wir uns nicht umso stärker mit allen unseren Waffen auf diese | Herren der Sündhaftigkeit, diese Kardinäle, diese Päpste und diesen | Sumpf römischer Sodomie, die unablässig die Kirche Gottes befleckt, und | waschen unsere Hände in ihrem Blut, um uns ... zu befreien“? Das ist | wörtlich gemeint. | | 3. *Luther hat die Frohe Botschaft in ihr Gegenteil verkehrt* | | Der befreiende Kern der christlichen Botschaft lautet: Jesus ist für die | Sünden der Menschen gestorben. Die Rechnung mit Gott ist beglichen. | Diese Botschaft hat Luther bei Augustinus und Paulus wiederentdeckt. | Doch würde diese Botschaft, konsequent zu Ende gedacht, auch die | Entlassung der Menschen in die völlige Freiheit bedeuten. Kirche, | Liturgie, Sakramente, ja der Glaube selbst wären überflüssig. | | Befreiung aber will Luther so wenig wie sein Lehrer Augustinus, der | große Pessimist der Antike. Luther will ja die totale Unterwerfung des | Menschen, das Leben als Buße. Wie Luther schreibt: „Das ist die höchste | Stufe des Glaubens, zu glauben, jener (Gott) sei gütig, der so wenige | selig macht...“ | | 4. *Luther predigte einen eliminatorischen Antisemitismus* | | „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die | Synagogen. Vom deutschen Volk wird ... die Macht der Juden auf | wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und | damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres | Volkes gekrönt.“ So bejubelte der evangelisch-lutherische Landesbischof | Martin Sasse aus Eisenach die Reichskristallnacht. | | Er fährt fort: „In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört | werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als | Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben | von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner | Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“ | | Dass Luther „als Freund der Juden begann“, ist ein Gerücht. Dass er ein | großer Antisemit war, ist richtig. So stammt von ihm eine der ersten | Formulierungen der Mär von der „jüdischen Weltverschwörung“. Luther | schreibt: „Die Juden begehren nicht mehr von ihrem Messias, als dass er | ein weltlicher König sein solle, der uns Christen totschlage, die Welt | unter den Juden austeile und sie zu Herren mache.“ | | Auch die Losung „die Juden sind unser Unglück“ findet sich bereits bei | Luther wieder: „Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, | durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere | Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, | wir haben rechte Teufel an ihnen.“ | | Und schließlich entwirft Luther ein antisemitisches Aktionsprogramm, das | erst von den Nazis umgesetzt wurde: „Erstlich, dass man ihre Synagoga | oder Schulen mit Feuer anstecke ... Zum anderen, dass man auch ihre | Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre ... Zum dritten, dass man | ihnen nehme alle ihre Betbüchlein ... Zum vierten, dass man ihren | Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren ... Zum | fünften, dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe | ... Zum sechsten, dass man ... nehme ihnen alle Barschaft und Kleinod an | Silber und Gold und lege es beiseite zum Verwahren ... Zum siebten, dass | man den jungen starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, | Karst, Spaten, Rocken, Spindel und lasse sie ihr Brot verdienen im | Schweiß der Nasen ... “ Zu Recht sagt der Nazi-Propagandist Julius | Streicher vor dem Nürnberger Militärtribunal: „Dr. Martin Luther säße | heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank“, wenn er noch lebte. | Dorthin gehört er aber auch heute. | | 5. *Luther identifiziert den Kapitalismus mit dem Wucher und den Wucher* | *mit dem Judentum* | | Luther wendet sich in seinem kleinen und großen „Sermon vom Wucher“ und | in der Schrift „Von Kaufshandlung und Wucher“ gegen zwei Grundlagen der | Marktwirtschaft: die Bildung von Preisen am Markt und die Finanzierung | von Geschäften mittels Kredit. Die Kreditwirtschaft gilt ihm als | Teufelswerk. | | Die Titelblätter aller drei Werke gegen den Geldhandel zieren Bilder | geldgieriger Juden. Der Einfluss dieser protestantischen | Wirtschaftsethik ist in der Unterscheidung zwischen „raffendem“ und | „schaffendem“ Kapital bei den Nazis zu spüren, wirkt aber auch heute | nach, etwa im Misstrauen gegen „die Märkte“, das „Finanzkapital“ oder | „die Wall Street“. | | 6. *Luther begründet die Autoritätshörigkeit des Protestantismus* | | Die deutschen Fürsten, Ritter, Bürger und Bauern wollen „los von Rom“ | und das Eigentum der Kirchen und Klöster an sich ziehen. Daher genießt | Luther deren Schutz. Im Gegenzug verpfändet er die Religion an die | Fürsten, bis es zum Augsburger Religionsfrieden kommt. Cuius regio, eius | religio: Der Landesherr bestimmte die Religion seiner Untertanen. Aus | dem Gegensatz von Staat und Kirche im Mittelalter wird die Staatskirche | der Neuzeit. | | Mit Demokratie hat Luther nichts am Hut: „Der Esel will Schläge haben, | und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wusste Gott wohl; drum | gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in | die Hand.“ Der große demokratische Aufstand des 16. Jahrhunderts ist der | deutsche Bauernkrieg. Luther jedoch ruft im Interesse der Fürsten zum | Kreuzzug „wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ | auf. „Man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und | öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss.“ Das | Scheitern der Bauern begründet Deutschlands politische Rückständigkeit | auf Jahrhunderte. | | 7. *Luther hat den Hexenwahn und die Hexenverfolgung gefördert* | | „Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet | werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird“, | schreibt der Reformator. Hexen könnten „Milch, Butter und alles aus | einem Haus stehlen, … ein Kind verzaubern, … geheimnisvolle Krankheiten | im menschlichen Knie erzeugen … Schaden fügen sie nämlich an Körpern und | Seelen zu … Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, | Ehebrecher, Räuber, Mörder …“ Der Hexenwahn ist kein „mittelalterliches“ | Phänomen: In den protestantischen Teilen des Reichs ist die | Hexenverfolgung schärfer als im katholischen Teil. | | 8. *Luther sieht den Platz der Frau unter dem Mann – in jeder Hinsicht* | | „Wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen Dinge erzählen, welche | die Weiber treiben. Es ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, dass sie | sich äffen und trügen lassen.“ So Luther über das, was spätere | Frauenhasser den angeborenen Schwachsinn des Weibes nennen werden. | Luther-Apologeten weisen auf seine Heirat mit der entlaufenen Nonne | Katharina von Bora hin. Dadurch habe er die Frau aufgewertet. | | Mit der Auflösung der Klöster verlieren die Frauen jedoch einen Ort, an | dem sie vor männlicher Zudringlichkeit sicher sind. Fortan ist ihr Platz | – in jeder Hinsicht – unter dem Mann: „Der Tod im Kindbett ist nichts | weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen | sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie | nur tot tragen, sie sind darum da.“ | | 9. *Luther ist nicht unser Zeitgenosse, sondern Prophet der Endzeit* | | Luther hätte die Moderne gehasst. Er will die Menschen angesichts des | kommenden Weltenendes nicht befreien, sondern dem Willen Gottes | unterwerfen. Der Chiliasmus, die Vorstellung, das Ende unserer Welt | stehe bevor, ist die Grundlage aller blutigen Revolutionen. Luther hat | der pluralistischen, individualistischen, permissiven, | marktwirtschaftlich und demokratisch angelegten Gesellschaft des Westens | kaum mehr zu sagen als etwa der Ayatollah Khomeini, mit dem er sich | vermutlich besser verstehen würde als mit Margot Käßmann. | | 9,5. *Ach und übrigens: Der Ablasshandel war eine gute Sache* | | Im Mittelalter lehrt die Kirche, dass sie durch die Heiligen und | Märtyrer einen „Gnadenschatz“ aufgehäuft habe, an dem alle Christen | durch gute Werke teilhaben könnten. Im Rahmen dieser Ökonomie der Gnade | ist der Ablasshandel zu verstehen. Durch ihn können sich die Menschen | von der Höllenangst freikaufen. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. | Der Sünder bekommt einen Teil seiner Zeit im Fegefeuer erlassen, der | Papst erhält die Mittel zum Bau des Petersdoms und zur Förderung der | Künste. Der Ablass ist eine Art Lebensversicherung für die Zeit nach dem | Tod. Übrigens mit gestaffelten Sozialtarifen: Auch der Arme kann die | Gewissheit ewigen Lebens erlangen. | | Nun kann man das alles als Aberglauben abtun. Doch die Menschen | klammerten sich damals angesichts von Pest und Elend an die Vorstellung | eines Lebens nach dem Tod. Der Ablass gibt ihnen die Hoffnung, trotz | Sünden dem Gericht Gottes zu entgehen. Luther wettert jedoch nicht nur | gegen den Ablasshandel, sondern gegen den Ablass selbst. | | [...] | | Indem er den Menschen die Möglichkeit nimmt, sich von der Strafe | freizukaufen, unterwirft er sie einer masochistischen Auffassung vom | rechten Leben: „Daher bleibt die Strafe, solange der Hass gegen sich | selbst – das ist wahre Herzensbuße – bestehen bleibt ... Aufrichtige | Reue begehrt und liebt die Strafe. Die Fülle der Ablässe aber macht | gleichgültig und lehrt sie hassen ...“ Selbsthass statt Befreiung: Was | für eine finstere Lehre! +--- </hier abknabbern> --- ©<https://www.welt.de/kultur/article126395361/Neuneinhalb-Thesen-gegen-Martin-Luther.html> M.f.G. -- Diese E-Mail-Adresse wird nur aus nostalgischen Gründen verwendet. Sie wird praktisch nie gelesen. Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur etwas komisch... ;-)
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Re: Arbeitszeiten Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2020-11-14 07:01 +0000
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Re: Arbeitszeiten "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2020-11-14 18:15 +0100
Re: Arbeitszeiten Sebastian Wolf <invalid@invalid.net> - 2020-11-14 20:32 +0100
Re: Arbeitszeiten Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2020-11-14 07:07 +0000
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