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| From | Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de> |
|---|---|
| Newsgroups | ger.ct |
| Subject | Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? |
| Date | 2020-07-11 08:49 -0400 |
| Organization | A noiseless patient Spider |
| Message-ID | <reccg0$65b$1@dont-email.me> (permalink) |
| References | <1c4e0136-6c6c-4f8e-a051-2d6905a1794bo@googlegroups.com> <l58ntg-pbu2.ln1@hergen.spdns.de> |
Salve allerseits, Hergen Lehmann schrieb: > Am 11.07.20 um 00:03 schrieb herwig.huener@t-online.de: > >> In der FilmVariante bei Amazon Prime ist die ZahnSpange >> verschwunden. Wieso das denn? > > Vermutlich die in der amerikanischen Medienwelt allgegenwärtige > Political Correctness. Auf dem Bildschirm (und leider zu einem gewissen > Grad auch in der Realität) hat ein Mädchen perfekt dem von der > Modeindustrie vorgegebenen Idealbild zu entsprechen, für Makel und > Diversität ist kein Platz. Genau wie der Held zwar wild um sich > schießen, dabei aber niemals zuerst abdrücken darf. Und so weiter. > +--- <hier abknabbern> --- | Ein Freund rief an, um mich auf einen Text bei „Bento“ aufmerksam zu | machen. Für alle Leser, die nicht auf Anhieb wissen, wovon die Rede ist: | „Bento“ ist die junge, digitale Ausgabe des „Spiegel“. Eine Art | Online-„Bravo“ für die Generation Y. Oder sind wir inzwischen bei der | Generation Z angelangt? Ich glaube, ich habe bei der | Generationenbenennung den Überblick verloren. Egal, in jedem Fall | richtet sich der „Spiegel“ mit „Bento“ an die politisch bewusste Jugend, | von der es heißt, dass wir mehr auf sie hören sollten. | | Der Freund ist verheiratet und hat drei Kinder im Schulalter. Er ist | also eindeutig über das „Bento“-Alter hinaus. Aber ich habe den | Eindruck, er liest alles, was dort steht. Es ist wie eine Sucht. Manche | Menschen begeistern sich für Zierfische. Andere wollen so viel wie | möglich über das geheime Leben der Bäume wissen. Sein Hobby sind die | Zwangsideen der sogenannten Millennials. | | Ich kann ihn in gewisser Weise verstehen. Wenn es „Bento“ nicht gäbe, | müsste man es erfinden. Wo sonst bekommt man einen so tiefen Einblick in | die Lebens- und Vorstellungswelt junger, politisch nachhaltig | sozialisierter Menschen? Ich finde schon den Titel genial. Klingt wie | eine dieser Sushi-Boxen, die sie am Flughafen anbieten. Total gesund und | trotzdem hip. | | Eine typische Woche auf „Bento“ geht so: Am Montag berichtet eine | Autorin über die Angst, auf die Straße zu gehen, weil sie am Tag zuvor | beim Coffee-Shop den Kaffee aus Nachlässigkeit in einen Pappbecher hat | füllen lassen, statt wie sonst in einen ihrer eigenen | Mehrweg-Coffee-to-go-Cups, von denen sie im Übrigen drei besitzt, wie | sie die Leser wissen lässt, damit ihr genau ein solches Missgeschick | nicht passiert. Jetzt fürchtet sie, dass eine riesige Empörungswelle | über ihr zusammenschlägt, weil jemand sie mit dem Pappbecher gesehen | hat, was wiederum auf „Bento“ zu 200 Zeilen über „Meine Angst vor dem | Shitstorm“ führt. | | *Nie wieder Wein statt Armutstalk* | | Tags darauf geht ein Redakteur der Frage nach, was es über ihn aussagt, | wenn er noch nie eine schwarze Freundin hatte (oder war das die | „Zeit“?). Dann macht sich eine Redakteurin Vorwürfe, dass sie auf Partys | manchmal einfach ein Glas Wein trinkt, statt die Umstehenden mit Fragen | zu löchern, warum sie nicht die Hälfte ihres Gehalts zur Linderung des | Elends in Afrika spenden. Der Artikel endet mit dem Versprechen, sich | keine Pause mehr zu gönnen, auch nicht auf Partys. Nie wieder Wein statt | Armutstalk, nie wieder belangloses Geplänkel: „Ich weiß, dass ich damit | aufhören muss. Weil es das absolut Mindeste ist, was ich tun kann.“ | | Was das politische Bewusstsein angeht, ist der „Bento“- Redakteur kaum | zu toppen. In der Hinsicht macht ihm so schnell keiner was vor. Leider | korrespondiert die Bewusstseinsstufe nicht mit der ökonomischen | Anerkennung. Vor ein paar Wochen hat der „Spiegel“ verkündet, die Seite | einstellen zu wollen, wegen Erfolglosigkeit. Im Herbst ist Schluss, dann | müssen sich die Redakteure nach einem neuen Job umsehen. | | Auch ein paar Straßen weiter, am Hamburger Speersort bei der | erfolgsverwöhnten „Zeit“, hat man sich entschlossen, den Jugendableger | stillzulegen. „Ze.tt“ heißt das Angebot dort. Es ist im Prinzip das | Gleiche wie „Bento“, nur noch ökobewusster und veganer. Auch hier heißt | es, dass man für das hoffnungsvoll gestartete Programm leider keine | wirtschaftliche Perspektive sehe. | | *Niederlage für journalistischen Aktivismus* | | Die Einstellungsankündigungen wurden in den Branchendiensten vermerkt, | aber darüber hinaus haben sie kaum Beachtung gefunden. Ich halte das für | einen Fehler. Ich glaube, dass sich aus dem Ende für die politisch | korrekten Jugendmagazine etwas Grundsätzliches ableiten lässt. Das Aus | für „Bento“ und „Ze.tt“ ist aus meiner Sicht nicht nur eine Niederlage | für eine bestimmte Form des journalistischen Aktivismus: Es lässt ganz | prinzipiell Rückschlüsse zu auf die Attraktivität von politischen | Angeboten, denen angeblich die Zukunft gehört. | | Wenn man die Grüne Jugend ein Magazin erstellen ließe, sähe es ziemlich | genau so aus wie die von „Spiegel“ und „Zeit“ ersonnenen | Millennial-Ausgaben. | | [...] | | Von außen betrachtet mag das eine oder andere etwas überspannt wirken. | Aber man sollte sich nicht täuschen: Was bei den Jugendausgaben in | exaltierter Form hervortritt, ist für eine ganze Generation von | Journalisten inzwischen Leitlinie. Die 30- bis 35-Jährigen, die jetzt in | die Redaktionen drängen, beherrschen alle das Vokabular des akademischen | Milieus, dem sie entstammen, eine Mischung aus Politsoziologendeutsch | und Befindlichkeitssprache, die stets ein wenig geschwollen klingt, aber | eben auch sehr bedeutend und vor allem wahnsinnig einfühlsam. | | Auf der Suche nach einer Erklärung für das Scheitern heißt es jetzt, die | Corona-Krise habe die ökonomischen Aussichten verdüstert. Aber das ist | Unsinn. Corona ist nur der Anlass, die Einstellung zu verkünden. In | Wahrheit haben die Jugendplattformen nie die Quoten gehabt, die es | brauchte, um einigermaßen kostendeckend zu arbeiten. „Bento“ und „Ze.tt“ | lebten von der Behauptung, eine Generation zu vertreten, die queer, grün | und gendergerecht denkt. Wie sich zeigt, ist diese Generation nicht viel | größer als der Studiengang, dem seine Protagonisten entstammen. | | *Die brutale Realität des Internets* | | Das Internet kann brutal sein. Solange man keine verlässlichen Zahlen | hat, darf jeder an seine eigene Wahrheit und auch Wichtigkeit glauben. | Ich habe noch nie einen Leitartikel-Schreiber getroffen, der nicht | selbstverständlich davon ausging, dass der geneigte Leser als Erstes den | Blick auf seinen donnernden Kommentar richten würde, wie die Kanzlerin | den Konflikt im Südchinesischen Meer lösen müsse. In der Online-Welt | weiß man bis auf den letzten Klick, wie viele Leser wirklich | interessiert, was die Kanzlerin jetzt im Südchinesischen Meer tun sollte. | | Die Desillusionierung durch die Zahlen ist altersunabhängig. Sie trifft | die junge migrantisch bewegte Feministin, die denkt, dass die ganze Welt | Anteil an ihrem Schicksal nimmt, ebenso wie den von ihr verachteten | alten weißen Mann. Man kann sich auch nicht mehr damit herausreden, dass | einen das Old-Boys-Netzwerk davon abgehalten hätte, groß herauszukommen. | Alles, was es heute braucht, um berühmt zu werden, ist ein Podigee-Abo | oder ein Wordpress-Account. | | *Das Problem mit dem Zirkelschluss* | | Dass man aus dem Stand heraus zum Netzphänomen werden kann, hat gerade | die Stand-up-Komödiantin Sarah Cooper mit ihren Trump-Imitationen | bewiesen. Jedes ihrer über TikTok verbreiteten Videos erreicht ein paar | Millionen Menschen. Wenn das Genderprogramm eine solche Granate wäre, | wie immer behauptet, dann müssten die Zahlen auch hier durch die Decke | gehen. In Wahrheit schaffen es die Betreiber netzfeministischer Blogs | kaum, ihre Serverkosten zu decken. Es braucht eben etwas mehr als | Gesinnung, um sich durchzusetzen. Witz und Sprachtalent wären, zum | Beispiel, ganz hilfreich. | | Das Phänomen der relativen Größe lässt sich auch im politischen Raum | beobachten. Nur weil ein Thema auf dem Strategiekongress der Jusos ein | Riesenhit ist, heißt nicht, dass es auch die Wähler begeistert. Oft | verhält es sich sogar genau umgekehrt. Wie viele Leute mögen vergangene | Woche beim Großskandal um Sigmar Gabriel mitgefiebert haben? Oder davor | bei der medialen Riesenaufregung um Philipp Amthor? Ich kenne das aus | Redaktionskonferenzen, wo sich Leute die Köpfe über ein Thema heißreden, | das außerhalb des Konferenzraums nur mäßig interessiert. Wurde lange | genug gestritten, fällt unweigerlich der Satz, dass die Diskussion | zeige, wie wichtig das Thema sei. | | Man nennt das einen Zirkelschluss. Er kann bei Leuten, die auf das | Interesse des Publikums angewiesen sind, kreuzgefährlich sein. +--- </hier abknabbern> --- ©<https://www.focus.de/politik/deutschland/schwarzer-kanal/die-focus-kolumne-von-jan-fleischhauer-selbstbetrug-unter-journalisten-wenn-medien-einfach-eine-welt-erfinden_id_12198291.html> M.f.G. -- Diese E-Mail-Adresse wird nur aus nostalgischen Gründen verwendet. Sie wird praktisch nie gelesen. Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur etwas komisch... ;-)
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Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? herwig.huener@t-online.de - 2020-07-10 15:03 -0700
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Hergen Lehmann <hlehmann.expires.5-11@snafu.de> - 2020-07-11 00:54 +0200
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de> - 2020-07-11 08:49 -0400
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Frank Hucklenbroich <Hucklenbroich01@aol.com> - 2020-07-11 15:26 +0200
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2020-07-11 13:30 +0000
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Ulf.Kutzner@web.de - 2020-07-11 06:54 -0700
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Claus D. Arnold <cdanews@arcor.de> - 2020-07-12 12:29 +0200
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Lothar Frings <Lothar.Frings@gmx.de> - 2020-07-13 06:30 -0700
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Dorothee Hermann <DorotheeHermann@gmx.net> - 2020-07-11 02:48 +0200
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Martin Pochert <pochert.no.spam@gmx.de> - 2020-07-11 14:51 +0200
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Ulrich Weise <ulrich.weise@t-online.de> - 2020-07-12 11:37 +0200
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Andreas Fecht <forum@aftec.de> - 2020-07-11 09:34 +0200
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Martin Pochert <pochert.no.spam@gmx.de> - 2020-07-11 11:03 +0200
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Michael Bode <m.g.bode@web.de> - 2020-07-12 12:03 +0200
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Martin Pochert <pochert.no.spam@gmx.de> - 2020-07-12 12:31 +0200
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? Martin Pochert <pochert.no.spam@gmx.de> - 2020-07-12 13:19 +0200
Re: Moonraker: Wo ist die ZahnSpange geblieben? herwig.huener@t-online.de - 2020-07-12 03:50 -0700
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