Groups | Search | Server Info | Keyboard shortcuts | Login | Register [http] [https] [nntp] [nntps]


Groups > ger.ct > #341662

Re: Heute kauf ich mir wieder ein Pickerl für 9 Euro

From Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de>
Newsgroups ger.ct
Subject Re: Heute kauf ich mir wieder ein Pickerl für 9 Euro
Date 2018-02-25 18:29 +0100
Organization A noiseless patient Spider
Message-ID <p6urp7$52o$1@dont-email.me> (permalink)
References <p2f9t3$4ps$1@news.albasani.net> <8hrrhex836.ln2@diedrich.ddnssec.de> <p2ffi9$q2c$1@news.albasani.net> <ggsrhexlh6.ln2@diedrich.ddnssec.de> <p2fgph$mt1$1@news.albasani.net>

Show all headers | View raw


Salve allerseits,

Dr. Joachim Neudert schrieb:
> Am 02.01.18 um 09:29 schrieb Diedrich Ehlerding:
>> Dr. Joachim Neudert meinte:
>> 
>>> Du mußt nicht weinen. Geld hab ich. Reichlich. 
>> 
>> Ja, das ist mir bewusst. Es sei dir gegönnt, schließlich arbeitest du auch 
>> dafür. Und nein, ich weine nicht - du bist es, der über die Ösi-Maut hier 
>> weint.
>> 
>> Aber um so weniger verstehe ich dein Geheule über die Ösi-Maut. Und noch 
>> viel weniger verstehe ich, wieso du immer wieder danach lechzest, dass die 
>> Schluchtenscheißer nun endlich bitte auch im Altreich löhnen sollen (und 
>> nur die Ösis!). Freu dich doch lieber, dass wir es besser machen als die - 
>> warum muss man  jeden Unsinn mitmachen? 
>> 
>> Irgendwie haben die Freistaatbewohner da offenbar alle einen Knoten in 
>> ihren Gehirnwiondungen. 
> 
> Es ist das Gerechtigkeits-Gen.
> 
--- <hier abknabbern> ---
Kurz vor seinem Tod 1942 im Exil ließ der Schriftsteller Stefan Zweig
"Die Welt von Gestern" auferstehen, jene der großen Imperien, die er
gekannt hatte und die spätestens mit dem Zweiten Weltkrieg untergegangen
war. Viel deutet darauf hin, dass es erneut ansteht, eine "Welt von
gestern" zu verabschieden: nämlich jene, die den Regeln der
Nachkriegszeit gehorchte. Eine postideologische Epoche ist angebrochen,
in der sich etwa ein formal kommunistisches China als
turbokapitalistische Warenschleuder gebärdet. An die Stelle des
Rechts-links-Schemas beginnt in vielen Ländern - auch in Deutschland -
ein neuer Dualismus zu treten, nämlich der zwischen einem im weitesten
Sinne liberalen und einem identitären Lager.

Die Konstellationen, die daraus folgen, sind erst undeutlich zu
erkennen. Klar ist nur, dass die meisten Menschen ihre politische
Position, ja ihre Verortung in der Welt, neu werden bestimmen müssen.
Das kann mit Qualen verbunden sein, wie die SPD feststellen muss, deren
Mitglieder derzeit entscheiden, ob sie weiterhin und möglicherweise
endgültig im liberalen Lager aufgehen oder Werten treu bleiben, die
keine Mehrheit mehr erringen.

Das ist eine direkte Folge des Sieges der freien Marktwirtschaft und des
digitalen Dataismus. In der Welt von heute wird das Leben "vom liberalen
Paket aus Individualismus, Menschenrechten, Demokratie und freiem Markt
beherrscht", wie der Historiker Yuval Noah Harari feststellt. Wobei mit
"liberal" ein viel breiteres Spektrum gemeint ist als das der FDP. Es
geht eher um jenes, das von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, den
spanischen Ciudadanos und dem Merkelismus repräsentiert wird: Es ist
eine Art Sammlungsbewegung derer, die mit der Welt des freien Daten- und
Warenflusses, offenen Grenzen und schrankenloser Mobilität zufrieden
sind und auch glauben, davon zu profitieren.

*Die SPD nutzte die rechnerische linke Mehrheit nicht*

Verliererin ist die Linke. 1997 führten Sozialdemokraten zwölf
Regierungen in der EU, heute sind es drei: die von Portugal, Schweden
und die in Italien, die die Wahlen Anfang März kaum überstehen wird. Die
Regierungen der Slowakei und Rumäniens sind nur dem Namen nach
sozialdemokratisch. Griechenlands linke Regierung hat sich dem Druck
Brüssels gebeugt und betreibt knallharte Realpolitik, weil ihr nichts
anderes übrig bleibt.

In Deutschland gab es noch nach der Bundestagswahl 2013 eine
rechnerische linke Mehrheit, die die SPD aber nicht nutzte, weil sie
sich schon damals weniger als linke Partei identifizierte denn als
sozialpolitisches Gewissen des liberalen Blocks. 2017 stand dann bereits
vor der Wahl fest, dass es im Grunde egal war, ob man CDU, SPD, FDP oder
Grüne wählte, es kam am Ende immer Merkel heraus. Das hat am Ende die
AfD - und nicht die Linke - zur größten Oppositionspartei gemacht; so
wie in Frankreich nicht mehr die Sozialistische Partei, sondern der
Front National sich als Alternative zu Macron geriert.

*Es gibt ein wachsendes Gerechtigkeitsbedürfnis - aber dieses ist*
*politisch heimatlos*

Der Niedergang der Linken ist umso erstaunlicher, als es eigentlich ein
wachsendes Gerechtigkeitsbedürfnis auf der Welt gibt. Doch dieses ist
politisch heimatlos. Schon der Postmarxismus von Ernesto Laclau und
Thomas Piketty war keine originär linke Ideologie mehr, sondern forderte
eine Marktwirtschaft mit menschlichem Antlitz. In Lateinamerika und
Südeuropa erlebte der Postmarxismus in den Nullerjahren und kurz danach
eine Blüte. Gescheitert ist er, weil er nur mit Abschottung und Autarkie
funktioniert. Sich aber außerhalb des gängigen Wirtschafts- und
Finanzsystems zu stellen, hält heute außer Nordkorea keiner mehr durch.

Inzwischen wird die freie Waren- und Datenwelt von den meisten Menschen
akzeptiert, wenn nicht begrüßt. "Vergessen Sie die Revolution, die Leute
wollen ihr iPhone", sagt der spanische Soziologe Manuel Arias Maldonado.
Umwälzungen sind nicht erwünscht, wenn sie mit Verzicht einhergehen.
Auch diejenigen, die am Ende der Lohnpyramide stehen, brauchen den
Packerjob bei Amazon, um zu überleben. Und andere Jobs hatten auch die
Postmarxisten nicht zu bieten.

Antikapitalismus, früher fester Bestandteil des Linksseins, ist längst
eine Attitüde mehr inmitten der liberalen Vielfalt, wohlfeil wie das
Che-Guevara-Shirt im Internet-Shop. Heute definiert sich eine
dynamisch-mobile Linke über Werte wie Minderheitenschutz, Feminismus,
Transparenz, die genauso gut als liberale Forderungen durchgehen. Das
Scheitern der klassischen Linken aber war die Voraussetzung dafür, dass
sich Rechtspopulisten nun als einzige Alternative zum Marktliberalismus
aufspielen können. Ja, sie stahlen der Linken Kapitalismuskritik und
Antiamerikanismus - und fügten den Fremdenhass hinzu.

*Vielleicht lernen die Liberalen von den alten Linken*

Die ideologische Heimatlosigkeit vieler Wähler hat irrwitzige
Konstellationen entstehen lassen: Donald Trump etwa ist im Diskurs ein
Identitärer, wirtschaftlich aber könnte er mit argentinischen
Linksperonisten konkurrieren. Ein europäischer TTIP-Gegner müsste Trump
wegen dessen Abschottungspolitik zujubeln; geht aber nicht - denn es ist
ja Trump. In Ungarn kokettieren die Rest-Linken mit den Identitären von
Jobbik, um die anderen Identitären von Viktor Orbán zu stoppen. In
Katalonien haben sich Parteien aller Couleur unter dem identitären
Banner gefunden, um das kleine Katalonien von der bösen, korrupten Welt
abzukapseln.

Mit solchen Herausforderungen muss der Liberalismus lernen umzugehen.
Denn allen Segnungen der Freiheit zum Trotz: Es gibt in vielen Menschen
jene Sehnsucht nach Gerechtigkeit, familiärer Verankerung und Identität,
die im Rausch der Datengeschwindigkeit eher wächst.
--- </hier abknabbern> ---

©<http://www.sueddeutsche.de/politik/zeitenwende-welt-von-morgen-1.3880714>

	M.f.G.

-- 
Diese E-Mail-Adresse wird nur aus nostalgischen Gründen verwendet. Sie
wird praktisch nie gelesen.  Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur
etwas komisch... ;-)

Back to ger.ct | Previous | NextNext in thread | Find similar | Unroll thread


Thread

Re: Heute kauf ich mir wieder ein Pickerl für 9 Euro Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de> - 2018-02-25 18:29 +0100
  Re: Heute kauf ich mir wieder ein Pickerl für 9 Euro Ruediger Lahl <ruediger.lahl@gmx.de> - 2018-02-25 18:41 +0100
    Re: Heute kauf ich mir wieder ein Pickerl für 9 Euro Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de> - 2018-02-26 14:21 +0100

csiph-web