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Re: Fasten 40 Tage ohne handy (Abendzeitung)

From Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de>
Newsgroups ger.ct
Subject Re: Fasten 40 Tage ohne handy (Abendzeitung)
Date 2017-03-13 17:45 +0100
Organization A noiseless patient Spider
Message-ID <oa6i59$tns$1@dont-email.me> (permalink)
References (12 earlier) <7266635.T7Z3S40VBb@rotfl.franken.de> <slrnobl8ef.2av.lars.gebauer@yenni.elke-albrecht.com> <o9f54n$sr$2@Gaia.teknon.de> <o9f7dr$3bk$1@dont-email.me> <o9f8b8$m6p$1@news.albasani.net>

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Salve allerseits,

Dr. Joachim Neudert schrieb:
>>| Zudem produzieren sie eine Politikerkaste, die faktisch eben von der
>>| Trägheit dieser Prozesse lebt und daher perverse Anreize entwickeln könnte,
>>| effiziente Politik zu verhindern.
> 
> Ja natürlich ist das so. Eine Stadt mit 18% Hartz 4 Empfängern, und 50%
> Beziehern von Transferleistungen in irgendeiner Form, wie Berlin,
> zementiert natürlich linke Mehrheiten. Rot-rot-Grün wäre doch verrückt
> etwas dagegen zu tun. Wenn das alles plötzlich wohlhabende kleinbürgerliche
> Sparguthaben-Besitzer wären, dann würden die Berliner nie wieder
> Rot-Rot-Grün wählen. 
> 
--- <hier abknabbern> ---
Vor ein paar Monaten sollte der Verleger Götz Kubitschek im Theater
Magdeburg auftreten. Kubitschek gilt als der intellektuelle Kopf der
Neuen Rechten. Der Bauernhof, auf dem er mit Frau und Kindern in einem
Kaff zwischen Leipzig und Erfurt lebt, ist zum Wallfahrtsort für alle
geworden, die sich mit den Ideen, die den Aufstand von rechts antreiben,
vertraut machen wollen.

Kubitschek ist eine Art Ernst-Jünger-Figur, also ein rechter Hippie
minus Haschisch, Käferkunde und Weltkriegserfahrung. Das ist für eine
Veranstaltung, die "den neuen politischen Akteuren auf den Zahn fühlen"
will, wie es in der Ankündigung des Theaters hieß, schon mal keine
schlechte Besetzung.

"*Unglaublich und verantwortungslos*"

Geplant war in Magdeburg eine Podiumsdiskussion, an der neben einer
Kunstprofessorin aus Baden-Württemberg auch der sachsen-anhaltische
Innenminister Holger Stahlknecht teilnehmen sollte. Kaum hatte das
Theater seine Pläne annonciert, formierte sich Protest.

Wer glaube, man könne Leute wie Kubitschek in einer öffentlichen
Diskussion stellen, sei ihnen bereits auf den Leim gegangen, erklärte
der SPD-Vorsitzende von Sachsen-Anhalt. Die Fraktionsvorsitzende der
Grünen, Cornelia Lüddemann, fand die Idee, mit Kubitschek zu
diskutieren, "unglaublich und verantwortungslos". Kurz nachdem das
Theater seinen "Politischen Salon" ins Programm gehoben hatte, war er
auch schon wieder abgesagt.

Ein unglücklicher Einzelfall könnte man meinen, wenn sich die Geschichte
in Zürich nicht vor ein paar Tagen in anderer Besetzung wiederholt
hätte. Diesmal war der Philosoph Marc Jongen eingeladen, der für die AfD
in den nächsten Bundestag einziehen will. Zwei der Diskutanten plus ein
Moderator hätten dem Gast aus Deutschland Paroli bieten sollen, aber
auch das war den Kritikern für ein "ausgewogenes Gespräch" nicht
Garantie genug, weshalb sie die sofortige Wiederausladung Jongens forderten.

In einem "offenen Brief" appellierten rund 350 Kulturschaffende aus der
Schweiz und Deutschland an das Theaterhaus, dem "raffiniertesten
Rhetoriker" der AfD "keine Bühne zu bieten". Jongen bezeichne sich als
"avantgard-konservativ", für "politisch Unbedarfte" könne das
"gefährlich anziehend" wirken, heißt es in dem Boykottaufruf, dem das
Theater nach kurzem Lavieren Folge leistete: Man habe die Sicherheit der
Debatte angesichts zahlreicher Anfeindungen nicht mehr garantieren können.

*Den Beteiligten schlottern vor Angst die Hosen*

Das ist also der Stand linker Kulturkritik im Frühjahr 2017: keine Idee,
keine Begriffe, die man dem politischen Gegner entgegenhalten kann.
Stattdessen der Rückzug ins Mauseloch. Gerade die Kultur hat sich immer
viel darauf eingebildet, unbequem und widerständig zu sein, wie es im
Jargon des Kulturbetriebs heißt, ein Ort, an dem Außenseiter die Stimme
erheben und dem Justemilieu ordentlich eingeheizt wird. Nun reicht der
Auftritt eines Publizisten vom rechten Rand, und den Beteiligten
schlottern vor Angst so sehr die Hosen, dass sie lieber die Diskussion
verweigern, als gegen den Herausforderer anzutreten.

Man kann auch intellektuell verfetten, wie sich zeigt. Die Humor- und
Kritikunfähigkeit wächst wie ein Bauchansatz. Wer es sich zu lange
bequem gemacht hat, bekommt schon bei den kleinsten Provokationen einen
Herzkasper. Das ist wie bei Damen im fortgerückten Alter, denen vor
Schreck die Teetasse aus der Hand fällt, wenn jemand in ihrer Gegenwart
ein unanständiges Wort benutzt.

Ein Freund hat mich auf ein Interview aufmerksam gemacht, das der
Journalist Günter Gaus 1967 für die ARD mit dem Aktivisten Rudi Dutschke
geführt hat. Man findet es auf leicht YouTube. Wer beim Zuhören die
Augen schließt, erkennt viele Parolen wieder, die heute die rechten
Provokateure im Munde führen. Da ist die Schmähung der
Regierungskabinette als "institutionalisierte Lügeninstrumente", die
Ablehnung des parlamentarischen Systems als manipulativ und unbrauchbar,
die Verherrlichung der neuen Bewegung als eine, die "die wirklichen
Interessen der Bevölkerung" ausdrückt: "Dem Volk wird nicht die Wahrheit
gesagt."

Stellen wir uns für einen Augenblick vor, wie Gaus das Gespräch mit
Dutschke geführt hätte, hätte er es unter den heutigen Bedingungen
führen müssen, wo von einem Interview nicht Erkenntnisgewinn, sondern
Haltung verlangt wird. Zunächst hätte Gaus Dutschke daran erinnert, wie
verfassungsfeindlich seine Ideen seien. Er hätte darauf hingewiesen,
dass die Ablehnung des Parlamentarismus an das dunkelste Kapitel der
deutschen Geschichte erinnere, und moniert, dass schon die Verwendung
des Begriffs "Volk" schlimme Assoziationen wecke. Tatsächlich
beschränkte sich Gaus darauf, Dutschke als Anführer "jener radikalen
Studenten" vorzustellen, die nicht nur die Hochschulen reformieren,
"sondern unsere ganze Gesellschaftsordnung umstülpen" wollten.

[...]

Günter Gaus, so steht zu vermuten, hätte heute Götz Kubitschek in seine
Sendung eingeladen, auch weil von links zurzeit nichts kommt, was
halbwegs interessant wäre, um darüber 45 Minuten auf offener Bühne zu
sinnieren.
--- </hier abknabbern> ---

©<http://www.spiegel.de/politik/deutschland/debattenkultur-seid-ihr-linke-oder-maeuse-kolumne-von-jan-fleischhauer-a-1138485.html>

	M.f.G.

-- 
Diese E-Mail-Adresse wird nur aus nostalgischen Gründen verwendet. Sie
wird praktisch nie gelesen.  Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur
etwas komisch... ;-)

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Re: Fasten 40 Tage ohne handy (Abendzeitung) Lars Gebauer <lars.gebauer@yahoo.de> - 2017-03-04 11:13 +0000
  Re: Fasten 40 Tage ohne handy (Abendzeitung) v_borchert@despammed.com (Volker Borchert) - 2017-03-04 19:39 +0000
    Re: Fasten 40 Tage ohne handy (Abendzeitung) Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de> - 2017-03-04 21:20 +0100
      Re: Fasten 40 Tage ohne handy (Abendzeitung) Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2017-03-04 20:33 +0000
        Re: Fasten 40 Tage ohne handy (Abendzeitung) Hermann Riemann <nospam.gerct08@hermann-riemann.de> - 2017-03-05 08:17 +0100
        Re: Fasten 40 Tage ohne handy (Abendzeitung) Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de> - 2017-03-13 11:57 +0100
        Re: Fasten 40 Tage ohne handy (Abendzeitung) Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de> - 2017-03-13 17:45 +0100

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