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Re: Sinn-voll

From Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de>
Newsgroups ger.ct
Subject Re: Sinn-voll
Date 2017-02-05 23:03 +0100
Organization A noiseless patient Spider
Message-ID <o787bj$ea9$1@dont-email.me> (permalink)
References <o6s9v3$k26$1@news.albasani.net> <1n0zhz6.31pnfq7q7t8fN@marc.my-fqdn.de> <o77rje$l3b$3@news.albasani.net> <efpc64FtnbtU1@mid.individual.net> <o77vvv$8vf$1@news.albasani.net>

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Salve allerseits,

Dr. Joachim Neudert schrieb:
> Michael Bode <m.g.bode@web.de> wrote:
>> Am 05.02.2017 um 19:40 schrieb Dr. Joachim Neudert:
>> 
>>> Und damit hat er einfach nur recht. Man kann Menschen auch nur positiv
>>> motivieren und nicht negativ. Bei Ländern  könnte das ähnlich sein.
>> 
>> Länder haben keinen Spaß oder finden irgendwas blöde oder langweilig.
>> Länder haben Interessen. Und Wähler, die entgegen *ihrer* Interessen
>> abstimmen, schießen sich selbst in den Fuß. Kriegt man aber erst später
>> raus.
> 
> Länder sind halt auch nur größere Ansammlungen von Menschen. Und wenn die
> mehrheitlich nicht gerne in der EU sind, dann macht das Land leicht den
> Brexit.
> 
> Aber die Überlegungen kommen wohl schon zu spät, wir zerbrechen wieder in
> Nationalstaaten. Die kulturellen Unterschiede und die Sprachgrenzen waren
> zu groß. Ich hatte schon vor 15 Jahren den Glauben verloren, daß diese von
> oben verordnete europäische Einigung, ein reines Kopfprojekt, die
> Unterschiede zwischen einem Finnen und Portugiesen, einem Deutschen und
> Griechen so nivellieren könnte, daß in 400 Jahren immer noch eine EU
> besteht. Es endet jetzt.
> 
--- <hier abknabbern> ---
"Nach dem Brexit und dieser Wahl scheint nun alles möglich. Die Welt
zerfällt vor unseren Augen." So twitterte der französische Botschafter
in den USA, Gérard Araud, zum Wahlsieg von Donald Trump in den frühen
Morgenstunden des 9. November.

Mit "Welt" meinte Araud die bisherige Konstellation des Westens und der
Demokratien. Mit "zerfällt" umschrieb er das mögliche Ende der in den
vergangenen Jahren immer umfassenderen transnationalen Zusammenschlüsse,
die den globalen Impuls des demokratischen Westens seit dem Beginn der
Phase reifer Globalisierung mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem
Ende des damaligen Ost-West-Konflikt 1990 kennzeichneten.

Diese Vereinigungs-, Einbeziehungs- und Ausweitungs-Phase, die im Westen
und seiner Allianz der Demokratien ihr weltweites Gravitationszentrum
hatte und mit einer Garantierolle für die internationale Ordnung
verbunden war - mit den USA als Militär-, Europa als Zivilmacht - könnte
nun einer Ära der Wiedervereinzelung der Nationen, der
Entglobalisierung, der Schwächung oder gar sektorialen Abschaffung
internationalen Rechts und der Aushöhlung transnationaler Abkommen
weichen. Das hat Donald Trump für seine Amtszeit als Programm
vorgegeben, um "Amerika wieder groß zu machen".

Die Kombination von Brexit mit Trump und dem Aufstieg populistischer,
anti-europäischer und antiglobalisierungs-Protestparteien in den
Nationen Europas, die sich zuletzt am 4. Dezember gegen die dringend
notwendigen Reformen Italiens wandten und den jungen, pro-europäischen
Premier Matteo Renzi zum Rücktritt zwangen, könnte in den kommenden
Jahren die Renationalisierung der internationalen Ordnung und die
Rückkehr zum Vorrang bilateraler Abkommensmuster in der internationalen
Gemeinschaft fördern. Damit würde der Westen, und mit ihm die globale
Demokratie-Idee selbst, deutlich geschwächt, und die Rolle
halb-demokratischer oder autoritär regierter Groß-Nationalstaaten wie
China, Russland oder der Türkei (einschließlich sogenannter "illiberaler
Demokratien", "Hybrid-Demokratien" oder "unvollständiger Demokratien")
würde gestärkt.

Mit Trumps Amtszeit könnte dem Westen, und damit auch der globalen
Gemeinschaft der Voll-Demokratien, die bereits heute eine Minderheit in
der Welt darstellen, tatsächlich ein Umbruch bevorstehen, wie ihn noch
vor wenigen Monaten niemand erwartet hätte.

*Die Trump-Ära* 2017-21

Am 21. Oktober durchschnitt der veraltete, Ruß und Kohle keuchende
russische Flugzeugträger Admiral Kusnetzov (Адмирал флота Советского
Союза Кузнецов) den Ärmelkanal. Laut englischen Regierungsquellen hatte
Russlands Präsident Putin persönlich angeordnet, dass die zehn Schiffe
starke Flotte den Kanal in Sichtweite zur englischen Küste passierte.

Viele Russen und westliche Bürger verstanden im Unterschied zu
Beobachtern die Botschaft ebenso instinktiv wie von ihrem Präsidenten
Wladimir Putin beabsichtigt: Nach dem Brexit - dem Votum Großbritanniens
für einen Austritt aus der Europäischen Union am 23. Juni 2016 - ist ein
Schnitt im Westen entstanden. Das Durchschneiden des Ärmelkanals durch
die erste derartige russische Kriegsflotilla seit Jahrzehnten außerhalb
ihrer direkten Sicherungsbereiche war die global wahrgenommene
Botschaft, dass Russland diesen Schnitt nun vertiefen will und dies auch
zu tun gedenkt, zu eigenem Vorteil und zur Schwächung Europas und des
Westens.

Es war aber auch die Einzel-Botschaft an Großbritannien, dass es nun im
Vergleich mit vorher trotz NATO-Mitgliedschaft isolierter und damit
angreifbarer dasteht - und Russland daher stärker entgegenkommen sollte.
Diese Botschaft war mindestens ebenso wichtig, vor allem für die eigenen
Landsleute und die Putin-Zweifler in Russland, wie der Kriegseinsatz in
Syrien, zu dem die Flotte in der Sache unterwegs war.

Putin hatte wie stets beides intelligent und zum richtigen Zeitpunkt in
eins gepackt - so wie man bei starken außenpolitischen Signalen in der
Praxis stets versucht, mehrere Bedeutungsebenen zu verknüpfen, da
Mehrdeutigkeit und Mehrdimensionalität die Botschaft stärker und auch
interpretierbarer machen - vor allem zum Vorteil "flexibler" eigener
Folgehandlungen.

Russlands Signal an Großbritannien, Europa und den Westen kommt in einer
Phase erneuerter Beziehungen zwischen Putins Reich und dem zwischen
Terror, Bürgerkrieg und Diktatur schwebenden EU-Beitrittskandidaten
Türkei. Die Intention ist klar: Durch Stärkung der trilateralen
Beziehungen soll die Mitte Europas geschwächt und im Hinblick auf das
Jahr 2017 weiter unter Druck gesetzt werden, indem nicht nur der
Amtsantritt Trumps erfolgt, sondern damit zusammenfallend
richtungsweisende Wahlen in Deutschland und Frankreich, vermutlich auch
in Italien, also in allen drei großen Eurozonen-Nationen, sowie in den
Niederlanden stattfinden. Sollten rechtspopulistische, daher ihrer Natur
nach antieuropäische und vielfach auch anti-westliche Protestparteien
dabei ihren Aufstieg fortsetzen, droht mit dem angekündigten Rückzug von
Trumps USA aus Teilen der Verantwortung der Westen von innen heraus zu
zerfallen.

Putin und andere halb-demokratische Lenker mit autoritären Tendenzen wie
Recep Rayyip Erdogan in der Türkei wittern nach den historischen
Ereignissen seit dem 23. Juni 2016 und Trumps Wahl am 8. November 2016
Morgenluft. Sie sehen ihre These bestätigt, dass Demokratien
grundsätzlich "schwach" sind und zu Dekadenz neigen, weshalb eine "klare
Herrschaft" besser sei - was mittlerweile auch die USA mit Trump
bestätigen. Das Jahr 2016 beweise, so die Sicht Putins und Erdogans,
dass sich Demokratien auf Dauer selbst unterminieren, weil die Mehrheit
früher oder später die Selbstzerstörung in Gestalt von Populisten und
Demagogen wählt - vor allem in Zeiten einer akut werdenden
Land-Stadt-Dichotomie und wachsender Ungleichheit im Gefolge
neoliberaler Globalisierung, die die Mittelklasse der westlichen
Demokratien mit Angst erfüllt.

In der (wahrgenommenen) Bedrohung durch sozialen Abstieg und
demographischem Wandel aufgrund unregulierter Migration, die der
Europäisierung und Globalisierung zugeschrieben werden, straft der
westliche Mittelstand - weitgehend unabhängig von Themen und Fakten -
seine Eliten und das demokratische Establishment ab, die er dafür
verantwortlich macht, und wählt Anti-Establishment-Rhetoriker,
Systemgegner, Populisten und Nationalisten. Damit ist, so die Sicht der
"starken" Herrscher, das Prinzip der westlichen Demokratie und die ihr
zugrundeliegende Ideologie "ernster" und "tiefer" Transnationalität,
Pluralismus, Multikulturalität und Individualität in Frage gestellt -
und die westliche Einheit wird schwächer. Mit ihr gerät die globale
Vorherrschaft des Westens weiter ins Wanken - wie sie bereits durch den
Aufstieg Chinas seit Jahren in Frage gestellt wird.

Aus Sicht Putins und Erdogans war das für den Westen historische
Katastrophenjahr 2016 mit "Europas zerbrochenen Grenzen", die ihrer
Ansicht nach die inneren Asymmetrien und äußere Ohnmacht des
europäischen Projekts auch den Europäern selbst verdeutlichten, mit dem
folgenden Brexit und der Wahl des "Anti-Systemikers" Trump in den USA
der Durchbruch zu dieser Erkenntnis - und damit möglicherweise zu einer
weltpolitischen Wende nicht durch äußere Konflikte oder wirtschaftliche
Verschiebungen, sondern aus dem Inneren der globalen Dynamik und des
Westens selbst heraus. So, wie sie es, selbst kaum daran glaubend, für
den Westen so lange prophezeit und aus seinen Eigenschaften selbst
heraus als unausweichlich dargestellt hatten.

Trumps Wahl am 8. November war ihnen dafür nach dem Brexit vom 23. Juni
die wichtigste Bestätigung. Und all dies ironischerweise gerade in einer
Schwächephase der autoritären Regime in Russland, China und der Türkei.
--- </hier abknabbern> ---

©<https://www.heise.de/tp/features/Trump-und-die-Zukunft-des-Westens-3614465.html?view=print>

	M.f.G.

-- 
Diese E-Mail-Adresse wird nur aus nostalgischen Gründen verwendet. Sie
wird praktisch nie gelesen.  Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur
etwas komisch... ;-)

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Sinn-voll "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2017-02-01 10:32 +0100
  Re: Sinn-voll Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de> - 2017-02-01 11:35 +0100
    Re: Sinn-voll "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2017-02-01 11:43 +0100
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                Re: Sinn-voll "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2017-02-02 08:50 +0100
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                Re: Sinn-voll "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2017-02-02 09:05 +0100
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                Re: Sinn-voll Lothar Frings <Lothar.Frings@gmx.de> - 2017-02-02 01:17 -0800
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                Re: Sinn-voll Martin Gerdes <martin.gerdes@gmx.de> - 2017-02-03 19:03 +0100
                Re: Sinn-voll Dietz Proepper <dietz-news@rotfl.franken.de> - 2017-02-02 21:37 +0100
                Re: Sinn-voll v_borchert@despammed.com (Volker Borchert) - 2017-02-04 06:54 +0000
                Re: Sinn-voll Dietz Proepper <dietz-news@rotfl.franken.de> - 2017-02-07 15:33 +0100
          Re: Sinn-voll Sepp Neuper <Sepp_Neuper@web.de> - 2017-02-01 18:33 +0100
            Re: Sinn-voll Frank Hucklenbroich <Hucklenbroich01@aol.com> - 2017-02-02 08:24 +0100
              Re: Sinn-voll Lothar Frings <Lothar.Frings@gmx.de> - 2017-02-02 11:39 -0800
  Re: Sinn-voll spamfalle2@arcor.de (Marc Stibane) - 2017-02-05 17:56 +0100
    Re: Sinn-voll "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2017-02-05 19:40 +0100
      Re: Sinn-voll Lothar Frings <Lothar.Frings@gmx.de> - 2017-02-05 10:54 -0800
      Re: Sinn-voll Michael Bode <m.g.bode@web.de> - 2017-02-05 20:19 +0100
        Re: Sinn-voll Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2017-02-05 19:55 +0000
          Re: Sinn-voll Lothar Frings <Lothar.Frings@gmx.de> - 2017-02-05 12:10 -0800
          Re: Sinn-voll Michael Bode <m.g.bode@web.de> - 2017-02-05 21:18 +0100
            Re: Sinn-voll Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2017-02-05 20:34 +0000
              Re: Sinn-voll Ruediger Lahl <ruediger.lahl@gmx.de> - 2017-02-05 22:22 +0100
            Re: Sinn-voll Lothar Frings <Lothar.Frings@gmx.de> - 2017-02-06 02:58 -0800
              Re: Sinn-voll Michael Bode <m.g.bode@web.de> - 2017-02-06 20:05 +0100
                Re: Sinn-voll Dietz Proepper <dietz-news@rotfl.franken.de> - 2017-02-07 15:35 +0100
                Re: Sinn-voll "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2017-02-07 16:00 +0100
                Re: Sinn-voll "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2017-02-07 16:01 +0100
                Re: Sinn-voll "Juergen P. Meier" <nospam-1984@jors.net> - 2017-02-08 07:03 +0000
                Re: Sinn-voll "Juergen P. Meier" <nospam-1984@jors.net> - 2017-02-08 07:01 +0000
                Re: Sinn-voll Dietz Proepper <dietz-news@rotfl.franken.de> - 2017-02-08 08:18 +0100
                Re: Sinn-voll Sepp Neuper <Sepp_Neuper@web.de> - 2017-02-08 11:51 +0100
                Re: Sinn-voll Dietz Proepper <dietz-news@rotfl.franken.de> - 2017-02-08 14:32 +0100
                Re: Sinn-voll "Juergen P. Meier" <nospam-1984@jors.net> - 2017-02-08 19:09 +0000
                Re: Sinn-voll Dietz Proepper <dietz-news@rotfl.franken.de> - 2017-02-09 08:31 +0100
                Re: Sinn-voll Lothar Frings <Lothar.Frings@gmx.de> - 2017-02-08 23:48 -0800
                Re: Sinn-voll Dietz Proepper <dietz-news@rotfl.franken.de> - 2017-02-09 09:12 +0100
                Re: Sinn-voll Wolfgang Kynast <wky@gmx.de> - 2017-02-09 09:55 +0100
                Re: Sinn-voll Dietz Proepper <dietz-news@rotfl.franken.de> - 2017-02-10 16:37 +0100
                Re: Sinn-voll Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de> - 2017-02-09 15:08 +0100
          Re: Sinn-voll Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de> - 2017-02-05 23:03 +0100
      Re: Sinn-voll Lars Gebauer <lars.gebauer@yahoo.de> - 2017-02-06 10:48 +0000
        Re: Sinn-voll Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de> - 2017-02-06 14:17 +0100
          Re: Sinn-voll Lars Gebauer <lars.gebauer@yahoo.de> - 2017-02-06 14:27 +0000
            Re: Sinn-voll Fidel-Sebastian Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse-Lara@b.maus.de> - 2017-02-06 15:37 +0100
    Re: Sinn-voll Sepp Neuper <Sepp_Neuper@web.de> - 2017-02-06 01:03 +0100

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