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| From | Johannes Leckebusch <jlnospam@johannes-leckebusch.de> |
|---|---|
| Newsgroups | ger.ct |
| Subject | Re: Ist die Evolution moralisch? |
| Date | 2021-11-18 02:59 +0100 |
| Message-ID | <ivlqcdFq1ptU1@mid.individual.net> (permalink) |
| References | <ivlcu6FlfhgU7@mid.individual.net> <Evolution-20211117232527@ram.dialup.fu-berlin.de> |
Am 17.11.2021 um 23:29 schrieb Stefan Ram:
> Johannes Leckebusch <jlnospam@johannes-leckebusch.de> writes:
>> Was nutzt dies
>> und das, was - nach unserer heutigen Auffassung - evolutionär entstanden
>> ist bzw. wohl entstanden sein muss, überhaupt?
>
> Nach heutiger Meinung geht es nicht darum, irgendjemandem zu
> nutzen, sondern es geschieht einfach.
Ich habe mich etwas sinnbildlich umschreibend ausgedrückt - in der
Erwartung, dass man das auch symbolisch verstehen und nicht als konkrete
Aussage missdeuten würde.
Mit (biologischer) Evolution bezeichnet man die nach heutigem Wissen im
Laufe der Zeit stattgefundene Veränderung der lebenden Arten. Die
Erklärung beruht auf dem Zusammenwirken von genetischer Vererbung,
genetischer Variabilität (Vielfalt und Mutation) und Selektion. Über die
Mutation kann man sagen "geschieht einfach", aber wenn es nur das gäbe,
würde sich vermutlich jegliche genetische Definition einer Art über kurz
oder lang in einem Chaos verlieren. Das wird durch die Selektion
einerseits verhindert, andererseits entsteht dadurch auch die
Möglichkeit einer Weiterentwicklung. Und das beruht darauf, dass eine
Mutation, welche die Lebensfähigkeit eines Individuums vernichtet, sich
gar nicht vererben kann (wenngleich sie wiederholt auftreten kann), oder
die Fortpflanzungsfähigkeit oder die aktiven Fähigkeiten positiv oder
negativ beeinflussen kann. Die Zusammenwirkung ermöglicht die
Weiterentwicklung von Arten.
Mutationen sind zufällige Ereignisse, sie haben so gesehen kein "Ziel",
aber die Evolution hängt davon ab, ob Mutationen eine Art in ihrer
Fortpflanzung benachteiligen oder bevorteilen. So gesehen kann man als
"Ziel" den erfolgreichen Weiterbestand sehen, um so mehr, wenn er
erfolgreicher ist als vor einer Mutation. In diesem Sinne kann eine
Mutation einer Art nutzen (oder auch, ihr schaden).
Sicherlich gibt bzw. gab es keine bestimmten Ziele der Evolution,
dennoch ist es erstaunlich, dass es viele ähnliche Entwicklung in
diversen Arten gibt, zum Beispiel hinsichtlich der Entwicklung von
Flügeln bei Vögeln oder Fledermäusen, die funktional ähnlich, aber
durchaus auch verschieden sind. Bei Insekten sind auch Flügel vorhanden,
aber ihre funktionalen Eigenschaften sind völlig anders als die von
Vögeln. Wurde neulich hier (? glaube in dieser NG) diskutiert.
>> Was nützen nun in dieser wilden, erfolgskommerziellen Welt eigentlich
>> Moral, Mitleid, uneigennützige Hilfe?
>
> Nach dem vorigen Absatz erübrigt sich diese Frage. Diese
> Begriffe (wie "Mitleid") dienen einerseits - epistemisch -
> zum Verständnis und zur Beschreibung und andererseits
> - instrumental - auch dazu, auf andere Einfluß im eigenen
> Sinne nehmen zu können, etwa an ihr Mitleid zu appellieren.
>
>> Aber warum ist die Menschheit dann immer noch in so hohem Maße
>> unmenschlich? Gegenüber Flüchtlingen, gegenüber "Fremden", gegenüber
>> Armen usw.?
>
> Ich bin überzeugt, daß auch andere Tiere Mitgefühl und den
> Wunsch, helfen zu wollen, kennen. Aber daneben gibt es bei
> allen Tieren auch wieder egoistische oder bösartige Kräfte.
Es muss aber evolutionäre Nutzeffekte für die Entwicklung solcher
"Gefühlswelten" geben.
>> Wie ist es mit dem Verständnis gegenüber Mitgefühl, Moral? Gibt es eine
>> Art, die "versteht", warum sie so etwas macht? Welchen evolutionären
>> Nutzen hat das überhaupt?
>
> Wie gesagt, der Evolution geht es nicht um Nutzen, sondern
> sie läuft einfach ab. "Nutzen" ist ein Begriff, den Menschen
> zur Interpretation verwenden.
So komplexe Konzepte wie Gefühlsleben und dessen Vermittlung können sich
nicht einfach zufällig entwickeln, ohne einen evolutionären Nutzeffekt
zu haben - äh, außer Gott hat es halt so angeordnet, klar, dann auch ohne.
> Die Reflexion über Ethik, Moral, Evolution und Nervensysteme
> mit Hilfe von Beobachtungen und der Sprache ist sicher beim
> Menschen besonders ausgeprägt, bei anderen Tierarten nur in
> Ansätzen vorhanden.
>
>> Jedenfalls haben wir auch Morallehren. Nun sind ja etliche kulturelle
>> Entwicklungen in ihrer Nützlichkeit fragwürdig: Moderne Kunst? Abstrake
>> Malerei? Was nutzt uns das eigentlich?
>
> Wer ein teueres Gemälde kauft, wertet sich selber damit auf
> (durch die Besitzfreude, das Image und eventuell die Wertsteigerung)
> und den Künstler (durch das Honorar). Also ein Gewinn-Gewinn-Geschäft!
Was aber noch nicht erklärt, warum Kunst überhaupt entstanden ist.
Wurden die Höhlenbilder in der Steinzeit schon so teuer verkauft?
>> Also warum führt die Menscheit immer noch und immer wieder schlimmere
>> Kriege, anstatt die abzuschaffen? Was nützen ihr die?
>
> "Die Menschheit" ist vielleicht ein wenig pauschal, aber es
> gibt sicher in der Psychologie, Soziologie, Spieletheorie
> oder Geschichtskunde Wissenschaftler, die das untersuchen;
> so untersucht Elias Canetti in "Masse und Macht" die
> Herrschaft soziopathischer Machthaber über Menschenmassen.
>
>> Hat sich da nicht die Evolution irgendwie verhamstert?
>
> Die Evolution hat kein Ziel. Es gibt eigentlich nicht einmal
> ein Evolution. Das läuft einfach ab. Lao-Tse ("Strohhunde"
> sind WIMRE Hunde aus Stroh, die als Opfer verbrannt wurden
> oder werden):
>
> |Himmel und Erde sind nicht menschenfreundlich;
> |Sie nehmen die zehntausend Wesen für Strohhunde.
Es gibt keine Evolution?
Naja. Wenn gegenüber ein Hund laut bellt, ist er meistens nicht aus Stroh.
--
Johannes Leckebusch - AR3
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Re: Ist die Evolution moralisch? Johannes Leckebusch <jlnospam@johannes-leckebusch.de> - 2021-11-18 02:59 +0100
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