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| From | Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> |
|---|---|
| Newsgroups | ger.ct |
| Subject | Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten |
| Date | 2026-04-04 18:05 +0000 |
| Message-ID | <10qrjsr$13euk$1@solani.org> (permalink) |
Großartiger Artikel in der SZ: Die Politikwissenschaftlerin Florence Gaub ist Forschungsdirektorin der Nato-Militärakademie in Rom. Debora Mittelstaedt Gastbeitrag von Florence Gaub Raten Sie, welches Jahrzehnt gemeint ist: Ein umstrittener Präsident regiert die Vereinigten Staaten, im Nahen Osten tobt Krieg, alle haben Angst vor Atomkrieg und „Unsicherheit“ ist das Wort des Jahres. Die Antwort: Nein, es sind nicht die 2020er-Jahre, sondern die 1970er – ein Jahrzehnt, das die Zukunftsangst in die Bestsellerlisten brachte mit Büchern wie „Ein Planet wird geplündert“ (Herbert Gruhl, 1975), „Der Atomstaat“ (Robert Jungk, 1977) und „Das Ende der Vorsehung“ (Carl Amery, 1972). Die 1980er waren übrigens nicht besser, auch wenn 52 Prozent der Deutschen vom Gegenteil überzeugt sind. Nie war die Welt näher dran an einem Atomkrieg als 1983, als die Sowjetunion die Nato-Übung „Able Archer“ für eine Eröffnungsschlacht hielt. HIV tötete Hunderttausende Menschen, die Wirtschaft glitt in eine Rezession, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik stieg die Arbeitslosenquote 1984 auf acht Prozent, und im Krieg des Jahrzehnts zwischen Iran und Irak starben rund eine Million Menschen. (Von all den anderen Konflikten ganz zu schweigen: Die 1980er waren auch das Jahrzehnt des libanesischen Bürgerkriegs, der ersten Intifada, des sowjetischen Afghanistankriegs, des Falklandkonflikts.) 1995 erklärten 85 Prozent der Amerikaner den amerikanischen Traum für tot Na gut, werden Sie jetzt sagen, aber die 1990er-Jahre, die waren doch ein großartiges Jahrzehnt – die Sowjetunion war Geschichte, die Demokratie trat den globalen Siegeszug an, Francis Fukuyama erklärte „Das Ende der Geschichte“ und Bill Clinton wurde der erste demokratische Präsident seit mehr als zehn Jahren. Das stimmt zwar alles, aber auch dies war ein schwieriges Jahrzehnt. In Ruanda starben innerhalb von nur drei Monaten fast eine Million Menschen, in Tschetschenien 80 000 und in China wurden bei friedlichen Protesten auf dem Tian’anmen-Platz bis zu 10 000 Demonstranten ermordet. Und auch die Wirtschaft tat sich schwer, 1992 blickten gerade mal 40,5 Prozent der Deutschen hoffnungsfroh in das kommende Jahr. Sie waren nicht allein: 1995 erklärten 85 Prozent der Amerikaner den amerikanischen Traum für tot; 1997 glaubten gerade einmal 17 Prozent, dass es der nächsten Generation besser gehen würde als ihnen selbst. Und nicht Francis Fukuyamas rosarote Zukunftsvision war das Buch, das alle für eine valide Vorhersage hielten, sondern Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Selbst die 1950er-Jahre, die heute für ihren angeblichen Optimismus gefeiert werden, waren in Wirklichkeit ein Jahrzehnt voller Angst – vor Atomkrieg, Kommunismus, Rezession und jugendlicher Verwahrlosung, ausgelöst angeblich durch Rock’n’Roll. Zukunftsforschung „Ungewissheit ist für das Gehirn das Allerschlimmste“ Strebt Donald Trump eine dritte Amtszeit an? Wird Putin bald die Nato angreifen? Und wie schaut man eigentlich in die Zukunft? Fragen an Florence Gaub, die dazu gerade ein erstaunlich vergnügliches Buch geschrieben hat. Interview von Jakob Biazza Denn die Wahrheit ist: Kein Jahrzehnt hat sich je entspannt zurückgelehnt und gedacht: Ja, die Zukunft wird gut. Denn es ist völlig normal, sich um die Zukunft zu sorgen – jede Generation tut es. Und genau wie heute war auch jede Generation vor uns überzeugt, dass die Dinge noch nie so schlimm waren wie jetzt. Heute verkündet Peter Thiel das Ende der Zukunft; 1918 schrieb der deutsche Philosoph Oswald Spengler ein ganzes Buch mit dem Titel „Der Untergang des Abendlandes“, in dem er behauptete, das Zeitalter der großen Entdeckungen und kulturellen Innovationen sei vorbei. In den späten 1940er-Jahren blies der britische Historiker Arnold Toynbee in dasselbe Horn, überzeugt, dass die westliche Zivilisation Zeichen schöpferischer Erschöpfung und geistigen Verfalls zeige. In den 1960er-Jahren verkündete Daniel Bell, ähnlich wie später Fukuyama, „Das Ende der Ideologie“ und äußerte sich später sehr ähnlich wie Thiel heute – klagend über das Ende der Innovation. Die Schwarzseher liegen genau deshalb falsch, weil ihre Ängste Gegenmaßnahmen anstoßen Die Ironie: Auf jedes dieser Werke folgte eine Zeit, die genau das Gegenteil bewies. Das Jahrzehnt nach Spenglers Untergangsthese brachte uns Fernsehen und Radio, Kernphysik, Antibiotika, Luftfahrt, Kunststoffe, Kino, Jazz, Bauhaus, Modernismus, Demokratie, Entkolonisierung und das Frauenwahlrecht. Toynbee wurde widerlegt durch die Raumfahrt, Computer, die Antibabypille, die Entdeckung der DNA, die Anfänge einer globalen Finanzordnung und die Europäische Union. Auf Bell folgte die Revolution des Personal Computers, der Boom der Biotechnologie und die Explosion des Internets – alles angetrieben von genau jener unternehmerischen Vision, die er für am Aussterben hielt. Und in den 15 Jahren seit Peter Thiel das Ende der Innovation beklagte, haben wir private Raumfahrt, neue Impfstoffe, künstliche Intelligenz, Solar- und Windenergie sowie das Smartphone erlebt. Haben sich diese Autoren also grundlos in Zukunftspanik gesteigert? Nein – sie sind Teil jenes allgemeinen Produktionszyklus, der die Zukunft nun einmal ist. Sie liegen genau deshalb falsch, weil ihre Ängste Gegenmaßnahmen anstoßen. Die Zukunft entsteht in etwa so: Menschen – möglicherweise die einzige Spezies, die sich eine noch nie da gewesene Zeit lebhaft vorstellen kann – nehmen Hinweise aus Vergangenheit und Gegenwart und konstruieren die Zukunft als einen Raum voller Möglichkeiten, guter wie schlechter. Diese Zukunft kann zweierlei auslösen: entweder den Wunsch, sie zu verwirklichen, oder Angst, wenn sie unerwünscht erscheint. Wo man auf dieser emotionalen Skala landet, hängt weniger von Intellekt oder Wissen ab als von der Persönlichkeit – und das Gefühl selbst hat nur begrenzte Vorhersagekraft. Optimisten erzielen tendenziell bessere Ergebnisse, das stimmt; aber auch ein gewisses Maß an Angst – nicht zu viel, denn das erzeugt Lähmung, bekannt als Kassandra-Effekt – kann zum Handeln anspornen. Und dieses Handeln verändert dann den Verlauf der Zukunft. Vereinfacht gesagt: Der Grund, warum die Zukunft letztlich eine bessere Gegenwart wird als das Heute, liegt darin, dass wir uns vor ihr fürchten. Live-Interviews zur Leipziger Buchmesse Stimmen, die uns die Gegenwart erklären Hier können Sie die Interviews der SZ mit Autorinnen und Autoren auf der Leipziger Buchmesse noch einmal als Podcast hören. Die Geschichte ist voll von Beispielen dafür. Die düsteren Vorhersagen aus Paul Ehrlichs „Die Bevölkerungsbombe“ (1968) sahen Millionen Hungertote bis in die 1980er-Jahre voraus. Doch Ehrlich rechnete weder mit technologischem noch mit gesellschaftlichem Fortschritt – und beide durchkreuzten sein Szenario. Dank der „Grünen Revolution“ vervierfachte sich die Maisproduktion, und dank steigender Alphabetisierung begannen die Geburtenraten zu sinken. Science-Fiction-Filme wie „Soylent Green“ (1973) und „Der Tag der Tiere“ (1977) zeichneten eine Zukunft voller Umweltverschmutzung und ohne Ozonschicht und lösten damit eine Lawine von Gesetzen aus, die nicht nur die Ozonschicht retteten, sondern heute auch dafür gesorgt haben, dass die Luft in den meisten westlichen Großstädten sauberer ist als in den 1850er-Jahren. Die Nato verbrachte Jahrzehnte damit, sich den schlimmstmöglichen Krieg mit der Sowjetunion vorzustellen und sich darauf vorzubereiten – der dann genau wegen dieser Bereitschaft ausblieb. Und schließlich die Angst um die Demokratie, ein ständiges Merkmal derselben, seit dieses System entstanden ist. Jedes einzelne Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts war von tiefer Besorgnis geprägt, wann immer das toxische Dreigestirn aus gesellschaftlicher Polarisierung, wirtschaftlichem Abschwung und verfassungsrechtlicher Verwundbarkeit zusammenkam. Und obwohl wir uns heute erneut in einer solchen Phase befinden, vergessen wir leicht, dass die Demokratie vor hundert Jahren noch ein Minderheitensystem war, das gegen verschiedene Diktaturen ankämpfte – und dennoch ihren Weg machte. Sie hat sich nicht nur als widerstandsfähig erwiesen, sondern auch als fähig zur Erneuerung nach Rückschlägen, etwa in Malawi, Polen oder Brasilien. Das alles soll nicht heißen, dass die Ängste vor der und um die Zukunft unbegründet sind. Sie sind durchaus begründet – aber unser Unbehagen darüber sollte nicht verdecken, dass sie einen Zweck erfüllen. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, sich eine Zukunft vorzustellen, damit er im Jetzt handelt. Das bedeutet: Diese Ängste sind vollkommen normal und gehören untrennbar zu jenem großartigen Werkzeug, das die Zukunft ist. Wir haben keinen Anspruch auf Angstfreiheit – wir werden mit ihr geboren. Statt darüber zu klagen, was alles schiefgehen kann, müssen wir handeln, damit es nicht schiefgeht. -- please forgive my iPhone typos
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Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2026-04-04 18:05 +0000
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Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Gunter Kühne <kuehne-g@freenet.de> - 2026-04-09 11:35 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Friedrich Karl Siebert <f.k.siebert@online.de> - 2026-04-09 14:03 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Gunter Kühne <kuehne-g@freenet.de> - 2026-04-10 14:12 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Martin Ebert <mx300@gmx.net> - 2026-04-10 00:45 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Stefan+Usenet@Froehlich.Priv.at (Stefan Froehlich) - 2026-04-10 05:34 +0000
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Gunter Kühne <kuehne-g@freenet.de> - 2026-04-06 12:44 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Peter Veith <veith@snafu.de> - 2026-04-06 11:32 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2026-04-06 12:42 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Peter Veith <veith@snafu.de> - 2026-04-06 12:51 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Dietz Proepper <dietz.usenet@rotfl.franken.de> - 2026-04-07 00:44 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Goetz Schultz <ng.expire1230@goetz.co.uk> - 2026-04-06 11:42 +0100
The Hanky Code (was:Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten) Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2026-04-06 13:01 +0200
Re: The Hanky Code Goetz Schultz <ng.expire1230@goetz.co.uk> - 2026-04-06 13:53 +0100
[OT] Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2026-04-06 12:31 +0200
Re: [OT] Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Gunter Kühne <kuehne-g@freenet.de> - 2026-04-06 12:48 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten "F. W." <me@home.invalid> - 2026-04-09 12:41 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Hermann Riemann <nospam.ng@hermann-riemann.de> - 2026-04-09 17:06 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Stefan+Usenet@Froehlich.Priv.at (Stefan Froehlich) - 2026-04-10 05:35 +0000
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Gerhard Hoffmann <dk4xp@arcor.de> - 2026-04-09 18:14 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Gerhard Hoffmann <dk4xp@arcor.de> - 2026-04-09 18:22 +0200
Re: Gastbeitrag von Florence Gaub zu Zukunftsängsten Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2026-04-10 16:01 +0200
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