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Re: Europäische Atomwaffen

From Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org>
Newsgroups ger.ct
Subject Re: Europäische Atomwaffen
Date 2026-01-12 06:26 +0000
Message-ID <10k2467$36192$1@solani.org> (permalink)
References <10k22j7$7qh$1@solani.org> <10k23js$8cd$1@solani.org>

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SZ heute
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Georg Ismar11. Januar 2026, 16:36 Uhr
Ein Kampfflugzeug der Bundesluftwaffe landet auf dem Fliegerhorst Büchel.
Hier lagern bisher die amerikanischen Atombomben auf deutschem Boden.
Ein Kampfflugzeug der Bundesluftwaffe landet auf dem Fliegerhorst Büchel.
Hier lagern bisher die amerikanischen Atombomben auf deutschem Boden.
(Foto: Thomas Frey/dpa)
Brigadegeneral Frank Pieper hat seinen Beitrag sicherheitshalber als
„ABSOLUT und AUSSCHLIEẞLICH persönliche Meinung“ eingestuft. Denn was der
Direktor Strategie & Fakultäten an der Führungsakademie der Bundeswehr im
Netzwerk Linkedin vor ein paar Tagen gepostet hat, wagt bisher kaum jemand
in der Bundeswehr derart deutlich auszusprechen. Es wird aber nach der
amerikanischen Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro
und vor allem auch wegen Donald Trumps Grönland-Ankündigungen intern
zunehmend diskutiert.

Denn eine wie auch immer geartete Operation, um sich das zu Dänemark
gehörende Grönland einzuverleiben, kann nach Einschätzung der dänischen
Ministerpräsidentin Mette Frederiksen das Ende der Nato bringen. Und je
nach Eskalationsentwicklung in der Folge auch zum Ende des nuklearen
Schutzschirms der USA für Deutschland führen, mit dem Abzug der im
Fliegerhorst Büchel lagernden Atombomben der Amerikaner.

Das Jahr starte „brutal“, betont Pieper. Das Verhalten der USA zeige
deutlich, Deutschland und Europa könnten nicht mehr verlässlich auf die USA
und ihren Atomschirm bauen. Seine Folgerung: „Deutschland braucht eigene
Atomwaffen.“ Und zwar in erster Linie mobile taktische Atomwaffen. „Waffen,
die sich der finalen Bedrohung durch Russland entgegenstellen (können)“, so
Pieper. Sein Rat: „Raus aus den Federn und ran ans Arbeiten. Am Ende gilt,
was immer galt: Wenn es ernst wird, dann steht man alleine da.“

„Das Thema wird nur mit der Kneifzange angefasst, wie ein rohes Ei. Aber
wir müssen uns damit beschäftigen“

Auch der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter hat den Beitrag Piepers
geteilt. Kiesewetter hat wegen seiner Positionierungen in der
Unionsfraktion keinen leichten Stand, aber wenige im Bundestag kennen sich
sicherheitspolitisch so aus wie der Oberst a.D. Und Kiesewetter ventiliert
nun eine gewagte Idee, sozusagen auch als Denkanstoß für den Nationalen
Sicherheitsrat des Kanzlers. Denn die immer wieder geäußerte Überlegung,
Deutschland könne unter den französischen Atomschirm schlüpfen, wenngleich
deren Arsenal militärisch limitiert ist, birgt aus Sicht Kiesewetters auch
eine politische Unwägbarkeit. Bei den nächsten Wahlen könnte der
rechtsextreme Block um Marine Le Pen als Sieger hervorgehen.

„Das Thema wird nur mit der Kneifzange angefasst, wie ein rohes Ei. Aber
wir müssen uns damit beschäftigen, gerade auch mit Blick auf ein
Grönland-Szenario und seine Folgen für die Nato und das Verhältnis zu den
USA“, sagt Kiesewetter der SZ. Längst laufen nach Angaben von
Sicherheitsexperten auch in Ländern wie Schweden, Finnland und Polen solche
internen Überlegungen.

„Wenn der Schutz der Amerikaner endet, muss ein anderer Schutz an diese
Stelle treten. Es kann nicht im deutschen Interesse sein, dass sich um uns
herum ein Nukleararsenal entwickelt, ohne daran teilzuhaben“, betont
Kiesewetter. Deutschland könne sich an einem europäischen Schirm finanziell
beteiligen, ohne die Führung zu übernehmen. „Fachleute gehen von einer
Entwicklungszeit von etwa fünf Jahren aus. Ich gehe eher von zehn Jahren
aus.“ Und ja, es wären komplexe Fragen zu klären: Wer hat die
Kommandogewalt, wie sind die Entscheidungsmechanismen, wie würde ein
Einsatz ablaufen, wo würden die Bomben gelagert, wo Tests stattfinden?

Einem deutschen Alleingang stehen gleich zwei internationale Verträge
entgegen

Deutschland kann nicht einfach selbst versuchen, einen eigenen
Nuklearschutz zu entwickeln, es gibt sozusagen eine doppelte Haltelinie.
Die besteht zum einen aus dem Atomwaffensperrvertrag, dem sogenannten
„Nichtverbreitungsvertrag“ von 1968, der es Staaten wie Deutschland
völkerrechtlich untersagt, sich Atomwaffen zu beschaffen. Theoretisch
könnte der gekündigt werden, aber auch im abschließenden
Zwei-plus-Vier-Vertrag zur Wiedervereinigung wird das bekräftigt – und
dieser Vertrag lässt sich nicht einfach kündigen.

In Artikel 3, Absatz 1 heißt es: „Die Regierungen der Bundesrepublik
Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik bekräftigen ihren
Verzicht auf Herstellung und Besitz von und auf Verfügungsgewalt über
atomare, biologische und chemische Waffen. Sie erklären, dass auch das
vereinte Deutschland sich an diese Verpflichtungen halten wird.
Insbesondere gelten die Rechte und Verpflichtungen aus dem Vertrag über die
Nichtverbreitung von Kernwaffen vom 1. Juli 1968 für das vereinte
Deutschland fort.“

Allerdings ist eine finanzielle Beteiligung bei einer gemeinsamen
Entwicklung durchaus möglich, also ein am Ende womöglich ähnliches
Einsatzkonzept wie bei der bisherigen nuklearen Teilhabe mit den USA, bei
der Bundeswehrsoldaten im Ernstfall amerikanische Nuklearwaffen in ihr Ziel
fliegen würden. Dazu gibt es auch ein älteres Gutachten des
Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, noch aus der ersten
Präsidentschaft Donald Trumps.

„Wenn man den Zwei-plus-Vier-Vertrag aufschnüren würde, würde sich auch
gleich die Frage von Reparationen neu stellen“, glaubt Kiesewetter. „Daher
sollten wir einen anderen Weg gehen, eine Allianz mit anderen Staaten
bilden. Wir können finanzieren, solche Waffen stationieren, dürfen sie nur
nicht selbst herstellen und einen Einsatz selbst führen.“ Planung heiße
eben auch Eventualplanung. „Ein Staat, der wehrhaft sein will, muss sich
Denkräume schaffen, wo auch das Unwahrscheinliche, Gefährliche mitgedacht
wird“, so Kiesewetter.

Die Debatte um eigene Atomwaffen ist nicht neu, doch die Zeiten sind andere

Schon Kanzler Konrad Adenauer (CDU) und Verteidigungsminister Franz Josef
Strauß (CSU) wollten seinerzeit bei der Gründung der Bundeswehr eine eigene
nukleare Bewaffnung, zum Schutz gegen die Sowjetunion, aber auch weil es
Sorgen gab, dass die Amerikaner ihren Schutz versagen könnten. Adenauer sah
Atomwaffen als Fortentwicklung der Artillerie und „beinahe normale Waffen“,
wie er  1957 sagte. Das führte zu teils scharfem Protest und begründete die
Anti-Atom-Bewegung. Es ist mit Quellen belegt, wie misstrauisch dem Kanzler
später auch ein John F. Kennedy begegnete: Der US-Präsident drohte mit dem
Abzug der US-Truppen aus Deutschland, wenn Deutschland selbst nach der
Bombe streben würde.

Es gibt ein Protokoll der Kabinettssitzung vom 19. Dezember 1956, als es
auch um den Atomschutz der Amerikaner ging. Adenauer verweist darauf, dass
der Kongress der Vereinigten Staaten den Einsatz von Atomwaffen beschließen
müsse. Eine solche Beschlussfassung sei „doch irreal“. Das Gleiche gelte
für den einstimmigen Beschluss der Nato-Staaten. „Es sei daher dringend
erforderlich, dass die Bundesrepublik selbst taktische Atomwaffen besitze“,
vermerkt das Protokoll. Adenauer konnte sich nicht durchsetzen, von der
Idee eines Atomwaffensperrvertrags hielt der Kanzler herzlich wenig, ebenso
ein Franz Josef Strauß.

Nun sind die Zeiten ganz andere, und das Misstrauen hinsichtlich der
US-Regierung geht deutlich tiefer. In einem Artikel für die Publikation
Foreign Affairs raten die Professoren für internationale Sicherheit und
internationale Beziehungen an der Universität von Oklahoma, Moritz S.
Graefrath und Mark A. Raymond: „America’s Allies Should Go Nuclear“. Eine
begrenzte Weiterverbreitung von Atomwaffen werde die globale Ordnung
stärken, glauben sie.

SPD-Politiker Rolf Mützenich warnt vor einem „atomaren Armageddon“ – und
setzt auf Diplomatie

Wer mit solchen, aber auch mit Kiesewetters Überlegungen wenig anfangen
kann, ist Rolf Mützenich. Der langjährige SPD-Fraktionschef und
Außenpolitiker hat sich schon vor 35 Jahren in seiner Dissertation mit dem
Thema „Atomwaffenfreie Zonen und internationale Politik“ befasst. In einem
aktuellen Beitrag für die Publikation Internationale Politik und
Gesellschaft befürchtet er ein neues nukleares Zeitalter, zumal fast alle
wichtigen Verträge zur Abrüstung zwischen Russland und den USA gekündigt
worden seien oder ausliefen.

Er warnt, auch andere Staaten, Länder wie Saudi-Arabien, könnten bei einer
solchen Aufrüstung nach der Atombombe greifen und die Zahl der Staaten mit
Atomwaffen auf etwa 20 steigen. Der Welt drohe dann „ein atomares
Armageddon“. Derzeit gelten neun Länder als Atomwaffenstaaten: USA,
Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Israel, Indien, Pakistan und
Nordkorea.

Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung betont Mützenich, er sei daher
strikt gegen Vorschläge wie jenen des Koalitionskollegen Kiesewetter.
„Selbst bei einer indirekten Beteiligung, ob finanziell oder auch bei der
Lagerung solcher Waffen, wäre das nicht mit dem Atomwaffensperrvertrag und
dem Zwei-plus-Vier-Vertrag zu vereinbaren“, glaubt er.

Man dürfe bei allen Herausforderungen durch das Agieren der Vereinigten
Staaten jetzt nicht eine Entwicklung unterstützen, bei der immer mehr
Staaten nach eigenen Atomwaffen streben. „Wir müssen stattdessen unbedingt
durch Verhandlungen und Diplomatie die Rüstungskontrolle wieder stärken,
auch wenn sich die internationalen Kontrollregime gerade auflösen. Auch
China sollte man versuchen mit einzubeziehen“, betont Mützenich. Eines sei
für ihn jedenfalls bei allen Unwägbarkeiten gerade ziemlich klar: „Eine
Welt mit noch mehr Atomwaffenmächten wäre noch unsicherer.“

-- 
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Eiropäische Atomwaffen Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2026-01-12 05:59 +0000
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                Re: Eiropäische Atomwaffen Michael Bode <m.g.bode@web.de> - 2026-01-13 18:28 +0100
                Re: Eiropäische Atomwaffen Ulf Kutzner <user2991@newsgrouper.org.invalid> - 2026-01-14 10:09 +0000
          Re: Eiropäische Atomwaffen Gunter Kühne <kuehne-g@freenet.de> - 2026-01-12 19:40 +0100
        Re: Eiropäische Atomwaffen Shinji Ikari <shinji@gmx.net> - 2026-01-12 08:41 +0100
          Re: Eiropäische Atomwaffen Ruediger Lahl <ruediger.lahl@gmx.de> - 2026-01-12 11:09 +0100
            Re: Eiropäische Atomwaffen Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2026-01-12 10:17 +0000
              Re: Eiropäische Atomwaffen Shinji Ikari <shinji@gmx.net> - 2026-01-12 14:31 +0100
                Re: Eiropäische Atomwaffen Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2026-01-12 13:36 +0000
                Re: Eiropäische Atomwaffen Gerhard Hoffmann <dk4xp@arcor.de> - 2026-01-12 16:06 +0100
                Re: Eiropäische Atomwaffen Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2026-01-12 15:20 +0000
                Re: Eiropäische Atomwaffen Ulf Kutzner <user2991@newsgrouper.org.invalid> - 2026-01-13 09:14 +0000
                Re: Eiropäische Atomwaffen Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2026-01-12 17:59 +0100
            Re: Eiropäische Atomwaffen Shinji Ikari <shinji@gmx.net> - 2026-01-12 14:29 +0100
          Re: Eiropäische Atomwaffen Martin Pochert <pochert.no.spam@gmx.de> - 2026-01-12 19:54 +0100
            Re: Eiropäische Atomwaffen Shinji Ikari <shinji@gmx.net> - 2026-01-13 01:27 +0100
    Re: Eiropäische Atomwaffen Gunter Kühne <kuehne-g@freenet.de> - 2026-01-12 19:38 +0100
  Re: Eiropäische Atomwaffen Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> - 2026-01-12 11:11 +0100
    Re: Eiropäische Atomwaffen Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2026-01-12 10:20 +0000
    Re: Europäische Atomwaffen Hermann Riemann <nospam.ng@hermann-riemann.de> - 2026-01-12 12:10 +0100

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