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| From | Fidel Sebastián Hunrichse-Lara <Fidel-Sebastian_Hunrichse_Lara@b.maus.de> |
|---|---|
| Newsgroups | ger.ct |
| Subject | Re: Orwell |
| Date | 2026-01-11 10:48 +0100 |
| Organization | A noiseless patient Spider |
| Message-ID | <10jvrl3$3pmd3$4@dont-email.me> (permalink) |
| References | (5 earlier) <mscm6sF4b9nU1@mid.individual.net> <9t69625237i30a2d9n3e8%sfroehli@Froehlich.Priv.at> <10ju5nk$3b7cd$4@dont-email.me> <3t6962da80i189861n3e8%sfroehli@Froehlich.Priv.at> <10jvi1k$34bso$1@solani.org> |
Salve allerseits, Dr. Joachim Neudert schrieb: > Am 11.01.26 um 00:03 schrieb Stefan Froehlich: >> On Sat, 10 Jan 2026 19:28:04 Fidel Sebastián Hunrichse-Lara wrote: >>> Stefan Froehlich schrieb: >>> >>>> Joachim braucht [die Klimakatastrophe] nicht zu beunruhigen, der >>>> hat ausreichend Geld, um bis an sein Lebensende die für ihn >>>> relevanten Folgen kompensieren zu können. Und was danach kommt >>>> braucht ihn ja nicht zu kümmern. >>> >>> Ich traue unserem iDoc durchaus zu, auch für die nachfolgende >>> Generation vorzusorgen! Ein selbstständiger Kardiologe sollte es >>> locker auf brutto €UR 350.000/Jahr bringen – da muss sich seine >>> Tochter so schnell keine Sorgen machen... (^▽^) 👔 >> >> Das Problem ist, dass die Welt irgendwann nicht mehr sehr angenehm >> sein wird, um darin zu leben (und zwar insbesondere dann, wenn man >> den Zustand davor noch erlebt hat). Auch das wird mit Geld besser >> sein als ohne, aber dennoch nicht schön. > > Lieutenant Dan: "Um Geld brauchen wir uns nie mehr Sorgen zu machen!" > Forrest Gump: "Gut so. Eine Sorge weniger". Das ist tatsächlich alles. > +--- <hier abknabbern> --- Siegen mache dumm, sagt der Historiker Philipp Blom mit Verweis auf den Westen seit 1989. Die liberalen Gesellschaften sieht er in einer gewaltigen Sinnkrise gefangen. Ein Gespräch darüber, was gegen den Narzissmus der Gegenwart helfen könnte. Der Historiker und Philosoph Philipp Blom ist Autor von mehr als 20 Büchern. Er schrieb internationale Bestseller wie „Der taumelnde Kontinent“, „Die zerrissenen Jahre“ und „Böse Philosophen“. Gerade ist sein neues Buch erschienen: „Hoffnung. Über ein kluges Verhältnis zur Welt“ (Hanser, 184 Seiten, 22 Euro). Blom, 1970 in Hamburg geboren, lebt in Wien. *WELT*: Die Soziologin Eva Illouz begann ihre Dankesrede anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises mit „einer merkwürdigen Paradoxie: Wir leben in beispiellosem Wohlstand unter dem Schutz früher unbekannter Menschenrechte und doch war die Opferrolle noch nie so weitverbreitet wie heute.“ *Philipp Blom*: Angenommene Opferrollen haben etwas Toxisches. Sie verleihen denen, die sich selbst so identifizieren, eine prinzipielle Unschuld, Anspruch auf besondere Behandlung. Das ist eine moralische Infantilisierung: Ich trage keine Verantwortung, bin nicht schuldig, im Gegenteil, die Welt hat sich an mir schuldig gemacht und schuldet mir etwas. Einerseits erkennt man darin einen sehr christlichen Mechanismus, schließlich hat sich Christus selbst geopfert und auch seine Märtyrer taten es, und ihr Opfer brachte die Erlösung. Es passt aber auch stark zu einer kapitalistischen Kultur und hat auch eine stark narzisstische Seite, denn Verbraucher sind Narzissten, deren inflationäres Selbstbild sich in Geld verwandeln lässt. In einer Welt der konkurrierenden Individualisten wollen wir beweisen, dass wir besonders sind und im Zweifel findet sich der Anspruch darauf in der Opferrolle. Aber wenn sich alle für Opfer halten, dann wird niemand Verantwortung übernehmen. *WELT*: Sie sprechen von einer Sinnkrise, die geprägt sei von der nostalgischen Verklärung der Vergangenheit und einem Feuerwerk düsterer Erwartungen für die Zukunft. „Wir haben eine Worst-Case-Society gebildet. Deutschland schafft sich ab. The house is on fire“, zitieren Sie provokant Katastrophisten. Das ist aber doch nur die halbe Wahrheit, oder? *Blom*: Diese düsteren Erwartungen stammen ja nicht von mir. Aber machen wir uns nichts vor: Wir gehen auf eine schwierige und sehr wahrscheinlich katastrophale Zukunft zu, zwischen Klimakrise, Biodiversitätsverlust, Kriegen und nuklearen Drohungen, etc., das kennen wir alle. Und ja: Es ist Feuer am Dach. Aber hier muss man auch unterscheiden. Die Sinnkrise hat nicht ursächlich etwas mit diesen Phänomenen zu tun, obwohl sie einander sicher verstärken. Die Sinnkrise hat damit angefangen, dass wir, wie Nietzsche gesagt hätte, Gott ermordet haben und seitdem ein Loch in unserem Weltbild und unserer Sehnsucht nach Sinn und Sicherheit haben. Im 20. Jahrhundert gab es gigantische Massenversuche, dieses Loch mit -Ismen zu stopfen: Faschismus, Sozialismus, Bolschewismus, Kapitalismus, etc. Keiner davon hat es wirklich geschafft, dieses Loch zu füllen, aber wir scheinen ein Bedürfnis danach zu haben, an etwas glauben zu können, an eine objektive Wahrheit, eine letztgültige Ordnung, ein kosmisches Gesetz. Nur ist das in der Metaphysik eben schwerer als in der Physik. *WELT*: Der Kapitalismus ist aber doch noch wirkmächtig. *Blom*: Das Wirtschaftsmodell und die Weltsicht, die in so kurzer Zeit so immense, historische Erfolge und einen so gigantischen wirtschaftlichen Aufschwung geschaffen hat, hat sich inzwischen durch seine Auswirkung auf die Natur gegen uns gekehrt und es fehlt den westlichen Gesellschaften im Moment an einem glaubhaften Zukunftsmodell, an einem gemeinsamen Projekt. Das ist schon genug für eine saftige Sinnkrise. *WELT*: Haben die Menschen tatsächlich das Vertrauen in die Demokratie verloren oder sind sie nicht einfach nur von vielem überfordert? Denn zweifelsohne werden hiesige Gesellschaften durch Migration, neue Technologien, Landflucht, neue Geschlechterverhältnisse, Automatisierung regelrecht „umgepflügt“, wie Sie selbst sagen. *Blom*: Ich glaube, wir unterschätzen, wie schlüsselhaft hier die neuen Technologien sind, die unser Leben in allen Aspekten vollkommen verändern, von Freundschaften und Beziehungen bis zum Dating, vom Arbeiten bis zum Selbstbild, von Meinungssilos bis hin zu Revolutionen, die auf Social Media beginnen. Das ist zu viel, um so schnell aufgenommen und verstanden zu werden, und es schafft eine Welt, die unheimlich ist; so viel auf uns einprasselnde Information und so viele Anforderungen überfordern unsere armen Primatenhirne. Da wird es einfacher, sich auf das eigene Opfersein, auf die eigene Demütigung zurückzuziehen, weil es doch unmöglich scheint, das eigene Leben innerhalb der Demokratie noch sinnvoll zu gestalten. Also will man den Systemwechsel, den Elefanten im Porzellanladen, der einmal alles zerschlägt, was einen klein hält und was man hassen gelernt hat. *WELT*: Soziologische Essays markieren die Jetztzeit als eine der „Verluste“, der „Abschiede“, der „Anpassung“. Vielleicht ist so die Idee der Beharrungskräfte und der Wunsch nach Verlangsamung des unvermeidlichen Wandels verständlich. Was ist so schlecht daran? *Blom*: An sich nichts. Aber einerseits gibt es kein Zurück in der Geschichte. Wir können historische Entwicklungen genauso wenig zurückdrehen, wie wir jünger werden können. Andererseits war die Vergangenheit nie so, wie Menschen es im Nachhinein meinen. Das ist mit persönlichen Erinnerungen so und noch mehr mit kollektiven. Unsere Idee von einer Vergangenheit ist immer das Gegenbild davon, was in der Gegenwart falsch zu sein scheint. Andererseits scheint es mir deutlich, dass gerade in diesem historischen Moment, mit der Klimakrise und mit Trump in den USA und Putins Soldaten in der Ukraine, entschiedenes und mutiges Handeln notwendig ist. Und das lässt sich nur selten mit Nostalgie verbinden. *WELT*: Ihre Gedanken kreisen um Hoffnung als grundsätzlicher Einstellung zum Leben. Was hat Hoffnung mit Zukunft zu tun? *Blom*: Hoffnung ist eine Idee, die aus einer jüdisch-christlichen Kultur stammt, denn es geht ja darum, dass die Zukunft gestaltbar ist, dass sie anders sein könnte als die Gegenwart. Das hat die jüdische Erwartung auf die Rückkunft des Messias in die Geschichte gebracht. Aber auch in einem sekundären Kontext ist Hoffnung damit verbunden, dass meine Zukunft gestaltbar ist, dass sie besser werden könnte. Václav Havel hat sehr schön beschrieben, dass das nichts mit Optimismus zu tun hat. Für ihn lag Hoffnung darin, etwas Sinnvolles zu tun, weil es sinnvoll ist, ohne Erfolgsgarantie. Damit kann ich mich identifizieren. *WELT*: Wie kann die große Erzählung von der liberalen Demokratie, dem globalen freien Markt und der rechtsbasierten Ordnung wieder Kraft gewinnen? Denn vorbei ist sie noch lange nicht. *Blom*: Nein, es muss nicht vorbei sein. Ich werde immer wieder nach historischen Parallelen gefragt, aber als Historiker kann man eigentlich nur eins sagen: Geschichte ist unvorhersehbar und verläuft nie linear. Das, was jetzt stark und selbstverständlich ist, kann schon morgen völlig weggewischt werden und ist übermorgen vergessen. Das Unmögliche kann jederzeit geschehen. Gerade deswegen ist es wichtig, Demokratien zu stärken in einer Zeit, in der sie wirklich zu wanken beginnen. Und was könnten wir anders machen? Dazu nur ein Gedanke. Siegen macht dumm. Der Sieg der liberalen Welt war nach 1989 so überwältigend, dass sich viele Menschen im Westen keine fundamentalen Fragen mehr gestellt haben. Ich glaube, es ist an der Zeit, eine sehr grundlegende Diskussion zu beginnen. *WELT*: Auch wenn viele Angst vor der Zukunft haben, empfinden sie ihr Leben ja nicht als sinnlos oder fühlen sich als Sisyphus. Die Schwere, die derzeit über vielen Fragen liegt, hindert aber an einem spielerischen, auch leichteren Umgang mit einer Ungewissheit, die es immer geben wird. Wie lernt man, diese Ungewissheit anzunehmen? *Blom*: Oh, das ist eine Lebensaufgabe. Unser Leben ist längst nicht so planbar und so rational, wie wir es uns gerne weismachen. Die Ordnung, in der wir leben, ist kaum mehr als eine hastig zusammengezimmerte Kulisse. Das heißt aber auch, dass es andere und vielleicht interessantere Möglichkeiten gibt, als Individuum oder als Gesellschaft zu leben, dass es Möglichkeiten der Schönheit in der Vergänglichkeit gibt, die durch nichts zu ersetzen sind, auch nicht durch ein Foto auf Instagram. Ungewissheit schafft auch Offenheit, einen Möglichkeitsraum. *WELT*: Hoffnung ist auch eine politische Angelegenheit. Denn sie öffnet auch die Tür zur Freiheit. Ihre Gedanken zur „happiness of the pursuit“ statt des bekannten „pursuit of happiness“ sind faszinierend. *Blom*: Ja, Sie haben recht. Hoffnung ist eine politische Angelegenheit, weil sie vor allem aktiv ist. Es hat ja keinen Sinn, wie ein kleiner Hund dazusitzen und zu warten, bis was vom Tisch abfällt. Hoffnung muss man praktizieren, und dafür braucht man eine gewisse Fähigkeit, die sich kultivieren lässt, eine Disziplin. Freiheit entsteht aus dieser Disziplin, denn erst dann kann ich meine Zukunft tatsächlich selbst gestalten. Außerdem verbringe ich den größten Teil meines Lebens nicht am erreichten Ziel, sondern auf dem Weg dahin. +--- </hier abknabbern> --- ©<https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/plus254821498/Wir-gehen-auf-eine-schwierige-und-wahrscheinlich-katastrophale-Zukunft-zu.html> M.f.G. -- Diese E-Mail-Adresse wird nur aus nostalgischen Gründen verwendet. Sie wird praktisch nie gelesen. Das MausNet ist nicht tot – es riecht nur etwas komisch... ;-)
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Orwell Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2026-01-08 06:33 +0000
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Re: Orwell Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2026-01-09 16:06 +0100
Nachtrag Re: Orwell Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2026-01-09 16:12 +0100
Re: Nachtrag Re: Orwell Peter Veith <veith@snafu.de> - 2026-01-09 16:26 +0100
Re: Nachtrag Re: Orwell Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2026-01-09 15:33 +0000
Re: Nachtrag Re: Orwell Hermann Riemann <nospam.ng@hermann-riemann.de> - 2026-01-09 16:51 +0100
Re: Nachtrag Re: Orwell Goetz Schultz <ng.expire1230@goetz.co.uk> - 2026-01-09 16:11 +0000
Re: Nachtrag Re: Orwell Ulf Kutzner <user2991@newsgrouper.org.invalid> - 2026-01-09 16:22 +0000
Re: Nachtrag Re: Orwell "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2026-01-09 17:24 +0100
Re: Nachtrag Re: Orwell Michael Bode <m.g.bode@web.de> - 2026-01-09 17:53 +0100
Re: Nachtrag Re: Orwell Walter Brill <WalterBrill@t-online.de> - 2026-01-10 12:43 +0100
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Re: Nachtrag Re: Orwell Ruediger Lahl <ruediger.lahl@gmx.de> - 2026-01-09 17:36 +0100
Re: Nachtrag Re: Orwell Jochen Kremer <jochen.news@kremerweb.de> - 2026-01-10 02:28 +0100
Re: Orwell Peter Veith <veith@snafu.de> - 2026-01-09 16:23 +0100
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