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| From | "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> |
|---|---|
| Newsgroups | ger.ct |
| Subject | "Der Wettbewerb des Leidens" |
| Date | 2025-08-26 08:42 +0200 |
| Message-ID | <108jl03$l019$1@solani.org> (permalink) |
Von Werner Bartens, dem Autor des "Ärzte-Hasser Buches". Er ist vom 1. August, ich habe es aber erst heute gelesen nachdem die Leserbrief-Spalte voller wütende Kommentare über sein Essay war. Dr. Werner Bartens ist Arzt, der aber schnell aus der kurativen Medizin ausgestiegen ist weil ihm das zu schwierig war, und wurde lieber Journalist. Hier hat er aber mal wieder einen Punkt getroffen: ======================== Der Wettbewerb des Leidens Warum machen eigentlich so viele Menschen ihre Krankheiten und Lebensphasen in Ratgeberbüchern oder auf Social-Media-Kanälen zum Thema und behaupten dann, sie würden endlich über ein gesellschaftliches Tabu sprechen? Essay von Werner Bartens 1. August 2025 | Lesezeit: 7 Min. Willst du was gelten, mach dich selten. Willst du was schreiben, schreib über Leiden. Als Steigerung dieser gereimten Lebensweisheiten bleibt da noch – eins und eins zusammengezählt – das Schreiben über seltene Leiden. Diese Erfolgsformel hat sich auf dem Buchmarkt, auf Social Media und im Journalismus jedenfalls bewährt. Und da genaue Informationen über den Umgang mit Krankheiten und die medizinische Versorgung in Deutschland schwer zu bekommen sind (Datenschutz! Föderalismus! Schlechte klinische Studien!), braucht es den mutigen Schritt nach vorn: Schonungslos werden Tabus enthüllt und versteckte Leiden aufgedeckt – oder wie im November 2024 beim „Bild-Tabu-Bru(n)ch“ im Berliner Axel-Springer-Neubau: Wird offen gesprochen „über Krankheiten, über die sonst niemand spricht“. Spätestens wenn Deutschlands längst nicht mehr so große größte Tageszeitung über Tabus aufklärt und mit sechs Frauen („Sie sind mutig. Sie sind stark. Sie sind krank.“) Themen wie Migräne und Endometriose aufgreift, ahnt man, dass hier keine exklusiven Geheimnisse preisgegeben werden. Im Gegenteil. Sobald in Berichten über Krankheiten von Tabus die Rede ist, kann man sicher sein, einem Massenphänomen auf der Spur und in der „Mitte der Gesellschaft“ (Frank-Walter Steinmeier, Udo Jürgens) angekommen zu sein. „Worüber wir sonst nicht gerne sprechen“, stand im Untertitel des Bild-Textes. Falsch, viele Menschen sprechen über kaum etwas anderes so ausführlich wie über die eigenen Leiden und Befindlichkeiten. Wer rechtfertigen will, dass er/sie/es das leidige Leidensthema schon wieder aufgreift, muss es nur präventiv als Tabu bezeichnen. Dann traut sich kaum jemand, den Redefluss mit den Zwischenrufen „wie langweilig“ oder „nicht schon wieder“ zu unterbrechen. Es geht im hart umkämpften Gesundheitsmarkt auch um Verteilungsgerechtigkeit Belege gefällig? Man suche in einschlägigen Datenbanken nach Gesundheitsthemen und beliebten Tabu-Klassikern wie Endometriose, Wechseljahre, Migräne – und auch immer dabei: Depressionen. Der Blick ins SZ-Archiv listet seit dem Jahr 2020 immerhin 1308 Artikel in deutschsprachigen Medien auf, in denen es um Endometriose geht, also mindestens jeden zweiten Tag einen. Für die Wechseljahre finden sich 2340 Treffer, statistisch jeden Tag ein Beitrag. Die Migräne, über die außer Bild-Redakteuren beim Brunch angeblich niemand spricht, kommt in 3928 Texten vor und das Tabu-Thema Depressionen gar in mehr als 29 000 Artikeln. Man kann nicht behaupten, dass hier etwas verschwiegen wird. Vielmehr gilt: Es ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von allen. Nun ist es ja löblich, über Krankheiten und ihre Behandlung aufzuklären. Dass sich für Erkrankungen und Beeinträchtigungen aller Art niemand schämen muss, verdient ebenfalls immer wieder Beachtung. Doch weil eine ausführliche Berichterstattung über Krankheiten nicht nur Aufmerksamkeit generiert, sondern in der Folge Fördermittel üppiger fließen, Forschungseinrichtungen besser finanziert werden und Autoren, Ärzte und Wissenschaftler Karrieren darauf aufbauen, sind die Verzerrungen nicht nur von anekdotischem Interesse. Längst ist ein Wettbewerb des Leidens entstanden, der das, was angeblich tabu ist, zu Modediagnosen werden lässt, die große Teile der öffentlichen Wahrnehmung binden. Krankheiten wie Rheuma, Gicht, Arthrose, Herzinsuffizienz oder Bluthochdruck haben diesen Bonus nicht, auch wenn sie weitaus häufiger vorkommen. Es geht im hart umkämpften Gesundheitsmarkt auch um Verteilungsgerechtigkeit. Während mit der Lust am besonders originellen Leid neue Märkte erschlossen werden, gibt es als unerwünschte Nebenwirkung manchmal handfeste Nachteile für Patienten und solche, die es nicht werden wollen: So sind etliche Fälle dokumentiert, in denen die gut gemeinte Aufklärung über psychische Beeinträchtigungen während der Pandemie dazu geführt hat, dass zeitweilige Traurigkeit, gelegentliche Konzentrationsschwäche oder nervöse Unruhe vorschnell als Depression, Sozialphobie oder ADHS klassifiziert wurden. Alltägliche Schwankungen des Gemüts wurden pathologisiert und zur medizinischen Diagnose. Wo ist eigentlich der Promi, der erklärt, dass er Gicht, Schuppenflechte oder Wasser in den Beinen hat? Wissenschaftler warnen bereits davor, dass immer häufiger ADHS-Selbstdiagnosen anhand von Tiktok-Videos gestellt werden – obwohl die Informationen in den Clips oft falsch oder irreführend sind. Da die Krankheit in vielen Videos verharmlosend als originell, als Zeichen für Kreativität oder wenigstens liebenswerte Marotte dargestellt wird, ist der Drang zur Nachahmung groß. Mit der Popularität des Social-Media-Kanals „Gewitter im Kopf“ über das Tourette-Syndrom kam es zum Anstieg tic-ähnlicher Symptome und entsprechender Arztbesuche, obwohl die in den Clips gezeigten Beschwerden völlig untypisch waren. Fachleute bezweifelten, dass die Influencer tatsächlich an der Störung litten und sprachen von „virtueller Ansteckung“ durch Social Media. Im Sog der Popularisierung angeblich tabuisierter Krankheiten behaupten immer mehr Prominente, von einem der Vorzeigeleiden betroffen zu sein, und bekennen sich zu Diagnosen wie Depression, ADHS oder Endometriose. Nicht immer gelingt es Erkrankten wie dem Comedian Kurt Krömer, ein heiteres und aufrichtiges Buch zum Thema zu schreiben, bei dem trotzdem das Leben mit Depression und nicht die Selbstinszenierung im Vordergrund steht. Doch ob tatsächlich oder angeblich betroffen, spielt für das anschließende Medienphänomen keine Rolle, denn die Bekenntnisse ziehen weitere Nachahmer an, gemäß dem Motto: Das hab’ ich bestimmt auch! Wo ist eigentlich der Promi, der erklärt, dass er Gicht, Schuppenflechte oder Wasser in den Beinen hat? Das Strickmuster der Selbstbekenntnisse ähnelt sich verblüffend oft: Erst wird ein Leiden zum Tabu erklärt. Betroffene schildern, wie lange sie vergeblich Hilfe gesucht haben. Doch leider kennen die vielen ignoranten Ärzte die Krankheit nicht oder tabuisieren sie, bis nach einer entbehrungsreichen Odyssee endlich Erlösung in Form eines Heilers – gerne auch einer Heilerin – naht, der/die „ganzheitlich“ arbeitet (wahlweise „integriert“, „komplementär“, oder mit „sanften“ Heilmethoden) und sich mit dem Thema auskennt. Die Gurus finden sich typischerweise in einer überteuerten Privatpraxis mit angeschlossenem Shop und eigenem Social-Media-Kanal. Im Zuge dieser schwer phrasenlastigen Narrative sind in den vergangenen Jahren einige Medizinerinnen zu Heldinnen der Bewegung aufgestiegen. Sheila de Liz etwa. Sie konterkariert die Aufklärung über Risiken der Hormongabe in den Wechseljahren, indem sie „bioidentische“ und „natürliche“ Hormone anpreist und deren nicht weniger riskante Einnahme zur Selbstermächtigung der Frauen verklärt. Mandy Mangler, Chefärztin mit fünf Kindern, gilt als Galionsfigur einer „feministischen Gynäkologie“ und Rettung für Frauen mit Endometriose. Ihre biografische Leistung überstrahlt offenbar alles, sodass man sich angesichts solcher Zuschreibungen kaum zu fragen traut, was nicht-feministische Gynäkologen beruflich so treiben und ob man wirklich demnächst zum maskulinistischen Urologen muss. Doch zurück zur eigentlichen Frage: Wieso muss über eigene Befindlichkeiten eigentlich wie in einer Dauerwerbesendung geredet und geschrieben werden, obwohl sie weder neu sind (die Endometriose wurde bereits im 19. Jahrhundert beschrieben) noch tabu? Von Ärzten verkannt wird die Endometriose auch nicht, wie das zehn eng bedruckte Seiten lange Kapitel in einem Lehrbuch der Frauenheilkunde aus den 1980er-Jahren belegt, das alle wesentlichen Aspekte des Leidens aufführt. Wieso dennoch diese permanente Nabelschau, dieser unaufhörliche Bekenntnisdrang mit sich wiederholenden Bulletins über den eigenen Körper? Gibt es eigentlich noch Frauen, die sich bei Schmerzen im Unterleib nicht verunsichert fragen, ob sie an Endometriose leiden? Interessiert es die Mitmenschen wirklich so brennend, was da alles wallt und fließt und säftelt? „Ich komme in die Wechseljahre“, teilt eine Influencerin ihren Followerinnen voller Zeigestolz mit, so als habe sie nach tagelangen Irrwegen durch die Wüste endlich eine Oase erreicht. Andere Frauen beschreiben ihre Schwangerschaftsstreifen, ihre Blasenschwäche, ihre Monatsblutungen und das „zyklusorientierte Leben“ (SZ-Magazin), das sie neuerdings führen, auch wenn das Schlagwort „Cycle Sync“ schwer nach Fahrradergometer oder einer Firma von Elon Musk klingt. Wenn Frauen angeblich so viel mehr mit Freundinnen über ihre Gefühle und ihr Befinden reden, warum müssen sie dann auch noch andauernd darüber schreiben? Interessiert es die Mitmenschen wirklich so brennend, was da alles wallt und fließt und säftelt? Bei Männern ist es offenbar anders. Sie reden und schreiben eher weniger über ihre Impotenz, die Pendelhoden, ihre vergrößerte Prostata oder die Schamgefühle bei Gynäkomastie – also die Ausprägung einer männlichen Brust. Bücher und Texte über Muskelschwund und frühe Glatzenbildung finden sich kaum, auch wenn diese Veränderungen ihres Körpers womöglich ebenso viel mit dem Selbstverständnis als Mann zu tun haben wie die Bekenntnisse der Frauen mit ihrem weiblichen Selbstbild. Natürlich gibt es Ausnahmen. Als der damalige Bayern-Trainer Julian Nagelsmann nach einem 5:0-Auswärtssieg in Stuttgart im Dezember 2021 die Journalisten wissen ließ, dass er „eine schwache Blase“ habe, „ungern aufs Bus-Klo“ gehe und sich erst ein Bier auf der Rückfahrt gönnen werde, wenn die legendären Anschlussstellen Odelzhausen/Adelzhausen passiert seien, kommentierte die SZ: „Nicht nur für die Stuttgarter enthielt dieses Spiel am Ende ein paar Details zu viel.“ Aber wahrscheinlich wird Nagelsmann für die tabulose Enthüllung seiner Last mit der Harnlast als moderner Mann gefeiert und nach dem nächsten WM-Aus ein Selbsthilfebuch für Busreisende mit schwacher Blase schreiben. Andere würden sagen: too much information. Inzwischen ist durchdiagnostiziert und Anders-als-die-anderen-und-immer-darüber-Reden das neue Normal Der Regisseur Helmut Dietl hat in seiner wunderbaren Komödie „Schtonk“ die Banalität von körperlichen Entblößungen parodiert, denen kein weiterer Erkenntnisgewinn innewohnt, außer dass sie alle kennen: In einer Szene des Films beugen sich Redakteure des Magazins „HHpress“ (gemeint ist natürlich der Stern) über die gefälschten Hitler-Tagebücher und meinen ein intimes Bekenntnis des Führers darin zu entziffern: „Die übermenschlichen Anstrengungen der letzten Zeit verursachen mir Blähungen im Darmbereich und Eva sagt, ich habe Mundgeruch.“ Nicht jeder Furz ist von Bedeutung für die Weltgeschichte. Aber man kann es ja mal probieren und sich dem Wettbewerb des Leidens und der Konkurrenz der Geplagten stellen. Offenbar kann es damit gar nicht früh genug losgehen. Bei Hanser ist im Frühjahr 2025 das Buch „Richtig anders – anders richtig“ erschienen, das Kinder ab elf Jahren und „alle interessierten Erwachsenen“ dazu ermutigen will, „selbstbewusst neurodivergent“ zu sein. Laut Verlag gibt das Buch „einen positiven Einblick in die Vielfalt unserer Gehirne von ADHS, Hochsensibilität und -begabung, Autismus, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie und mentaler Gesundheit“. Genauso könnten hier einschlägige Titel anderer Verlagsprogramme genannt werden wie „Nicht falsch, nur neurodivergent“, „Ein Kopf voll Gold“, „Von Neurodiversen und Normalos“ oder „Autistisch? Kann ich fließend“. Früher war die Berufsbezeichnung „Lehrer“ in Arztwitzen ein Teil der Diagnose. Inzwischen haben sich die Rollen umgekehrt. Ob an Grundschule, Hauptschule, Realschule oder Gymnasium: Fast jedes Kind hat mittlerweile ein Attest und eine Diagnose vorzuweisen; die Schwerbegabten und die mit einer kombinierten Schwäche in Chemie und Religion sowieso, aber natürlich auch die Kinder mit Sozialphobie, ADHS, Tourette, Asperger und Co. Einige brauchen regelmäßige Auszeiten während des Unterrichts, manche Medikamente und sowieso alle besondere Rücksichtnahme abgestimmt auf den individuellen Förderbedarf. Wie benachteiligt muss sich da eine 16-Jährige in diesem Klassenkampf des Leidens vorkommen, wenn sie keine Diagnose zu bieten hat, nicht eine einzige? Vielleicht sollte man ein Buch über sie schreiben. Im Mittelpunkt stünde, wie schwer es ist, dermaßen normal zu sein. Obwohl, normal ist das ja gar nicht mehr. Inzwischen ist durchdiagnostiziert und Anders-als-die-anderen-und-immer-darüber-Reden das neue Normal. ============== -- Bitt um Vrzihung, di Tast " " klmmt manchmal...
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"Der Wettbewerb des Leidens" "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2025-08-26 08:42 +0200
Re: "Der Wettbewerb des Leidens" Ulf Kutzner <user2991@newsgrouper.org.invalid> - 2025-08-26 07:24 +0000
Re: "Der Wettbewerb des Leidens" "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2025-08-26 09:28 +0200
Re: "Der Wettbewerb des Leidens" Michael Bode <m.g.bode@web.de> - 2025-08-26 20:06 +0200
Re: "Der Wettbewerb des Leidens" Hermann Riemann <nospam.ng@hermann-riemann.de> - 2025-08-27 04:34 +0200
Re: "Der Wettbewerb des Leidens" Joerg Walther <joerg.walther@magenta.de> - 2025-08-27 16:59 +0200
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