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| From | Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> |
|---|---|
| Newsgroups | ger.ct |
| Subject | Re: Das russische Volk wehrt sich? |
| Date | 2022-10-17 18:41 +0000 |
| Message-ID | <tik7le$dmou$1@solani.org> (permalink) |
| References | (1 earlier) <tik1un$3g2cn$1@dont-email.me> <jr5iq1F50tcU1@mid.individual.net> <tik4ps$d4i5$1@solani.org> <tik5dk$d50l$1@solani.org> <1t634d99cci16c74an3e8%sfroehli@Froehlich.Priv.at> |
Stefan Froehlich <Stefan+Usenet@Froehlich.Priv.at> wrote: > On Mon, 17 Oct 2022 20:03:32 Dr. Joachim Neudert wrote: >> Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> wrote: >>> Stefan Zweig: Die Welt von gestern. > >>> Wie nach 700 Jahren Habsburger Monarchie 1918 alles was so lange >>> fix war und gesichert war- plötzlich weggeblasen war. Der Kaiser >>> im Exil. Das Wiener Hofzeremoniell. Alle Adeligen. Der Klerus. >>> Jeder Fixpunkt. > >> "Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkriege, in der >> ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe >> ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene >> Zeitalter der Sicherheit. Alles in unserer fast tausendjährigen >> österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der >> Staat selbst der oberste Garant dieser Beständigkeit. Die Rechte, >> die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der >> frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau >> begrenzt. [...] > > Letztendlich ist Stefan Zweig in dieser Hinsicht dem gleichen Irrtum > unterlegen, dem wahrscheinlich so gut wie jeder irgendwann einmal > unterliegt: Er nimmt die besten tradierte und am längsten verfügbare > Institution und projeziert alles andere darauf. > > Die 1000 Jahre Monarchie begannen unter den Babenberger, und nach > deren Aussterben 300 Jahre später gab es erst einmal hektisches > Agieren und ein kurzes Interregnum, bis die Habsburger die Macht > übernahmen. Und auch da war nicht alles fix: Gerade einmal 100 Jahre > vorher hatte Napoleon alles durchgerüttelt, sowohl militärisch als > auch politisch (die Archive der Wiener Zeitung sind derzeit noch > öffentlich zugänglich, wenn man viel Zeit hat, kann man sich durch > die Zeit damals im Originalton durchackern). Danach kam Metternich > mit Polizeistaat und Zensur, Mitte des Jahrhunderts dann Revolution > und Verfassung, ab den 1860ern dann auch Parlament. > > Vergleiche das doch einmal mit heute, *so* viel anders sind die > Zeiträume gar nicht (nur der Adel gab sich der Illusion hin, immer > noch auf jahrhunderte alten Fundamenten zu stehen - das war damals > aber schon längst eine reine Illusion) > >> Unsere Währung, die österreichische Krone, lief in blanken >> Goldstücken um und verbürgte damit ihre Unwandelbarkeit. Jeder >> wußte, wieviel er besaß oder wieviel ihm zukam, was erlaubt und >> was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und >> Gewicht. Wer ein Vermögen besaß, konnte genau errechnen, wieviel >> an Zinsen es alljährlich zubrachte > > Naja. Eine Währungsreform 1858, eine weitere 1892. Auch hier sehe > ich keine dramatisch andere Situation als zu unseren Lebzeiten. Aber > Stefan Zweig ist 1881 geboren, sein Rückblick auf die Monarchie > umfasst also die ersten 30 Lebensjahre, und alles davor wird als > fiktives Kontinuum wahrgenommen; Napoleon oder gar der 30-jährige > Krieg schon viel zu lange her, um noch stärker als ein schwaches > Echo aufzutauchen. > >> Diese Stabilität war ja auch das, was die DDR Bürger so geschätzt >> haben an ihrem Staat. Wir im Westen, auch,allerdings waren da die >> Schicksalsläufe schon immer wackeliger und unvorhersehbarer. > > Nicht wirklich, also nicht in den Köpfen. > > Servus, > Stefan > Ich habe währenddessen noch ein bisschen Stefan Zweig weitergelesen (erstmals habe ich das Buch 2014 gelesen, z.T. in Marokko, abends während einer Rundreise). Folgender Absatz, der mir 2014 noch gar nicht beeindruckend oder auffallend erschien, läßt auf erschreckende Weise Parallelen zur Gegenwart erkennen: "In diesem rührenden Vertrauen, sein Leben bis auf die letzte Lücke verpalisadieren zu können gegen jeden Einbruch des Schicksals, lag trotz aller Solidität und Bescheidenheit der Lebensauffassung eine große und gefährliche Hoffart. Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur ›besten aller Welten‹ zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen. Jetzt aber war es doch nur eine Angelegenheit von Jahrzehnten, bis das letzte Böse und Gewalttätige endgültig überwunden sein würde, und dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen ›Fortschritt‹ hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen ›Fortschritt‹ schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglich neuen Wunder der Wissenschaft und der Technik. In der Tat wurde ein allgemeiner Aufstieg zu Ende dieses friedlichen Jahrhunderts immer sichtbarer, immer geschwinder, immer vielfältiger. Auf den Straßen flammten des Nachts statt der trüben Lichter elektrische Lampen, die Geschäfte trugen von den Hauptstraßen ihren verführerischen neuen Glanz bis in die Vorstädte, schon konnte dank des Telephons der Mensch zum Menschen in die Ferne sprechen, schon flog er dahin im pferdelosen Wagen mit neuen Geschwindigkeiten, schon schwang er sich empor in die Lüfte im erfüllten Ikarustraum. Der Komfort drang aus den vornehmen Häusern in die bürgerlichen, nicht mehr mußte das Wasser vom Brunnen oder Gang geholt werden, nicht mehr mühsam am Herd das Feuer entzündet, die Hygiene verbreitete sich, der Schmutz verschwand. Die Menschen wurden schöner, kräftiger, gesünder, seit der Sport ihnen die Körper stählte, immer seltener sah man Verkrüppelte, Kropfige, Verstümmelte auf den Straßen, und alle diese Wunder hatte die Wissenschaft vollbracht, dieser Erzengel des Fortschritts. Auch im Sozialen ging es voran; von Jahr zu Jahr wurden dem Individuum neue Rechte gegeben, die Justiz linder und humaner gehandhabt, und selbst das Problem der Probleme, die Armut der großen Massen, schien nicht mehr unüberwindlich. Immer weiteren Kreisen gewährte man das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, legal ihre Interessen zu verteidigen, Soziologen und Professoren wetteiferten, die Lebenshaltung des Proletariats gesünder und sogar glücklicher zu gestalten – was Wunder darum, wenn dieses Jahrhundert sich an seiner eigenen Leistung sonnte und jedes beendete Jahrzehnt nur als die Vorstufe eines besseren empfand? An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie, die Grenzen von Divergenzen zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen ins gemeinsame Humane und damit Friede und Sicherheit, diese höchsten Güter, der ganzen Menschheit zugeteilt sein." Wandel durch Handel. U.v.a.m. Offenbar dachte man vor 120 Jahren bereits genauso wie wir dachten. Bis ca. 2015. -- please forgive my iPhone typos
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Das russische Volk wehrt sich? Wolfgang Kynast <wky@gmx.de> - 2022-10-17 18:32 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Peter Veith <veith@snafu.de> - 2022-10-17 19:04 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Wolfgang Kynast <wky@gmx.de> - 2022-10-17 19:47 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2022-10-17 19:53 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2022-10-17 18:03 +0000
Re: Das russische Volk wehrt sich? Stefan+Usenet@Froehlich.Priv.at (Stefan Froehlich) - 2022-10-17 18:28 +0000
Re: Das russische Volk wehrt sich? Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2022-10-17 18:41 +0000
Re: Das russische Volk wehrt sich? Dietz Proepper <dietz-usenet@rotfl.franken.de> - 2022-10-17 22:49 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Carlo XYZ <carloxyz@invalid.invalid> - 2022-10-17 23:27 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Dietz Proepper <dietz-usenet@rotfl.franken.de> - 2022-10-17 23:32 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Carlo XYZ <carloxyz@invalid.invalid> - 2022-10-17 23:42 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2022-10-18 00:47 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Dietz Proepper <dietz-usenet@rotfl.franken.de> - 2022-10-18 09:57 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2022-10-18 11:32 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Carlo XYZ <carloxyz@invalid.invalid> - 2022-10-18 11:37 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2022-10-18 12:26 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2022-10-18 00:19 -0700
Re: Das russische Volk wehrt sich? Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2022-10-17 22:59 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Carlo XYZ <carloxyz@invalid.invalid> - 2022-10-17 23:21 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Dietz Proepper <dietz-usenet@rotfl.franken.de> - 2022-10-17 23:29 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Lars Gebauer <lgebauer@live.de> - 2022-10-18 00:43 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Friedrich Karl Siebert <f.k.siebert@online.de> - 2022-10-18 01:33 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Jochen Kremer <jochen.news@kremerweb.de> - 2022-10-18 13:17 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Martin Ebert <mx300@gmx.net> - 2022-10-18 20:04 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Jochen Kremer <jochen.news@kremerweb.de> - 2022-10-18 20:54 +0200
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Re: Das russische Volk wehrt sich? Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2022-10-18 01:11 -0700
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Re: Das russische Volk wehrt sich? Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2022-10-18 00:27 -0700
Re: Das russische Volk wehrt sich? Carlo XYZ <carloxyz@invalid.invalid> - 2022-10-17 23:20 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2022-10-18 00:13 -0700
Re: Das russische Volk wehrt sich? Hartmut Ott <hottm@arcor.de> - 2022-10-18 14:38 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2022-10-18 05:56 -0700
Re: Das russische Volk wehrt sich? Hartmut Ott <hottm@arcor.de> - 2022-10-19 14:52 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Peter Veith <veith@snafu.de> - 2022-10-18 06:30 -0700
Re: Das russische Volk wehrt sich? Martin Ebert <mx300@gmx.net> - 2022-10-18 20:08 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Peter Veith <veith@snafu.de> - 2022-10-18 21:06 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Mike Grantz <invalid@invalid.invalid> - 2022-10-17 21:44 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Dietz Proepper <dietz-usenet@rotfl.franken.de> - 2022-10-17 22:50 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Peter Veith <veith@snafu.de> - 2022-10-17 19:04 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Jochen Kremer <jochen.news@kremerweb.de> - 2022-10-17 19:05 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Mike Grantz <invalid@invalid.invalid> - 2022-10-17 21:38 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Frank Hucklenbroich <hucklenbroich@gmx.net> - 2022-10-18 08:39 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Peter McD <peter.posts@gmx.net> - 2022-10-18 11:35 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Martin Ebert <mx300@gmx.net> - 2022-10-18 20:09 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Peter Veith <veith@snafu.de> - 2022-10-18 21:10 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Martin Ebert <mx300@gmx.net> - 2022-10-18 21:28 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Peter Veith <veith@snafu.de> - 2022-10-19 00:15 -0700
Re: Das russische Volk wehrt sich? Peter Veith <veith@snafu.de> - 2022-10-19 06:40 -0700
Re: Das russische Volk wehrt sich? Frank Hucklenbroich <hucklenbroich@gmx.net> - 2022-10-19 08:47 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2022-10-18 23:57 -0700
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Re: Das russische Volk wehrt sich? Stefan+Usenet@Froehlich.Priv.at (Stefan Froehlich) - 2022-10-19 13:55 +0000
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Re: Das russische Volk wehrt sich? Frank Hucklenbroich <hucklenbroich@gmx.net> - 2022-10-19 08:45 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2022-10-19 00:12 -0700
Re: Das russische Volk wehrt sich? Frank Hucklenbroich <hucklenbroich@gmx.net> - 2022-10-19 11:37 +0200
Re: Das russische Volk wehrt sich? Ulf Kutzner <Ulf.Kutzner@web.de> - 2022-10-18 23:45 -0700
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