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Re: Schweden

From "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org>
Newsgroups ger.ct
Subject Re: Schweden
Date 2020-07-10 17:27 +0200
Organization solani.org
Message-ID <rea1cf$46p$1@solani.org> (permalink)
References <1bkzny4fwbgyl.e7ryakedqd19$.dlg@40tude.net> <f3de62bc-1d26-76dc-b267-262cbffd7166@jtewes.my-fqdn.de>

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Am 10.07.20 um 17:05 schrieb Jörg Tewes:
> Frank Hucklenbroich schrieb:
>> Hallo zusammen,
>>
>> hier mal ein differenzierter, lesenswerter Artikel zu Schweden:
>>
>> https://www.n-tv.de/panorama/Schweden-wird-falsch-verstanden-article21897834.html
>>
>> Die teilweise sehr hohe Sterblichkeit zu Beginn der Pandemit wird damit
>> erklärt, daß man ältere Leute im April quasi überhaupt nicht
>> intensivmedizinisch behandelt hat:
> 
> Ja eben, wie ich imho schon mal schrieb, sie handelten nach dem Motto
> "Wir lassen die Alten sterben, damit die Jungen Spaß haben können".

Zumindest in den Konsequenzen ist das so auf den Punkt gebracht, ja.

Wie das rauswerfen der Weihnachtsbäume in der Ikeawerbung zu "Knut".
Komplett unsentimental und pragmatisch. Skandinavisch spröde.

Das verwundert die Leute bei uns jetzt stark, aber wer das schwedische
Gesundheitssystem kennt und weiß, daß auf lebenswichtige Facharzttermine
und Operationen auch sonst mal leicht ein halbes Jahr gewartet werden
mußte, der versteht das besser. Da haben es aber nur einzelne gemerkt.
Jetzt merkt es die ganze Welt.

Deutsche Ärzte werden in Schweden gesucht und gut bezahlt: sie haben
wirklich Lücken  in der Facharzt-Versorgung.
Und die Arbeitsbedingungen sind für Ärzte paradiesisch: 9-to-5 und gut
bezahlt.

https://schweden.pl7.de/das-schwedische-gesundheitssystem/

"Das schwedische Gesundheitssystem ist staatlich und entwickelt sich zu
einer Katastrophe

Für viele Einwanderer aus Deutschland ist der erste Kontakt mit dem
schwedischen Gesundheitsystem oft ein Schock, da sich der Patient nicht
einfach mal so einen Arzt anrufen kann, um sich mal gründlich
untersuchen zu lassen, wenn er sich nicht ganz wohl fühlt. Kein Thema
wird unter deutschen Einwanderern kontroverser diskutiert als das
schwedische Gesundheitssystem."



https://www.heise.de/tp/features/Als-Patient-in-Schweden-Bitte-warten-3644929.html?seite=all
==============================================
Ein Eindruck vom schwedischen Gesundheitssystem

Es gibt viel Gutes über Schweden zu sagen. Die schöne, aber nicht
unberührte Natur. Die netten, aber distanzierten Menschen. Die offene,
jetzt zunehmend restriktive Flüchtlingspolitik. Sogar die freundliche,
aber unnachgiebige Steuerbehörde. Nur krank werden sollte man hier
besser nicht. Schon gar nicht psychisch.

Knochenbruch? Nicht in Schweden

Um die medizinische Versorgung ist es beim nördlichen Nachbarn
Deutschlands eigentlich gut bestellt. Moderne Einrichtungen,
Universitätskliniken, medizinische Forschung finden sich hier. Beliebt
ist das Land als Auswanderungsziel für deutsche Ärzte wegen seiner
ausgezeichneten Arbeitsbedingungen, so ist beispielsweise Dienstschluss
nach Plan keine Seltenheit.

Die Unterschiede beschränken sich allerdings nicht allein auf die
Ärzteschaft. Auch als Patient ist vieles anders. Im Krankheitsfall ruft
man bei der örtlichen "Vårdcentral", einer Art Polyklinik, an. Bereits
dies kann eine Herausforderung darstellen: In manchen Kliniken beginnen
die Telefonzeiten um 8 Uhr, und zehn Minuten später sind bereits alle
Zeiten ausgebucht. Zumal längst nicht jeder auch einen Termin bekommt.

Der Anruf wird von einer Krankenschwester entgegengenommen, die den
Zustand des Anrufers abfragt. Erst dann entscheidet sie, ob sie einen
Arzt hinzuzieht oder den Anrufer mit einigen Ratschlägen vertröstet.
Selbst bei Verdacht auf Knochenriss seitens des Anrufers erhält dieser
mit etwas Glück einen Termin bei einem Allgemeinarzt in der Vårdcentral.
Ab Mai soll in mindestens einem Regierungsbezirk eine Strafzahlung von
umgerechnet etwa 20 Euro verlangt werden, wenn man einen solchen Termin
innerhalb von 24 Stunden absagt.

Nimmt man den Termin wahr, so wird der Arzt bzw. die Ärztin dann, wenn
er oder sie es für notwendig erachtet, eine Überweisung ins nächste
Krankenhaus ausstellen, das den Patienten dann beispielsweise röntgen
und weiter versorgen kann. Handelt es sich um eine aufwändigere
Operation, so ist es durchaus nicht unüblich, dass die Verletzung erst
einmal provisorisch zwischenversorgt wird, bis ein Operationstermin in
einigen Monaten gefunden werden kann.

Zwar ist es möglich, direkt online einen Antrag bei einer Spezialklinik
zu stellen, aber auch dort werden Bearbeitungszeiten von bis zu zwei
Wochen angegeben. Übrigens wird eine Patientengebühr ab etwa 15 Euro
schon beim Vorsprechen beim Allgemeinarzt verlangt und kann für Besuche
bei Fachärzten auf über 40 Euro ansteigen. Kinder allerdings bezahlen
nichts.

Nach einer Therapie liegen die Dinge nicht unbedingt besser. Selbst nach
Behandlungen wegen Bandscheibenvorfall bis hin zu schwerwiegenden
Eingriffen wie Krebsoperationen wird zudem äußerst sparsam mit
Rehabilitationsmaßnahmen umgegangen. Den Patienten werden einige
Hinweise gegeben, welche Übungen sie machen sollen, und dann werden sie
nach Hause entlassen. Das fördert zweifellos die Eigenverantwortung, ist
jedoch in einem mit Kuren und Reha-Maßnahmen reichlich versorgten Land
kaum vorstellbar.

Zumal den Ärzten zwar durchaus nicht Kompetenz abgesprochen werden kann.
Nur inwieweit sie diese zugunsten des Patienten zur Anwendung bringen,
steht auf einem anderen Blatt. Nicht umsonst ist das allzeit ärztlich
empfohlene und häuslich als Universalheilmittelchen angewendete Präparat
das Schmerzmittel Alvedon.

Auf der anderen Seite wird durch dieses System dem deutschen Standard
der schonungslosen Ausbeutung von Klinikärzten mit 48-Stunden-Schichten
und Wochenendarbeit vorgebeugt. Manch ein deutscher Arzt dürfte sich im
Paradies wähnen, wenn er an ein schwedisches Krankenhaus mit seinem
pünktlichen Arbeitsschluss wechselt.

Die Gründe für diese Zustände sind zum einen sicherlich strukturell
bedingt und in einem gewissen Maße in der Mentalität begründet, zum
anderen mangelt es aber ganz schlicht an Ärzten. Und das nicht nur im
dünn besiedelten Norden des Landes, sondern auch im vergleichsweise
dichtbevölkerten Süden.

Ein "Ärzteschaulaufen", wie es aus Deutschland bekannt ist, wird durch
dieses System effektiv unterbunden - eine schnelle Behandlung jedoch
unter Umständen auch.

Die Psychiatrie: Man fühlt sich an an Stieg Larssons Millennium-Trilogie
erinnert

Das schwedische Psychiatriesystem erweckt den Eindruck, als wolle es die
Vorliebe dieses Landes für besonders harte Kriminalliteratur erklären
wollen. Ja, es erscheint wie bittere Realsatire auf das Land der
Wallanders und Blomquists.

Die Zeitung Aftonbladet schreibt, dass 10% der Männer, die einen Mord an
nächsten Angehörigen begingen, in den Wochen zuvor Kontakt mit der
Psychiatrie gehabt hatten, und 5% baten sogar unmittelbar vor der
Bluttat dort um Hilfe.

Beispiele finden sich reichlich: Eine kommunale Pflegehilfe erkannte,
dass ein Klient extreme psychische Störungen entwickelte, jedoch war
dafür die Psychiatrie zuständig. Als diese untätig blieb, wurde der
Betroffene zum Mörder. Ein Hilfesuchender wurde von einer Stockholmer
Psychiatrie mit Medikamenten abgespeist, legte daraufhin Feuer in seiner
Wohnung und griff die eintreffende Polizei mit einer Machete an. Und
eine Betroffene schreibt in ihrem Blog, die Psychiatrie habe ihr
sinngemäß geantwortet: "Ja, es geht dir schlecht, aber nicht schlecht
genug, um bei uns Hilfe zu bekommen."

Eine andere suizidgefährdete Person konnte zwar von ihrem Betreuer
rechtzeitig in die Psychiatrie gebracht werden, wurde aber abgewiesen,
da sie noch keinen Suizidversuch unternommen hätte. Den unternahm sie
danach und musste schließlich doch eingeliefert werden.

Das schalenartig gestaffelte Gesundheitssystem ist eines der Gründe. Das
Vorgehen ist für Betroffene das gleiche wie für physisch Kranke. Hier
überlegt sich die Krankenschwester am Telefon, ob sie den Anrufer
abwimmeln oder einen "Kurator" hinzuziehen möchte; dies ist oft ein
Sozialarbeiter, kein Arzt. Wenn dieser Kurator glaubt, dass der Fall
schwerwiegend genug ist, sendet er einen "Remiss" an die Psychiatrie, wo
eine Remissgruppe darüber berät. Eventuell wird mit dem Betroffenen
danach ein Termin vereinbart, durchaus auch erst in einem Vierteljahr.
Da wird dann bestimmt, ob eine Kontaktperson abgestellt wird oder ob
eine Einweisung in die Akutpsychiatrie erfolgt.

Die Akutpsychiatrie ist aber keine Lösung: Hier erfolgt zumeist
medikamentöse Einstellung statt Therapie. Bestenfalls wird ausgelotet,
ob der Hilfesuchende daheim einen ständigen Betreuer oder Medikamente
bekommt. Wer selbst in die psychiatrische Notaufnahme geht, wird auch
mal vier Stunden im Wartezimmer hingehalten; dass der Hilfesuchende
irgendwann heimgeht und sich umzubringen versucht, ist nicht ungewöhnlich.

Selbst in einem Suizidbrennpunkt ist dieses Vorgehen Alltag. Mit
potenziell fatalen Folgen: Kürzlich wurden bei dem Klienten eines
Betreuers deutliche Anzeichen für "Leaking" entdeckt. Dies ist die bei
Anschlägen wie in Columbine, Erfurt oder Emsdetten dokumentierte
Anhäufung von Andeutungen, dass ein Amoklauf geplant wird. Zudem stand
ein großes Straßenfest mit einigen tausend Besuchern vor der Tür. Der
Sozialarbeiter rief in der Psychiatrie an. Auch er bekam zunächst nur
eine Krankenschwester ans Telefon.

Anstatt ihn aber schnellstmöglich an einen Facharzt weiterzuleiten,
wollte oder konnte sie nicht verstehen: Der Klient solle doch selber
anrufen und einen Termin machen. Erst auf wiederholtes Drängen hin ließ
sie sich dazu überreden, die Information weiterzugeben. Was zunächst
misslang, da der Facharzt gerade Mittag machte. Als er dann aber
zurückrief, gab er sich verwundert, sei es doch um die Organisation
eines Krankentransports gegangen — nicht etwa um einen angekündigten
Amoklauf. Während die Betreuer des Drohenden bereits in
Alarmbereitschaft, aber handlungsunfähig waren, wäre der Facharzt ohne
Hartnäckigkeit also nicht einmal über den Fall informiert worden.

Es hätte sich inmitten einer idyllischen Kleinstadt allzu leicht eine
Bluttat wie in München wiederholen können. Immerhin werden solche
Zustände gelegentlich kritisiert. So spricht der Psychologe Lennart
Lundin in Dagens Nyheter von einem eklatanten Systemfehler. Dies schlägt
sich in der mangelhaften Kommunikation zwischen Kliniken und kommunalen
Betreuungseinrichtungen nieder, was gelegentlich am arrogant oder
inkompetent anmutendem kooperativen Desinteresse sei es der
vorgeschalteten Krankenschwestern und Pfleger, sei es der
psychiatrischen Ärzte liegen mag. Lundin kritisiert, dass psychisch
Kranke vom System hin- und hergeschoben würden.

Ob es an Wurstigkeit, Selbstzufriedenheit, Bequemlichkeit oder Naivität
liegt, manch einem Betroffenen mag der direkte Weg in einen Eissee
allemal als der einfachere erscheinen. Da wird er wenigstens nicht von
Telefonisten abgewiesen.


> 
>> "Die Studie muss noch unabhängig überprüft werden, aber sie deckt sich mit
>> Meldungen, die bereits im Mai Aufsehen erregten. So sagte der Leiter eines
>> schwedischen Gesundheitszentrums in Lappland, über 80-Jährige würden
>> aussortiert, die Statistik spreche hier für sich. Tatsächlich wurden laut
>> Tagesschau.de bis Anfang Mai von 5200 positiv getesteten Patienten in
>> dieser Altersgruppe lediglich 50 medizinisch intensiv betreut."
> 
>> Danach habe man das Geschehen aber verhältnismäßig gut in den Griff
>> bekommen.
> 
> Die Aussage ist ziemlich zynisch vor dem Hintergrund das man mal eben
> 5000 MEnschen sterben läßt.
> 

Ja.

> 
>         Bye Jörg
> 

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Schweden Frank Hucklenbroich <Hucklenbroich01@aol.com> - 2020-07-10 10:52 +0200
  Re: Schweden "Ralph A. Schmid, dk5ras" <ralph@schmid.xxx> - 2020-07-10 14:03 +0200
    Re: Schweden Gerrit Heitsch <gerrit@laosinh.s.bawue.de> - 2020-07-10 14:06 +0200
      Re: Schweden "Ralph A. Schmid, dk5ras" <ralph@schmid.xxx> - 2020-07-10 14:19 +0200
        Re: Schweden Gerrit Heitsch <gerrit@laosinh.s.bawue.de> - 2020-07-10 14:27 +0200
        Re: Schweden Ulf.Kutzner@web.de - 2020-07-10 07:10 -0700
    Re: Schweden Martin Τrautmann <t-usenet@gmx.net> - 2020-07-10 14:20 +0200
  Re: Schweden Jörg Tewes <jogi1964@gmx.net> - 2020-07-10 17:05 +0200
    Re: Schweden "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2020-07-10 17:27 +0200
      Re: Schweden Ulf.Kutzner@web.de - 2020-07-10 10:26 -0700
        Re: Schweden Dr. Joachim Neudert <neudert@5sl.org> - 2020-07-10 17:31 +0000
          Re: Schweden Ulf.Kutzner@web.de - 2020-07-10 10:44 -0700
  Re: Schweden Martin Τrautmann <t-usenet@gmx.net> - 2020-07-14 12:10 +0200
    Re: Schweden Martin Τrautmann <t-usenet@gmx.net> - 2020-07-14 12:51 +0200
    Re: Schweden "Dr. Joachim Neudert" <neudert@5sl.org> - 2020-07-14 12:54 +0200
      Re: Schweden Martin Τrautmann <t-usenet@gmx.net> - 2020-07-14 13:37 +0200

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