Path: csiph.com!fu-berlin.de!uni-berlin.de!individual.net!not-for-mail From: Ewald Pfau Newsgroups: de.sci.electronics,de.etc.sprache.deutsch Subject: Re: pidgin (was: Gerlich und Tscheuschner / deutsche Version) Date: 6 Mar 2016 14:00:01 GMT Lines: 146 Message-ID: References: <201603052342.a59350@b.maus.de> Mime-Version: 1.0 Content-Type: text/plain; charset=UTF-8 Content-Transfer-Encoding: 8bit X-Trace: individual.net FaHNTiZAfDhvVTHllM1GHAhqLW70GRTjEeWOlZYgLF3vu3JM5U Cancel-Lock: sha1:G/z5VGfa8axFeG993ZT3iagRp+s= Xref: csiph.com de.sci.electronics:203623 de.etc.sprache.deutsch:310325 [aus Spaß an der Freude & überhaupt parallel nach desd] Axel Berger : > horst-d.winzler wrote on Sat, 16-03-05 10:50: >> Ein wesentlicher Unterschied ist das Idiom der Sprachen. Wer diese >> Unterschiede planieren will > Wer will das? Es geht hier nicht um Alltagssprache, nicht um > Belletristik, nicht um Gesang oder Poesie sondern um den > wissenschaftlichen Diskurs. Es geistert mancher Unsinn herum, was Sprachen anbelangt. Mit menschlicher Sprache irgendetwas anstellen zu wollen, setzt prinzipiell voraus, dass die Nennungen in dieser Sprache rückverkoppelt sind in den Schatz eines großen semantischen Netzes von Polaritäten, mit denen sich Querbezüge elaborieren lassen. Und je größer dieses Netz ist, auch durch Parallelitäten in geübter Mehrsprachigkeit, desto leichter tut sich das Personal, die Assoziationen möglichst treffend aus dem Hut zu zaubern, mit denen sie das anstellen wollen, was sie anstellen wollen. Dieser strukturale Ansatz stammt aus den 1930er Jahren (wer weitersuchen will, mag vielleicht mit Ferdinand de Saussure beginnen), hat sich bewährt und ist seither eine tragfähige Grundlage, über Sprache selbst sprechen zu können. Er hat nur leider einen kleinen Nachteil auf der ideologischen Schiene: es ist ein Ansatz, der ausschließlich auf Relationen aufbaut. Und damit schaut die ganze Klientel unbefriedigt durch die Finger, deren Weltbild sich als permanenter orgiastischer Materialismus abspult. Zudem muss man eben um das kleine Eck herumdenken: nur weil man eine Nennung in die Welt gesetzt hat, ist nicht automatisch eine Identifizierung dieser Nennung mit irgendetwas hergestellt, das es auf der Welt gibt. Nein, diese Identifizierung wird man auch in einer Fachsprache nicht rigoros durchsetzen können. Es ist immer der Rückbezug auf Polaritäten in einem semantischen Netz mit dabei, mit dem eine Nennung erst sinnvoll wird. Natürlich kann man nun per Abmachung ein fiktives tyrannisches System etablieren, wo solche Identifizierung per Diktat etabliert wird - auf die Art: wenn ich A sage, meine ich exakt das Ding, das dort dumm herumsteht. Nur ist das dermaßen weit von der tatsächlichen Sprachverwendung entfernt, dass dann permanent der erklärende, einschränkende, ausweitende Rückgriff auf die Position einer Nennung in semantischen Netzen erfolgt. Es bleibt das Diktat eine pure Fiktion. Erschwerend kommt noch der gesellschaftliche Stand des Betriebs hinzu, dem erst im 20. Jh. der fulminant um sich greifende Stellenwert zugeordnet wurde, entsprechend mit Mitteln ausstaffiert, dem handelnden Personal ein stolzer Glorienschein dazu. Man nehme die Finger und zähle ab, welche Motivation da dahintersteht, und es verbleibt nur ein Posten von entsprechend weittragender Bedeutung, das ist der Ausblick politischer Mächte, sich im Konzert der Mächte ungestraft aggressiv gebärden zu können. Und das wiederum, deshalb die Erwähnung hier, ist ein ausschließlich materialistisches Theater. Dass sich das jeweils handelnde Personal damit bescheiden solle, es seien nicht die Dinge an sich im Spiel, indem von ihnen die Rede ist, sondern zunächst nur ein frei in der Luft hängendes Spiel von Relationen, wird bei solcher Grundlegung dann auf allen Rängen die Beteiligten überfordern. Man muss dazurechnen, dass dies im römisch-christlichen Abendland spielt, dessen Daseinsberechtigung unentwegt auf Aggressivität gründete, eben im römisch imperialen Sinn mit brav umgehängter Absolution dank angeketteter Kasernierung der Glaubensfragen. Da bleibt nicht viel Platz im Kopf, solch kleine elementare Umwege stets mitzudenken, wie das genau ist, wenn man denkt und dann eine sprachliche Nennung in die Welt setzt. Nein, Wissenschaft war, sobald sie nach dem ersten Weltkrieg in die gesellschaftliche Breite ging, zugleich der Büttel der imperialen Geste und ist dem seither treu geblieben. Diese Art von Befangenheit verstellt dann wiederum den Blick auf vieles andere. Ein schräges Theater, hierzu noch angefügt, spielt die Informatik als Hüterin von einbetoniertem Gedankenwerk, wo in den Jahrzehnten ihrer Aufbruchstimmung zwar stets von Sprache die Rede war, ich aber nie finden konnte, dass dies je die Rückverkettung in das bereits vorhandene Werkzeug zur tragfähigen Beschreibung von Sprache mit beinhaltet hätte. Das wurde einfach ignoriert, dass die Menschheit an der Stelle bereits in der Lage war, etwas präziser zu sagen, wovon die Rede ist, wenn vom Reden die Rede ist. Stattdessen wurde dem Spiel mit dem Gedankenbeton, also der ganzen Programmierei, der materialistische Zinnober als Ersatz übergestülpt, der eben auch wiederum der Tradition mit den imperialen Gesten Genüge tun konnte. Ein trauriges Theater wiederum spielt sich dort ab, wo gerade in diesen Jahrzehnten Bildungssysteme zerschlagen wurden, um, per einer Stufe ungenierter, deren Merkantilisierung betreiben zu können, und im Zuge dessen dann, in Fortführung des imperialen Gestikulierens, auch noch die Sprache ausgetrieben werden soll, in der die Kandidaten den Betrieb ihrer fachkundlichen Rückverkettungen in ihre muttersprachlich solide begründeten Kompetenz bittesehr aufgeben mögen, als da der Imperator nämlich diktierte, eine materialistisch dinghafte Primitivversion des Verstehenkönnens sei nun das Maß aller Dinge. Als Karikatur könnte man das ja ganz spaßig ausmalen, aber als Zumutung an konkret den Bildungsbetrieb von ganz EU-ropa ist das eine umfassende Katastrophe, die langsam aber sicher nun in Fahrt kommt. > Wir sind die letzten, die mosern dürfen. Englisch ist eine germanische > Brudersprache des Deutschen. Viel schwerer haben es die chinesischen, > japanischen, türkischen und Slawischen Muttersprachler, aber Du darfst > Dich gern, um ihnen das Leben zu erleichtern, in deren Muttersprachen > mit ihnen austauschen. Es ist ja gewiss wunderschön, eine gemeinsame Verkehrssprache bemühen zu können, aber wenn man das durchbuchstabiert, was damit alles losgetreten wird, indem man es in Verwendung hat, sollte man doch bitte um mindestens ein fettes Pfund genauer hinschauen. Einzelnen Nennungen kommt nur damit eine genaue Bedeutung zu, dass sie in Relation zu anderen Nennungen stehen, und das in jeder anderen Sprache auf je andere Art. Als Beispiel: Oft kann man in einer Sprache Unterschiede ausdifferenzieren, für die in der anderen Sprache die Worte fehlen, wo also umschrieben werden muss, indem dann gestöbert wird, was womit in welcher Art im Zusammenhang steht, wie es für den Augenblick dann von Bedeutung ist. Dass jemand für alle Lebensbereiche in allen Sprachen, die ihm zur Verfügung stehen, gleich gut geübt ist, wird man kaum ja antreffen. Mit dem Gebrauch einer anderen Sprache wird man umschalten in Zusammenhänge, worin man in der anderen Sprache sich leichter bewegt (wo die Polaritäten in den semantischen Netzen solider aufgespannt sind, sozusagen). Man wird also zum sprachlichen Ausdruck kaum je auf das volle Paket an Lebenserfahrung zurückgreifen, wie man es muttersprachlich kann. Man wird ersatzweise vielleicht das volle Paket etwas umständlicher andeuten können, etwa, statt durch die treffende Nennung in der Zielsprache durch eine Fülle von Nennungen, mit denen das angenähert wird. Man kann das auch anders beobachten, wenn man einen Text in einer Sprache liest, selbst wenn man hinterher sogar vergessen hat, in welcher Sprache das war, ist es doch während des Lesens ungemein lästig, Passagen aus dem Text in wiederum einer anderen Sprache lesen zu müssen. Dieses Hin- und Herschalten zwischen verschiedenen Arten, einen Horizont in einem Konzert von Rückverkettungen parat zu halten, ist doch arg lästig, wenn man dem Text genauer nachgehen will. Wieder anders ist es, wenn von hinnen nach dannen übersetzt wird, wenn man für's Grobe erstmal garnicht vorhat, die genaue Einbettung von Nennungen im Zusammenhang mit anderen Nennungen derselben Sprache zuzuordnen. Bis dahin mal der grobe Versuch, die Linien entlang einer hier offenbar seltener gebrauchten Übung zu skizzieren. Womöglich isses dann, als da nicht so geläufig, leider auch nicht ganz so trivial. Claude Lévy-Strauss hatte einst den struktualen Ansatz aus der Warte des abstrakt arbeitenden Anthropologen weitergedacht, die daraus entstehende Darstellung ist hernach um die Welt gegangen, auf Deutsch zu finden unter "Das wilde Denken" - vielleicht ist es einleuchtender, sich dem anders konturierten Werkzeug auf dieser Linie anzunähern, statt auf der Ebene alleine der Linguistik.